{"id":16656,"date":"2006-04-21T06:48:09","date_gmt":"2006-04-21T06:48:09","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/04\/die-logische-welt-des-frank-heller\/"},"modified":"2022-06-06T23:04:33","modified_gmt":"2022-06-06T21:04:33","slug":"die-logische-welt-des-frank-heller","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/04\/die-logische-welt-des-frank-heller\/","title":{"rendered":"Die logische Welt des Frank Heller"},"content":{"rendered":"\n<p>Frank Hellers \u201eMarco Polos Millionen. Psychoanalytischer Kriminalroman\u201c, 1928 erstmals ver\u00f6ffentlicht und im folgenden Jahr als 6. Band der \u201eRoman-Rundschau\u201c neu aufgelegt, ist das Musterbeispiel eines \u201eSchachromans\u201c. Das Gute macht seine Z\u00fcge, das B\u00f6se reagiert \u2013 oder umgekehrt. Und doch ist es, um es mit \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/04\/krimikritik-1929.php\"> Franz Blei <\/a> zu sagen, ein Krimi \u201emit albernen Voraussetzungen\u201c. Genau das macht ihn stark.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Held des Buches ist Herr Dr. Joseph Zimmert\u00fcr, ein Psychoanalytiker aus Amsterdam. In einer \u00f6ffentlichen Badeanstalt macht er die Bekanntschaft des Astrologen Signor Donati. Und wie es eben so ist, wenn Psychoanalytiker und Astrologe aufeinandertreffen \u2013 sie streiten sich dar\u00fcber, wessen Methoden die zuverl\u00e4ssigsten sind. Und treffen eine Vereinbarung. Jeder der beiden wird seinen n\u00e4chsten Patienten zum Vertreter der anderen Fakult\u00e4t schicken und \u201eanalysieren\u201c lassen. Irgendwie wird man dann sehen, wer recht hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Zimmert\u00fcrs n\u00e4chste Patientin ist das bezaubernde Fr\u00e4ulein Sandra di Passano, Grafentochter aus Venedig, leider verarmt und mit unorthodoxen Ansichten zu Besitzverh\u00e4ltnissen. Sie schildert Zimmert\u00fcr einen immer wiederkehrenden Traum und erw\u00e4hnt, auf Nachfrage, sie habe eine gro\u00dfe Abneigung gegen G\u00e4nseleberpastete aus Stra\u00dfburg. Zimmert\u00fcr gr\u00fcbelt noch und schickt seine Patientin erst einmal zu Donati, damit dieser in die Zukunft der jungen Dame schauen m\u00f6ge.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald darauf erf\u00e4hrt Zimmert\u00fcr, dass die Gr\u00e4fin Passano und der Astrologe \u00fcberst\u00fcrzt Amsterdam verlassen haben. Er sch\u00f6pft einen unangenehmen Verdacht. Hat Donati in der Zukunft der jungen Dame etwas \u201egelesen\u201c, dass ihn dazu ermunterte, Hals \u00fcber Kopf die Stadt zu verlassen? Konnte er ihr etwa \u201edas Idealhoroskop\u201c stellen, welches perfektes Gl\u00fcck und gro\u00dfen Reichtum vorhersagt? Zimmert\u00fcr zaudert nicht. Er muss selbst das Geheimnis ergr\u00fcnden und st\u00fctzt sich dabei auf die \u00c4u\u00dferungen der Patientin. Abneigung gegen G\u00e4nseleberpastete aus Stra\u00dfburg? Dann muss DORT der Schl\u00fcssel zu allem liegen. Also auf nach Stra\u00dfburg! Herausfinden, wo die Familie damals, als Sandra noch ein Kind war, wohnte, was der Vater so trieb&#8230;. und so weiter. Der Fall nimmt Fahrt auf, ein finsterer Bursche erscheint auf der Bildfl\u00e4che, Zimmert\u00fcr ger\u00e4t in Bedr\u00e4ngnis, muss vor der Polizei fliehen und ist seinerseits hinter dem B\u00f6sewicht her, den es schnurstracks Richtung Venedig zieht, wo dann die ganze Romanmannschaft wieder zusammentrifft und das Geheimnis aufdeckt, das, siehe Titel, tats\u00e4chlich etwas mit \u201eMarco Polos Millionen\u201c zu tun hat. Ein Schatz, ein dramatisches Finale \u2013 kein Mord \u00fcbrigens im ganzen Roman \u2013 Happyend.