{"id":16678,"date":"2006-05-03T04:36:03","date_gmt":"2006-05-03T04:36:03","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/05\/laudatio-2006\/"},"modified":"2022-06-16T03:51:42","modified_gmt":"2022-06-16T01:51:42","slug":"laudatio-2006","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/05\/laudatio-2006\/","title":{"rendered":"Laudatio 2006"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Verleihung des Glauser f\u00fcr den besten Kriminalroman des vergangenen Jahres war auch heuer in Koblenz wieder der H\u00f6hepunkt des \u201eCriminale\u201c betitelten Autorenauftriebs der \u201eSyndikats\u201c-Gruppe. Kosten und M\u00fchen wurden wie \u00fcblich nicht gescheut. So hielt keine Geringere als Nelke Leidengleich die Laudatio auf den Gewinnertitel. Frau Leidengleich, die nicht nur Besitzerin einer Fernsehsendung ist und \u201eauch schreibt\u201c, sondern durch ihren Auftritt als Mordopfer in einem legend\u00e4ren \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/promi\/stat17.php\"> Internetkrimi <\/a> (der Name wurde aus Diskretionsgr\u00fcnden leicht abgewandelt) quasi pr\u00e4destiniert scheint f\u00fcr das kriminelle Wort zur kriminellen Tat der kriminellen Vereinigung. Hier nun exklusiv einige Ausschnitte aus dieser Laudatio.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eMeine sehr verehrten Damen und Herren. \u201aAber ich lese doch keine Krimis!\u2019 rief ich aus, als mich eine Delegation ihres Vereines bat, hier im sch\u00f6nen Koblenz zu Ihnen zu sprechen. \u201aWir auch nicht\u2019, antwortete der Delegationsleiter, \u201awir schreiben nur welche.\u2019 Und so kommt es nun, dass ich zu Ihnen \u00fcber etwas spreche, das ich nicht kenne. So etwas nennt man Fernsehen, und wie ich sehe, sind die Kameras auch schon aufgebaut.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich besitze auch, es sei eingestanden, \u00fcberhaupt keinen Fernseher. Aber wenn ich ihn einschalte, dann nur f\u00fcr die kulturell wertvolle Sendung. Und da wollte es nun der Zufall \u2013 der Zufall? \u2013 dass ich just in jene Sigmund-Freud-Wochen geriet, die der Sender 3Sat j\u00fcngst veranstaltete. Da haben sich viele kluge Menschen Gedanken \u00fcber diesen Erfinder der Psyche gemacht, und ich habe wirklich etwas dabei gelernt. N\u00e4mlich das: Sigmund Freud hat Krimis geschrieben, ja, die ganze Psychoanalyse ist ein einziger, gigantischer Whodunit, wie man so sagt. Wir haben zun\u00e4chst einmal das ICH, das Opfer gewisserma\u00dfen, dem das ES B\u00f6ses will, welches nun aber das \u00dcBERICH als Vertreter von Recht und Gesetz und Ordnung \u00fcberhaupt nicht leiden kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sp\u00e4ter kam, wie das bei Krimis leider nie ausbleibt, noch der Sex dazu (ich nenne nur Wilhelm Reich, das alte Dreckferkel), sowie die Fantasy, f\u00fcr welche Herr C.G. Jung verantwortlich zeichnet. Aber das Grundmuster jedes psychologischen Krimis blieb freudianisch: Hau dem Es auf die Schnauze, bevor du mit einer Neurose das Bett h\u00fcten musst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn ich mir die Liste der f\u00fcr den Glauser in die engere Wahl genommenen Titel anschaue, muss ich sagen: Freud hat auch hier seine Hand im Spiel. Nehmen wir nur \u201eDie H\u00f6hle der L\u00f6win\u201c von Frau Astrid Paprotta. Das ist nur vordergr\u00fcndig ein Gro\u00dfkatzenkrimi. Jene H\u00f6hle, von der schon im Titel die Rede ist, kann nichts anderes sein als die Geburtsh\u00f6hle, der Mutterleib, und wer so l\u00f6wen\u00e4hnlich br\u00fcllt ist das gequ\u00e4lte ICH, das da gleich durch den Geburtskanal in die b\u00f6se Welt des ES geschickt werden soll. Frau Paprotta ist \u00fcbrigens gelernte Psychiaterin, und das ist kein Zufall \u2013 Zufall? \u2013 nein, das hat sie sogar studiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fr\u00fchkindliche Besch\u00e4digungen sind auch das Thema von Elisabeth Herrmanns sensiblem Deb\u00fctroman \u201eDas Kinderm\u00e4dchen\u201c. Frau Herrmann ist, wie der Name schon sagt, ein M\u00e4dchen, das einmal Kind war. Und das Kinderm\u00e4dchen? Ist das \u00dcBERICH, diese sowohl sch\u00fctzende als auch reglementierende Instanz, die einem h\u00e4ufig genug auf den Sack geht, gerade wenn man ein Kind oder ein M\u00e4dchen ist oder beides, n\u00e4mlich ein Kinderm\u00e4dchen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein drittes Beispiel: \u201eBlutmond\u201c von W\u00fcrth \/ Kehrer. \u201eBlutmond\u201c, das ist nat\u00fcrlich eine Metapher f\u00fcr den weiblichen Zyklus, der von der Firma OB erfunden wurde, aber auch, wenn ich den Klappentext richtig gelesen habe, eine Metapher f\u00fcr das Sado-Masochistische in uns allen, den freudschen Todestrieb namens Eros Tantalus wie auch die reichsche Sexualverklemmung und die jungschen Archetypen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und noch ein Beispiel: \u201eGlennkill\u201c von Leonie Swann. Freud hat, wie ich gelernt habe, das Tierische in uns zum Reden gebracht. Und auch in \u201eGlennkill\u201c reden die Tiere. Sollte das Zufall \u2013 Zufall? \u2013 sein? Mitnichten. Lasset die Tiere zu mir reden, hei\u00dft es schon in der Bibel, denn was sie sagen, das geht auf keine Kuhhaut.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was aber will ich damit sagen? Nun, ich will damit sagen, dass man das Fernsehen nicht in Bausch und Bogen verdammen soll, so lange es uns solche lehrreichen Stunden beschert. Und auch den Krimi m\u00f6chte ich nicht zur G\u00e4nze ignorieren, obwohl ich mich nach wie vor weigere, einen zu lesen. Nicht einmal den diesj\u00e4hrigen Glauser-Gewinner, welchen ich jetzt die Ehre habe aus der unter notarieller Aufsicht gef\u00fcllten Lostrommel zu ziehen. Es ist &#8212; Frau Astrid Paprotta. Sind Sie da, Frau Paprotta? Bitte alle die Hand heben, die Frau Paprotta sind! Aber glauben Sie blo\u00df nicht, ich lade Sie in meine Sendung ein.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">dpr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Verleihung des Glauser f\u00fcr den besten Kriminalroman des vergangenen Jahres war auch heuer in Koblenz wieder der H\u00f6hepunkt des \u201eCriminale\u201c betitelten Autorenauftriebs der \u201eSyndikats\u201c-Gruppe. Kosten und M\u00fchen wurden wie \u00fcblich nicht gescheut. So hielt keine Geringere als Nelke Leidengleich die Laudatio auf den Gewinnertitel. 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