{"id":16643,"date":"2006-04-19T07:54:56","date_gmt":"2006-04-19T07:54:56","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/04\/krimikritik-1929\/"},"modified":"2022-06-16T04:00:35","modified_gmt":"2022-06-16T02:00:35","slug":"krimikritik-1929","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/04\/krimikritik-1929\/","title":{"rendered":"Krimikritik 1929"},"content":{"rendered":"\n<p>Der Literat Franz Blei, 1871 wohlhabend in Wien geboren, 1942 im Armenhospital von Westbury \/ New York gestorben, war ein r\u00fchriger Mensch. Er dichtete, er gr\u00fcndete Literaturzeitschriften, er f\u00f6rderte die Talente (Musil, Kafka, Robert Walser), er entdeckte die Vergessenen (ETA Hoffmann, Karl Philipp Moritz) neu. Und er schrieb \u201eZu Kriminalromanen\u201c. So lautet der Titel jener kleinen Abhandlung in der Nr. 6 der \u201eRoman-Rundschau\u201c von 1929.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Und der erste Satz ist merkw\u00fcrdig: <em>\u201eIn eines jeden Menschen Blut steigen, solang es lebhaft kreist, Blasen auf.\u201c <\/em>Der zweite expliziert ein wenig, aber noch nicht ausreichend: <em>\u201eW\u00fcnsche, Appetite, Neigungen ganz abwegiger Art \u00fcberraschen.\u201c<\/em> Und der dritte schlie\u00dft den Kreis: <em>\u201eSozial eingeordnet und abh\u00e4ngig gibt dem ein gut dressierter Wille nicht nach.\u201c <\/em>Kurz und knapp: Wir haben alle unsere geheimen Leidenschaften, die abwegig sind und deshalb unter Kontrolle zu halten. Denn:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eDer Mensch ist gar nicht gut. Er hat nur Angst vor den Folgen seines B\u00f6s-Seins. Er spielt das prickelnde Spiel mit seinen untergewu\u00dften M\u00f6glichkeiten, wenn er die Lekt\u00fcre von Kriminalromanen liebt.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Dieser Ansatz ist nicht neu, denn obwohl er einem anderen diametral entgegengesetzt scheint, ist er doch nur dessen Kehrseite. Die Schilderung von Verbrechen als reinigender Akt, der in uns Entsetzen ausl\u00f6st und somit moralische L\u00e4uterung. Das ist Lessing pur, das ist Schiller. Bei Blei h\u00f6rt es sich zwar anders an: Die Schilderung von Verbrechen als die Bewusstmachung unserer Triebhaftigkeit \u2013 der Effekt ist aber \u00e4hnlich: moralische Festigung durch das gefahrlose Ausleben der zu unterdr\u00fcckenden \u201eM\u00f6glichkeiten\u201c. Und so folgert Blei:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eDer Kriminalroman ist die harmloseste Form, in welcher der Mensch sich mit seinen b\u00f6sartigen Neigungen abfindet, sich dabei aber doch immer lebhaft f\u00fcr sie interessierend.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Nach dieser psychologisch-moralischen Einleitung, die ganz im Zeichen der popul\u00e4ren Freudschen Lehre steht, beginnt Blei mit der Analyse und Bewertung von Kriminalromanen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eEr (der Leser; dpr) kommt beim Kriminalroman nicht dazu, sich selber an die Stelle der Figuren zu setzen, denn diese sind beim richtigen Kriminalroman immer sehr schematisch gehalten, da es nicht auf sie, sondern auf die Konstruktion des Falles selber haupts\u00e4chlich ankommt.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Oho. Wir ahnen, was jetzt postuliert wird. Das n\u00e4mlich:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eEr ist wie eine Schachaufgabe. Schwarz und Wei\u00df sind gegeben, mit verschiedenem Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die alte Streitfrage: Was ist der Kriminalroman? Wird hier sehr traditionell beantwortet: Er ist ein Spielzeug, eine Denksportaufgabe. Nach Bleis Er\u00f6ffnung eine entt\u00e4uschende Schlussfolgerung, denn er selbst hat ja die Psychologie ins Spiel gebracht \u2013 und zeigt ihr gleich wieder die rote Karte. Der Leser bleibt distanziert, setzt sich eben nicht \u201ean die Stelle der Figuren\u201c. Die Psychologie bleibt also, was das Verh\u00e4ltnis Text \u2013 Leser anbelangt, eine sehr allgemeine Wissenschaft. Krimis dienen der Triebabfuhr, basta, ansonsten ist es nicht Sache des Autors, psychologisch t\u00e4tig zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Andererseits: Er hat ja nicht unrecht, der Franz