{"id":16682,"date":"2006-05-12T07:47:32","date_gmt":"2006-05-12T07:47:32","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/05\/eine-szene-aus-david-peace-1974\/"},"modified":"2022-06-16T03:50:37","modified_gmt":"2022-06-16T01:50:37","slug":"eine-szene-aus-david-peace-1974","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/05\/eine-szene-aus-david-peace-1974\/","title":{"rendered":"Eine Szene aus David Peace, \u00bb1974\u00ab"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Wer das \u2192<a href=\"http:\/\/www.nordpark-verlag.de\/krimikritiksieben-jahrbuch-2006.html\"> Krimijahrbuch 2006 <\/a> vorbestellt hatte, kennt diesen Artikel schon. Die anderen haben ihn zwar nicht verdient, aber hier ist er halt. Eine Szene, bei der dem Leser ein &#8222;Toll!&#8220; raus rutscht, die aber auch &#8211; Warnung! &#8211; leicht ins Pornografische kippt. Und am Montag gibts wieder was zum Lachen mit dem Herrn K.<\/em><br \/>Edward Dunford, Gerichtsreporter und ebenso zynischer wie sensibler Held in David Peaces \u00bb1974\u00ab, besucht Paula Garland, die Mutter eines entf\u00fchrten und auf gr\u00e4sslichste Weise ermordeten M\u00e4dchens. Er stellt zun\u00e4chst die \u00fcblichen Fragen, bekommt die \u00fcblichen Antworten. Das Gespr\u00e4ch wird hitziger, ein Verdacht ge\u00e4u\u00dfert, und pl\u00f6tzlich springt Dunford auf:<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u00bb\u203aDa drau\u00dfen l\u00e4uft ein Mann herum, der kleine M\u00e4dchen entf\u00fchrt, vergewaltigt und ermordet, und er wird wieder eines entf\u00fchren, vergewaltigen und ermorden, und niemand hindert ihn daran, weil sich niemand auch nur einen Dreck darum schert.\u2039<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u203aIch schon.\u2039<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u203aDas wei\u00df ich, aber die nicht. Die interessieren sich nur f\u00fcr ihre kleinen L\u00fcgen und ihr Geld.\u2039<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Paula Garland flog aus ihrem Sessel auf, k\u00fc\u00dfte mich auf Mund, Augen, Ohren, dr\u00fcckte mich an sich und sagte immer und immer wieder: \u203aIch danke dir, ich danke dir, ich danke dir.\u2039\u00ab<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Der Leser braucht einen Moment, bis er begreift, was hier passiert ist. Die Entwick-lung des Gespr\u00e4chs, der psychischen Befindlichkeit Paulas spricht jeder Erwartung Hohn, ja, es wirkt wie ein Verrat an der Trauer um die ermordete Tochter, wenn die Gef\u00fchlswelt der Mutter pl\u00f6tzlich auf dem Kopf zu stehen scheint. Und es geht wei-ter. Paula f\u00fchrt Edward direkt in ihr Schlafzimmer, wir ahnen, was jetzt kommt.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u00bbMeine linke Hand zog am Rei\u00dfverschlu\u00df ihres Rocks, ihre Hand war an meinem Hosenschlitz.\u00ab<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Aber auch hier ist es nicht die Beschreibung, die irritiert. Denn w\u00e4hrend sich die beiden lieben, erz\u00e4hlt Paula weiter von ihrem Kind, ihrer Trauer, ihrer Wut.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u00bbIch k\u00fc\u00dfte ihre Br\u00fcste, ging zum Bauch \u00fcber, rannte vor ihren W\u00f6rtern und ihren K\u00fcssen davon, hinunter zu ihrem Schlitz.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u203aUnd manchmal sah ich sie erdrosselt, mi\u00dfbraucht, ermordet, und dann st\u00fcrmte ich in ihr Zimmer und weckte sie und dr\u00fcckte sie an mich und wollte gar nicht mehr aufh\u00f6ren.\u2039<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Sie fuhr mir mit den Fingern durchs Haar, kratzte Schorf ab, hatte mein Blut unter ihren Fingern\u00e4geln.