{"id":16681,"date":"2006-05-05T07:45:20","date_gmt":"2006-05-05T07:45:20","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/05\/ein-lehrbuch-fuer-krimiautorinnen\/"},"modified":"2022-06-16T03:51:15","modified_gmt":"2022-06-16T01:51:15","slug":"ein-lehrbuch-fuer-krimiautorinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/05\/ein-lehrbuch-fuer-krimiautorinnen\/","title":{"rendered":"Ein Lehrbuch f\u00fcr KrimiAutorinnen"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich m\u00f6chte endlich einmal einen Krimi lesen, der nichts aufkl\u00e4rt. Einen Krimi, der mich verwirrt, die Wirklichkeit als Fiktion entlarvt und die Fiktion als Wirklichkeit. Ein Buch, bei dem ich selbst entscheide, ob es Krimi ist. Einen Text, der nur eine ermittelnde Instanz kennt: mich, den Leser. Ach ja: Ich habe dieses Buch gelesen. Mehrmals schon.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Krimi hei\u00dft Spannung. Das ist der kleinste gemeinsame Nenner. Und Spannung hei\u00dft etwas nicht wissen, uns von Ereignissen bedroht f\u00fchlen, die sich nicht einordnen lassen. Ich wei\u00df nicht, warum jemand was getan hat, ich wei\u00df nicht, wie sich alles aufkl\u00e4rt, aber ich wei\u00df, dass es sich aufkl\u00e4ren wird. Denn ich lese ja einen Krimi.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSt. Petri-Schnee\u201c von Leo Perutz beginnt wie ein Krimi: mit einem R\u00e4tsel. Der junge Arzt Amberg erwacht im Bett eines Krankenhauses, in das man ihn \u2013 vor Tagen? vor Wochen? eingeliefert hat. Vor dem G\u00f6ttinger Hauptbahnhof, erz\u00e4hlt man ihm, sei er Opfer eines Verkehrsunfalls geworden. Ambergs Version ist eine andere. Er erinnert sich, von G\u00f6ttingen aus zu seiner neuen Arbeitsstelle als Landarzt gereist zu sein, wo ihn nicht nur leidenschaftliche Liebe, sondern auch ein monstr\u00f6ser Plan erwartete.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den Leser ist diese Konstellation ein Angebot. Er kann sich entscheiden, ob er Ambergs Erinnerungen, mit denen jener nun die j\u00fcngste Vergangenheit beim Gutsherrn Baron Malchin beschw\u00f6rt, f\u00fcr Wirklichkeit oder einen Fiebertraum h\u00e4lt. Er wird wohl letzteres tun, denn die Indizien f\u00fcr diese Version sind eindeutig. Amberg hat sich vor einem Jahr in eine Kollegin, die Chemikerin \u201eBibiche\u201c verliebt, sie dann aus dem Augen verloren und erst beim Baron Malchin wiedergefunden, in dessen Laboratium sie einer d\u00e4monischen Besch\u00e4ftigung nachgeht. Kurz vor dem Unfall erblickt Amberg im Schaufenster eines Gesch\u00e4fts das Bildnis eines Mannes sowie ein Buch \u00fcber den Niedergang der Religiosit\u00e4t. Beides wird er in seinem Wahntraum verarbeiten und die Liebe zu Bibiche wird erf\u00fcllt werden, wie das in Tr\u00e4umen nun einmal so zu sein pflegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer sich f\u00fcr diese Version entscheidet, entscheidet sich gegen den Kriminalfall als Teil der Wirklichkeit. Was Amberg nun erz\u00e4hlt, ist Ausgeburt seiner Phantasie: Baron Malchin betreibt die Wiederkehr der Religiosit\u00e4t, der Stauferherrschaft. Gemeinsam mit Bibiche hat er eine Droge namens \u201eSt. Petri-Schnee\u201c entwickelt, die dies bewirken soll. Die Dorfbewohner werden zur Experimentiermasse, doch der Versuch endet fatal: Wohl beginnen die mit \u201eSt. Petri Schnee\u201c manipulierten Dorfbewohner fanatisch zu glauben \u2013 jedoch nicht an Malchins \u201eReligion\u201c \u2013 sondern an den Kommunismus. Sie erheben sich, Malchin stirbt, Amberg wird beim Versuch ihn zu sch\u00fctzen verletzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Hypothese des Lesers, es handele sich bei dieser Geschichte nicht um \u201eWirklichkeit\u201c, ist l\u00e4ngst ins