Blei, wenn ich mir anschaue, was in den Jahrzehnten nach dieser Erkenntnis so alles passiert ist mit dem Kriminalroman. Er wurde \u00fcberpsychologisiert, die Zeichnung der Figuren hat Oberhand gewonnen und die eigentliche Konstruktion weitgehend verdr\u00e4ngt. Jeder schreibende Zausel gibt sich als Kenner der Seelenzust\u00e4nde seines Personals und verbleibt dabei in der Unverbindlichkeit des Banalen, des Angelesenen. Nur die wirklich Guten verkn\u00fcpfen Psychologie und das, was Blei \u201edie Konstruktion des Falles\u201c nennt so, dass der Leser tats\u00e4chlich und kurzweilig spannend zu Erkenntnissen gelangt, die vielleicht nicht mit den \u201eunterbewu\u00dften M\u00f6glichkeiten\u201c, wie Blei sie sieht, \u00fcbereinstimmen, aber ihm doch Dinge verraten, die er bisher entweder gar nicht wusste oder nur vage in sich vermutete. Dinge \u00fcber sich, die Menschen an sich oder die Welt an sich (ein Aspekt \u00fcbrigens, den Blei v\u00f6llig \u00fcbergeht: Der Krimi als Abbild oder Kommentar zu gesellschaftlichen Zust\u00e4nden.).<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eEs gibt gute Kriminalromane\u201c,<\/em> befindet Blei gegen Ende seines Aufsatzes. <em>\u201eSie sind so selten wie sonst gute Romane.\u201c<\/em> Bon, einverstanden. Aber jetzt wird es r\u00e4tselhaft: <em>\u201eDie mehreren sind schlecht, weil sie in ihrer Voraussetzung sinnlos sind, woran der Ablauf nichts \u00e4ndern kann, denn diese alberne Voraussetzung st\u00f6\u00dft einem sozusagen immer wieder auf.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Welche \u201ealberne Voraussetzung\u201c denn? <em>&#8222;Die meisten B\u00fccher von Wallace sind schlecht.\u201c <\/em>befindet Blei, und da stimmen wir ihm zu. Edgar Wallace war 1929 schon seit Jahrzehnten der absolute Top-Autor, den man las <em>\u201eaus dem tierischen Vergn\u00fcgen, geh\u00e4ufte Greuel vorgesetzt zu bekommen, den thriller zu erleben, wie das die englischen Verleger dieser B\u00fccher in ihren Anpreisungen nennen.\u201c <\/em>Das also ist die eine H\u00e4lfte der \u201ealbernen Voraussetzungen\u201c: Blut muss flie\u00dfen im Buch, Blut muss wallen im Leserk\u00f6rper. Und die andere H\u00e4lfte: <em>\u201e(&#8230;) die verzwicktesten verwandtschaftlichen Beziehungen mit einem melodramatischen Todernst zum Schlu\u00df aufdecken zu m\u00fcssen\u201c. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Oja, das stimmt. Eine Gewaltorgie \u2013 Massenmord \u2013 serial killer \u2013 und am Ende dann steht der Autor vor der undankbaren Aufgabe, all die verwirrten F\u00e4den aufzudr\u00f6seln. Nicht nur verwandtschaftliche Beziehungen m\u00fcssen aufgedeckt werden, nein, alles muss logisch hergeleitet sein, was sich der Logik widersetzt, wird gef\u00fcgig gemacht durch \u201ezus\u00e4tzliche Informationen\u201c, die nicht im Buch stehen und aus diesem nicht ersichtlich werden, sondern dem Detektivenhirn entspringen, der Allwissenheit des Autors, die doch nur sein Unverm\u00f6gen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Gute Autoren nennt Blei auch. Ich muss aber gestehen, dass ich den erstgenannten nicht kenne, es ist <em>\u201eder Norweger und abgefeimte k\u00f6stliche Trunkenbold Elvestadt\u201c<\/em>. Aber den zweit- und letztgenannten kenne ich gut, schon deshalb, weil Bleis Aufsatz im Anschluss an einen Roman dieses Autors steht: Frank Heller, ein Schwede. Der Roman, der zuvor auf 108 zweispaltig gesetzten Seiten gedruckt steht hei\u00dft \u201eMarco Polos Millionen. Psychoanalytischer Kriminalroman\u201c, ist mindestens so k\u00f6stlich wie der norwegische Trunkenbold \u2013 und widerspricht den Bleischen Thesen wo er nur kann. Indem er sie erf\u00fcllt. Dar\u00fcber m\u00fcssen wir aber demn\u00e4chst gesondert verhalten. Verdauen Sie erst mal das hier.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Literat Franz Blei, 1871 wohlhabend in Wien geboren, 1942 im Armenhospital von Westbury \/ New York gestorben, war ein r\u00fchriger Mensch. Er dichtete, er gr\u00fcndete Literaturzeitschriften, er f\u00f6rderte die Talente (Musil, Kafka, Robert Walser), er entdeckte die Vergessenen (ETA Hoffmann, Karl Philipp Moritz) neu. 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