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist einfach witzig erz\u00e4hlt, spannend konstruiert \u2013 aber dennoch: Was soll der Leser davon halten? Der heutige Leser, wollen wir pr\u00e4zisieren, der sofort seinen Fluch \u201eDas ist ja gar kein wirkliches Leben!\u201c auf den Lippen hat? Denn so ist es. Die Geschichte wird durch ein Horoskop und eine Traumdeutung angekurbelt, sie ist logisch, soweit etwas aus solch dubiosen Wurzeln \u00fcberhaupt logisch genannt werden kann. Reines Schach. Schlussfolgerungen aus Schlussfolgerungen aus Schlussfolgerungen. Aber die Basis eben: sehr umstrittene Analysemethoden, nichts von alledem, was wir \u201eWirklichkeit\u201c nennen und von einem Kriminalroman selbst dort verlangen, wo er diese Wirklichkeit nicht thematisiert. Agatha Christies Wirklichkeit etwa mag uns nicht weniger dubios erscheinen als die Hellers, aber sie ist bodenst\u00e4ndiger, nachvollziehbarer als die des Schweden Heller.<\/p>\n\n\n\n<p>Was aber l\u00e4sst \u201eMarco Polos Millionen\u201c dennoch zu einem Lesevergn\u00fcgen werden, selbst dann, wenn man den teilweise absonderlichen Humor des Buches und Hellers unbestreitbare dramatische Finesse au\u00dfer acht l\u00e4sst? Es ist die Atmosph\u00e4re des Buches, seine INNERE Logik. Die Voraussetzungen m\u00f6gen in der Tat \u201ealbern\u201c sein, aber sie werden logisch durch die Art und Weise, wie Heller daraus eine Geschichte strickt. Niemand muss am Ende von der Wissenschaftlichkeit von Psychoanalyse und Astrologie \u00fcberzeugt sein. Aber man wird die Story als solche nicht \u201eunrealistisch\u201c nennen k\u00f6nnen. Sowohl Zimmert\u00fcr als auch sein sterndeutender Konkurrent berufen sich auf Fakten \u2013 auf IHRE Fakten. Sie sind nicht besser und nicht schlechter als andere, denen \u201eNachvollziehbarkeit\u201c zu bescheinigen wir weit eher geneigt sind. Somit bildet der Roman doch Wirklichkeit ab, die Wirklichkeit der Erkenntnisprozesse n\u00e4mlich, die h\u00f6chst subjektiv sind, nicht selten auf Zuf\u00e4lligkeiten basieren, Annahmen, die falsch sein m\u00f6gen, aber dennoch zum Ziel f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Heller \u00fcbrigens, Schwede wie gesagt, als junger Mann mit dem Gesetz in Konflikt geraten, jahrelang auf der Flucht, war einer der beliebtesten Kriminalautoren der Weimarer Republik. Er wurde 1886 als Gunnar Serner geboren und starb 1947 auf der d\u00e4nischen Insel Bornholm an den Folgen eines Fahrradunfalls. B\u00fccher von ihm h\u00e4lt die \u2192<a href=\"http:\/\/www.achilla-presse.de\/\"> Achilla Presse <\/a> bereit, leider nicht \u201eMarco Polos Millionen\u201c und andere Abenteuer des Psychoanalytikers Zimmert\u00fcr. Die suche man sich antiquarisch zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frank Hellers \u201eMarco Polos Millionen. Psychoanalytischer Kriminalroman\u201c, 1928 erstmals ver\u00f6ffentlicht und im folgenden Jahr als 6. Band der \u201eRoman-Rundschau\u201c neu aufgelegt, ist das Musterbeispiel eines \u201eSchachromans\u201c. Das Gute macht seine Z\u00fcge, das B\u00f6se reagiert \u2013 oder umgekehrt. Und doch ist es, um es mit \u2192 Franz Blei zu sagen, ein Krimi \u201emit albernen Voraussetzungen\u201c. 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