{"id":16629,"date":"2006-04-12T07:22:11","date_gmt":"2006-04-12T07:22:11","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/04\/erich-loest-der-moerder-sass-im-wembley-stadion\/"},"modified":"2022-06-12T23:58:24","modified_gmt":"2022-06-12T21:58:24","slug":"erich-loest-der-moerder-sass-im-wembley-stadion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/04\/erich-loest-der-moerder-sass-im-wembley-stadion\/","title":{"rendered":"Erich Loest: Der M\u00f6rder sa\u00df im Wembley-Stadion"},"content":{"rendered":"\n<p>Sieben Jahre Zuchthaus lagen hinter Erich Loest, als ihn wirtschaftliche Erw\u00e4gung und politische Notwendigkeit zum Autor kriminalliterarischer Harmlosigkeiten machten. Das w\u00e4re eigentlich auch schon das Spannendste an \u201eDer M\u00f6rder sa\u00df im Wembley-Stadion\u201c.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Aber nein, das Buch hat was. Der Kriminalroman als letzte Fluchtburg des bedr\u00e4ngten Schriftstellers, der Schriftsteller als Bed\u00fcrfnisbefriediger, der die Eingeschlossenen \u00fcber die Mauer hebt und durch London spazieren l\u00e4sst \u2013 ein London, das Loest sich aus B\u00fcchern zusammenreimt und das mit den Tatsachen grotesk kollidiert, aber was soll\u2019s.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fall ist reine Kolportage. B\u00f6se Buben und die Andeutung einer femme fatale, ein biederer Inspektor samt verst\u00e4ndnisvoller Hausfrau, eine unschuldige Maid und im Hintergrund der mysteri\u00f6se Obergauner, \u201eDer Delphin\u201c genannt. Das erinnert an den \u201eZinker\u201c, den \u201eHexer\u201c, den \u201eHai\u201c, die ganze unfreiwillige Komik der deutschen Edgar-Wallace-Verfilmungen, auch an den gro\u00dfen englischen Postraub und seine deutsche TV-Adaption \u201eDie Gentlemen bitten zur Kasse\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nat\u00fcrlich die Fu\u00dfballweltmeisterschaft 1966, die Loest geschickt zur atmosph\u00e4rischen Kulisse der turbulenten Jagd umgestaltet, Highnoon w\u00e4hrend des Endspiels. Uwe Seeler mit \u201edenkenden Beinen\u201c, das legend\u00e4re Spiel der Nordkoreaner gegen Italien, nur das unsterbliche dritte Tor wird nicht erw\u00e4hnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der routinierte Autor Loest hat keine Probleme, sein dramatisches England spektakul\u00e4r und genregerecht zu entwickeln. Es wird geraubt und gemordet, gefahndet und verd\u00e4chtigt, falsche Spuren sind falsche Spuren und \u201eder Delphin\u201c am Ende doch der, den man von Anfang an in Verdacht hatte. Lockere Unterhaltung allemal und nicht schlechter als die Mehrzahl der artverwandten Erzeugnisse jenseits der gro\u00dfen Mauer.<\/p>\n\n\n\n<p>P\u00fcnktlich zur heurigen WM hat Loest nun seinen alten, aber merkw\u00fcrdigerweise bei aller Versatzst\u00fcckhaftigkeit mit milder Nostalgie nett zu lesenden Krimi neu aufgebrezelt. Leider verr\u00e4t er uns nicht, wo und wie, so dass wir nicht wissen, ob der anl\u00e4sslich eines Gef\u00e4ngnisausbruchs fallende Satz <em>\u201eVermutlich besa\u00df jeder Mensch irgendein dummes Freiheits-Gen\u201c<\/em> original ist oder neu. Na, sei\u2019s drum. Loest hat sich damals \u00fcber die Runden geschrieben, ehrenvoll und handwerklich solide. Dass er den Krimi niemals ernsthaft als literarische M\u00f6glichkeit sah und auch nicht sehen durfte, sei ihm verziehen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Erich Loest: Der M\u00f6rder sa\u00df im Wembley-Stadion. <br \/>Steidl 2006. 200 Seiten. 10 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sieben Jahre Zuchthaus lagen hinter Erich Loest, als ihn wirtschaftliche Erw\u00e4gung und politische Notwendigkeit zum Autor kriminalliterarischer Harmlosigkeiten machten. 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