Wanken geraten. Was Perutz hier erz\u00e4hlt, wie er den Kommunismus als \u201eReligion\u201c entlarvt, das IST Wirklichkeit. \u201eSt. Petri-Schnee\u201c wurde 1931\/32 geschrieben und war f\u00fcr Anfang 1933 zur deutschen Ver\u00f6ffentlichung vorgesehen. Dazu kam es nicht mehr; ein anderer Religionsersatz hatte ihren St. Petri Schnee rieseln lassen, der Jude Perutz, in den zwanziger Jahren einer der beliebtesten Autoren des Landes, war geflohen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vollends ins Gr\u00fcbeln kommt der Leser am Schluss des Romans. Bis dahin d\u00fcrfte das Konstrukt aus Realit\u00e4t und Fiktion etwa so beschaffen sein: Amberg hatte einen Unfall, die Geschichte des Barons und seiner Erfindung ist Phantasie, aus der sich die historische Wirklichkeit Ideologie = Religion beinahe allegorisch heraussch\u00e4len l\u00e4sst. Am Ende aber besucht der Pfarrer des Dorfes, das sich Amberg ja angeblich zusammenphantasiert hat, den kranken und best\u00e4tigt seine Version der Wirklichkeit. Er wei\u00df auch, warum man Amberg in dem Glauben lassen will, er habe sich alles nur ertr\u00e4umt. Die Sache mit dem St. Petri Schnee und seinen unerwarteten Folgen soll aus politischen Gr\u00fcnden vertuscht werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist eine plausible Erkl\u00e4rung, die die Lesererwartungen auf den Kopf stellt und das Gespinst Wirklichkeit endg\u00fcltig als etwas Unfassbares ausweist. Ist etwa diese Wirklichkeit des Krankenhauses und seiner rationalen Erkl\u00e4rungen auch nichts weiter als ein Trugbild?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSt. Petri-Schnee\u201c mag kein Kriminalroman im herk\u00f6mmlichen Sinne sein, er arbeitet mit Spannungs- und dramaturgischen Versatzst\u00fccken, das wohl, und hier erweist sich Perutz als ein derma\u00dfen souver\u00e4ner Konstrukteur, das man ihn jedem heutigen Verfasser von \u201eSpannungsliteratur\u201c als Lehrstoff ans Herz legen kann. Schweigen wir ganz von Perutz\u2019 Kunst des Erz\u00e4hlens, seiner genau gesetzten Sprache und den technischen Kniffen (Es gibt etwa eine Passage, in der Perutz Wirklichkeit und Phantasie durch das Verschwinden- und wieder Auftauchenlassen von Personen sowie abrupte Ortswechsel in einer Gespr\u00e4chsszene meisterhaft verzahnt.)<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Ebene der Behandlung von Wirklichkeit und ihrer Bewertung ist \u201eSt. Petri-Schnee\u201c geradezu ein musterg\u00fcltiger Kriminalroman. Er bringt uns dazu, unser Nichtwissen um die Wirklichkeit einzugestehen, mit ihm gedanklich zu arbeiten, Versionen von \u201eWahrheit\u201c durchzuspielen, uns geradezu detektivisch mit sogenannten Fakten und ihrer Wertung zu besch\u00e4ftigen. Aufgekl\u00e4rt wird in \u201eSt. Petri-Schnee\u201c nur eines: das Verbrechen, das wir an der Wirklichkeit begehen k\u00f6nnen, wenn wir sie als eine objektive und zweifelsfrei zu deutende Instanz begreifen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Romane von Leo Perutz sind heute als Taschenb\u00fccher bei dtv lieferbar. Empfohlen sei auch \u201eZwischen Neun und Neun\u201c, ebenfalls eine Zertr\u00fcmmerung von Wirklichkeit, vom Erz\u00e4hlerischen eher noch reifer als \u201eSt. Petri -Schnee\u201c, was kaum m\u00f6glich scheint.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich m\u00f6chte endlich einmal einen Krimi lesen, der nichts aufkl\u00e4rt. Einen Krimi, der mich verwirrt, die Wirklichkeit als Fiktion entlarvt und die Fiktion als Wirklichkeit. Ein Buch, bei dem ich selbst entscheide, ob es Krimi ist. Einen Text, der nur eine ermittelnde Instanz kennt: mich, den Leser. Ach ja: Ich habe dieses Buch gelesen. 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