\u00ab<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Eine unerh\u00f6rte Szene, die mit keinem Raster gewohnheitsm\u00e4\u00dfigen Konsums von Krimis, ja, von Literatur \u00fcberhaupt, zu fassen ist. Selbstverst\u00e4ndlich wissen wir \u2013 denn 200 Seiten liegen schon hinter uns -, dass \u00bb1974\u00ab sich weder inhaltlich noch sprachlich um die Normen schert, die dem \u00bbGenre Kriminalroman\u201c immanent sein sollten. \u00bb1974\u00ab ist brutal, radikal, helden- und gnadenlos, zwischen der Tat und ihrer Aufkl\u00e4rung wird, auch das d\u00e4mmert uns l\u00e4ngst, keiner Spur herk\u00f6mmlicher Detektion zu folgen sein. In diesem Buch ist nichts \u00bbgut\u00ab. Was auch hei\u00dft: Es kann nichts \u00bbschlecht\u00ab sein. Hier waltet kein Intellekt, hier walten Emotionen, keine lauwarmen, zivilisiert geb\u00e4ndigten, sondern wilde, unf\u00f6rmige. Und dann das.<\/p>\n\n\n\n<p>Was? \u00dcberlegen wir kurz, was Peace mit dieser Szene eigentlich ausdr\u00fccken will: die Trauer, den Schmerz, die Wut der Paula Garland. Er h\u00e4tte, w\u00e4re er ein Autor des Klischees, eine ganze Batterie von Verben und Adjektiven zur Verf\u00fcgung gehabt, ein Sortiment von Verhaltensweisen und Mimiken dazu, um uns zu vermitteln, wie es um Paulas Innenleben steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber seien wir ehrlich: Eigentlich k\u00f6nnte er sich seine Bem\u00fchungen, uns Paulas Zustand in W\u00f6rtern und Worten nahe zu bringen, schenken, ja, wir wollen nicht lesen, Paula werde \u00bbvon Trauer \u00fcbermannt\u00ab oder \u00bbSchreie ihre Wut heraus\u00ab oder sei gar \u00bbtr\u00e4nenlos in ihrem Schmerz\u00ab. Floskeln. Floskeln, die doch nur auf die \u00dcberfl\u00fcssigkeit der Bem\u00fchung hinweisen, uns etwas Unsagbares zu erz\u00e4hlen, das wir vielleicht nicht nachvollziehen, aber erahnen k\u00f6nnen, worin auch zwischen dem Autor und uns Lesern stillschweigendes Einvernehmen herrscht: Paulas Wut, Paulas Trauer, Paulas Schmerz sind unendlich, am negativen Ende der Gef\u00fchlsskala, mehr Worte braucht es nicht.<br \/>Und mehr Worte gibt es nicht. Peaces Taktik aber ist es nun, uns genau damit zu d\u00fcpieren. Nat\u00fcrlich erwarten wir Worte, doch Peace antwortet damit, dass er eine zus\u00e4tzliche Emotion in den gro\u00dfen Topf der Gef\u00fchle wirft: die Ekstase, den Extrem-wert vom anderen, positiven Ende der Skala.<\/p>\n\n\n\n<p>Beide Werte vereinen sich durch einen dritten, eine Emotion von der Seite Dunfords: Mitgef\u00fchl. Um im Bild der Skala zu bleiben: Sie, die unbiegsame, auf der die Trauer um ein Kind stets Antipode sexueller Lust sein muss, wird pl\u00f6tzlich von einer m\u00e4chtigen Kraft doch gebogen und vereint Trauer und Ekstase zu einem einzigen Zustand, der in der von Peace geschilderten \u00bbSexszene\u00ab sprachlich und bildlich dargestellt wird. Zwei Menschen haben ziemlich unbeherrschten Sex, die Frau erz\u00e4hlt dabei von ihrem missbrauchten, ermordeten Kind.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist kaum das, was man in der griechischen Trag\u00f6die Katharsis nannte, keine Reinigung, keine Befreiung. Es ist zum einen die \u00dcberh\u00f6hung der Trauer zur allm\u00e4chtigen Emotion, die alle anderen wie ein schwarzes Loch zu schlucken in der Lage ist, zum anderen, davon abgeleitet, eine neue Deutung sexueller Ekstase als Ausdruck existentieller Angst.<\/p>\n\n\n\n<p>Peace gelingt es in dieser Szene, uns die Trauer Paulas auf eine Weise nahezubringen, die verbl\u00fcfft, aber nicht d\u00fcpiert. oder anders: Hier gelingt es der Literatur, uns das Bekannte, f\u00fcr das unser Vokabular ebenso markante wie letztlich sinnentleerte W\u00f6rter hat, auf neue Art zu schildern. Genau das ist ein Kennzeichen wirklich gro\u00dfer und bleibender Literatur.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer das \u2192 Krimijahrbuch 2006 vorbestellt hatte, kennt diesen Artikel schon. Die anderen haben ihn zwar nicht verdient, aber hier ist er halt. 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