{"id":16676,"date":"2006-05-01T09:20:58","date_gmt":"2006-05-01T09:20:58","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/05\/preise\/"},"modified":"2022-06-06T23:56:36","modified_gmt":"2022-06-06T21:56:36","slug":"preise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/05\/preise\/","title":{"rendered":"Preise"},"content":{"rendered":"\n<p>\u00dcber literarische Preise kann man sich freuen oder \u00e4rgern; m\u00fc\u00dfig ist beides. Auch der diesj\u00e4hrige Glauser konfrontiert uns mit den bekannten Einw\u00e4nden: zu sehr Geschmacksurteil, zu wenig transparent. Was mangelnde Transparenz betrifft, bin ich \u00fcberfragt. Wie gl\u00e4sern soll die Wand zwischen den Gehirnen der JurorInnen und denen der Leser eigentlich sein? Detaillierte Begr\u00fcndungen? Und dann?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Alles \u00e4ndert nichts daran, dass Urteile stets Geschmacksurteile sind &#8211; und bitte auch bleiben m\u00f6gen. Denn das Gegenteil von Geschmack ist &#8211; nein, nicht Objektivit\u00e4t, sondern: Politik. Die gro\u00dfen literarischen Preise, allen voran der Nobelpreis, werden nach politischen oder doch wenigstens kulturpolitischen Kriterien verliehen. Mit den bekannten Ergebnissen. Ein Vladimir Nabokov etwas konnte nie den Nobelpreis erhalten, weil er &#8222;Lolita&#8220; geschrieben hat, das Buch, f\u00fcr das ihm eigentlich jeder denkende Mensch den Nobelpreis per Eilpost h\u00e4tte zuschicken m\u00fcssen. Aber eben auch das Buch, das von der schieren Dummheit, der schieren Ignoranz zum &#8222;Skandal&#8220; aufgebauscht wurde. &#8222;Lolita&#8220; auszuzeichnen war nicht opportun, genauso wenig durfte man &#8222;Ulysses&#8220; mit h\u00f6heren Weihen begl\u00fccken, denn das ist schlie\u00dflich Pornografie, und einem Edgar Hilsenrath den Preis zuzuerkennen, das lag nun v\u00f6llig au\u00dferhalb der Vorstellungwelt der Experten, also war G\u00fcnter Grass mal dran.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wenn Experten urteilen, sind Dinge mit im Spiel, die mit dem eigentlichen Gegenstand gar nichts oder nur wenig zu tun haben. Nichts ist so verbreitet wie der Expertenirrtum, der manchmal Kalk\u00fcl ist. Nehmen wir die deutsche Literaturgeschichtsschreibung, nehmen wir den deutschen Krimi. Ich wei\u00df, manche k\u00f6nnen es schon nicht mehr h\u00f6ren, aber ich sage es nochmals: Dass Carl von Holteis &#8222;Schwarzwaldau&#8220; nicht zum Kanon der deutschen Literatur geh\u00f6rt, ist ein &#8222;Expertenurteil&#8220;, das auf geistiger Beschr\u00e4nkung, blankem Zeitgeist und moralischer R\u00fccksichtnahme fu\u00dft. Dass die hochpolitischen Krimis des 19. Jahrhunderts &#8222;vergessen&#8220; wurden, ist, wenn wunderts, eine politische Entscheidung. Soviel zur Objektivit\u00e4t der Experten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Glauser ist, wie DKP oder BestenListe, &#8222;geschm\u00e4cklerisch&#8220;. Es gibt JurorInnen, die teils qualifiziert sind, teils nicht, sie lesen B\u00fccher, die ihnen gefallen oder nicht gefallen, sie ver\u00f6ffentlichen Rankings, die ich Leser, da ich wei\u00df, wie sie zustande gekommen sind, als Richtschnur verwenden kann oder nicht. Das ist unvollkommen, dar\u00fcber kann man streiten, das kann man ablehnen. Was man aber nicht kann: Es besser machen. Ich warte noch immer auf die Ausfertigung der Strukturen der &#8222;gerechten Liste&#8220;, des &#8222;objektiven und transparenten Preises&#8220;, ich werde vergebens warten.<\/p>\n\n\n\n<p>Liebe Freunde. Lest einfach. Lasst euch von meinesgleichen raten, aber glaubt blo\u00df nicht, unsereins w\u00e4re fehlerfrei oder ein aus seiner Geschmackswelt gesch\u00e4ltes Neutrum, das gar nicht irren kann, weil es kein Mensch mehr ist. Letztlich seid ihr immer alleine mit den B\u00fcchern.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber literarische Preise kann man sich freuen oder \u00e4rgern; m\u00fc\u00dfig ist beides. Auch der diesj\u00e4hrige Glauser konfrontiert uns mit den bekannten Einw\u00e4nden: zu sehr Geschmacksurteil, zu wenig transparent. Was mangelnde Transparenz betrifft, bin ich \u00fcberfragt. Wie gl\u00e4sern soll die Wand zwischen den Gehirnen der JurorInnen und denen der Leser eigentlich sein? Detaillierte Begr\u00fcndungen? 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