{"id":16642,"date":"2006-04-18T07:51:17","date_gmt":"2006-04-18T07:51:17","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/04\/alan-furst-dark-voyage\/"},"modified":"2022-06-13T00:07:12","modified_gmt":"2022-06-12T22:07:12","slug":"alan-furst-dark-voyage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/04\/alan-furst-dark-voyage\/","title":{"rendered":"Alan Furst: Dark voyage"},"content":{"rendered":"\n<p>In Deutschland scheint nur Tobias Gohlis Alan Fursts Lied zu singen: Schon zweimal hat Gohlis dem Lob des Autors kostbaren Platz in seiner monatlichen Kolumne in der ZEIT zur Verf\u00fcgung gestellt. Sehr gro\u00df ist ansonsten in Deutschland die Resonanz auf neue B\u00fccher des Autors nicht. Zwei DKP aus den 80er Jahren zeigen, dass das einmal anders war. Der Edgar 1976 f\u00fcr den besten Erstling des Jahres bezeugt zudem, dass hier ein ehemaliges Talent und ein nunmehr routinierter Autor schreibt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Dass Alan Furst hierzulande so relativ wenig gew\u00fcrdigt wird, liegt wom\u00f6glich daran, dass er \u201eSpionageromane\u201c schreibt, also B\u00fccher die von den Lesern klassischer Krimis immer etwas scheel, gewisserma\u00dfen als illegitime Verwandte angesehen werden. Einfach zu lesen sind seine B\u00fccher nicht, sie blenden nicht durch vordergr\u00fcndige Aktion und aufgesetzte Spannung, sondern sie entwickeln eine ganz eigene Atmosph\u00e4re und durch die reduzierte Sprache eine k\u00fchle Spannung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder einmal lenkt Furst unseren Blick auf die sogenannten kleinen Begebenheiten im zweiten Weltkrieg. \u201eDark Voyage\u201c ist ein zu Wasser gelassener \u201eRoad Movie\u201c. Das Buch erz\u00e4hlt die Geschichte eines holl\u00e4ndischen Handelsschiffs, der &#8222;Noordendam&#8220; und seines Kapit\u00e4ns im Sommer 1941. Der Reeder beschlie\u00dft, dass es an der Zeit ist, gegen die deutsche Besatzung Flagge zu zeigen, und bietet den Briten die Dienste des Schiffs an. Erst f\u00e4hrt es im Auftrag der Briten \u00fcbers Mittelmeer, dann mit einem Geheimauftrag ausgestattet \u00fcber den Nordatlantik in die Ostsee.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn auch ein R\u00e4tsel im klassischen Sinne nicht zu l\u00f6sen ist, baut das Buch dennoch genug Spannung auf. Die Besatzung des Schiffes, genauso wie der Leser, tappt im Dunkeln und wei\u00df nicht, wohin die Reise das Schiff f\u00fchren wird. Die Zeiten sind gef\u00e4hrlich. Deutschland und seine Verb\u00fcndeten dominieren und kontrollieren zu jenem Zeitpunkt des Kriegs den gr\u00f6\u00dften Teil der Seewege. Immer wieder wird das Schiff und sein Kapit\u00e4n mit gefahrvollen Situationen konfrontiert. Und w\u00e4hrend das Schiff unterwegs ist, um seinen Geheimauftrag zu erf\u00fcllen, versteht der Leser nur zu gut, dass diese Aufgabe nur ein winzig kleines Mosaiksteinchen f\u00fcr die Entscheidung des Kriegs ist (wenn \u00fcberhaupt), dass aber f\u00fcr die Besatzung ihr Leben daran h\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p>Erz\u00e4hlt wird die Geschichte aus der Sicht des Kapit\u00e4ns. Auch er ist Holl\u00e4nder und gefangen in einer Weltsituation, die vielleicht die Flucht in eine kleine Romanze, nicht aber die Flucht in einen sicheren Hafen zul\u00e4sst. Kein Held, aber ein Mann, moralisch integer, der zielstrebig seinen Idealen folgt und konsequent an der Erf\u00fcllung seiner Aufgabe arbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDark Voyage\u201c ist aus mehreren Gr\u00fcnden ein \u00e4u\u00dferst wohl geratenes Buch. Zum einen ist Alan Furst ein sehr guter Erz\u00e4hler, der ganz ruhig und klar seine Geschichte entwickelt und uns am Ende, auch vom Aufbau her, vom Setzen der Spannungsmomente und der Darstellung der Personen \u00fcberzeugt. Die Geschichte wirkt historisch stimmig und scheint den Geist der damaligen Zeit korrekt und atmosph\u00e4risch dicht wiederzugeben. Alan Furst ist aber auch ein Autor, dessen Sprache \u00fcberzeugt. Sie erinnert an einen roten Burgunder. Wo der Wein d\u00fcnn und unscheinbar wirkt und doch ausreichend Muskeln hat, um so lange haltbar zu sein, wie nur wenige andere, da wirkt die Sprache Fursts unscheinbar und doch ist sie voller Saft und Kraft.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein gelungenes Buch, keine Frage. Mehr noch vielleicht als bei seinem unmittelbaren Vorg\u00e4nger wird hier eine abgeschlossene Episode erz\u00e4hlt, so dass das Buch noch etwas stimmiger wirkt. Wie alle B\u00fccher Fursts f\u00fchrt es auch einen Subtext mit, der uns etwas \u00fcber die Bedingungen des Krieg und seine R\u00fcckwirkung auf Einzelpersonen zu erz\u00e4hlen versucht. Wer bereit ist, sich darauf einzulassen, wird mit einem reichen Lesevergn\u00fcgen belohnt.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Alan Furst: Dark Voyage. <br \/>Phoenix 2005. 309 Seiten. 11,50 \u20ac <br \/>(deutsch als \"Die Stunde des Wolfs\". Blessing 2005. 351 Seiten, 19,90 \u20ac)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Deutschland scheint nur Tobias Gohlis Alan Fursts Lied zu singen: Schon zweimal hat Gohlis dem Lob des Autors kostbaren Platz in seiner monatlichen Kolumne in der ZEIT zur Verf\u00fcgung gestellt. Sehr gro\u00df ist ansonsten in Deutschland die Resonanz auf neue B\u00fccher des Autors nicht. Zwei DKP aus den 80er Jahren zeigen, dass das einmal [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":42,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-16642","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"Bernd Kochanowski","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/bernd-kochanowski\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16642","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/42"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=16642"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16642\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=16642"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=16642"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=16642"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}