{"id":16697,"date":"2006-05-11T07:42:27","date_gmt":"2006-05-11T07:42:27","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/05\/anne-perry-das-geheimnis-der-miss-bellwood\/"},"modified":"2022-06-13T00:28:57","modified_gmt":"2022-06-12T22:28:57","slug":"anne-perry-das-geheimnis-der-miss-bellwood","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/05\/anne-perry-das-geheimnis-der-miss-bellwood\/","title":{"rendered":"Anne Perry: Das Geheimnis der Miss Bellwood"},"content":{"rendered":"\n<p>Miss Bellwood st\u00fcrzt die Treppe runter. Immer wieder, fast 450 Seiten lang. Und die Verd\u00e4chtigen beteuern ihre Unschuld. Und rekapitulieren das Geschehene. 450 Seiten lang. Das klingt nun nach kriminalistischer Di\u00e4tkost, Minimal Music goes Crime, und irgendwie ist das auch so. Es tut sich wenig in diesem Buch, nach zweihundert Seiten glaubt man, es tue sich eigentlich gar nichts. Aber das t\u00e4uscht.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Im Hause des ehrenbaren anglikanischen Geistlichen Ramsay Parmenter ist Unity Bellwood, die wissenschaftliche Mitarbeiterin, durch einen Treppensturz zu Tode gekommen. Alles spricht f\u00fcr ein Fremdverschulden, alles spricht gegen den Hausherrn, der sich unmittelbar vor dem Ereignis ganz f\u00fcrchterlich mit Miss Bellwood gestritten hat. Denn streitbar war die: Ein libertin\u00e4rer, antiklerikaler Geist, durchdrungen von Darwins Evolutionstheorie, mit einer grausamen Freude am Blo\u00dfstellen Andersdenkender, Schw\u00e4cherer. Inspektor Pitt, dem die Bearbeitung des delikaten Falles \u00fcbertragen wird, ist nicht zu beneiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem sich herausstellt, dass Miss Bellwood schwanger war und dieser Zustand nach menschlichem Ermessen unter dem Dach des Reverend besiegelt wurde, kann der Kreis der potentiellen T\u00e4ter auf die drei m\u00e4nnlichen Bewohner des Hauses eingrenzt werden: Parmenter selbst, seinen Sohn Mellory, einen katholischen Priester, sowie den Vikar Dominic Corde \u2013 pikanterweise der Schwager Pitts und mit dunklen Punkten in der Biografie.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber weite Strecken inszeniert Perry ihren Roman wie ein Kammerspiel. Die Bewohner des Hauses (neben den Genannten noch Parmenters Ehefrau und die beiden T\u00f6chter) belauern sich, erstellen Hypothesen des Tathergangs und der T\u00e4termovation \u2013 es ist ein langsames Sich-Umkreisen, in dem Argumente wiederholt, Szenen (vor allem der Treppensturz) bis zum \u00dcberdruss en d\u00e9tail geschildert werden. Pitt, der Licht ins Dunkel bringen soll, bleibt merkw\u00fcrdig passiv, ein Beobachter, ein Zuh\u00f6rer, ein Spekulant und Zweifler wie der Leser selbst, und dass die entscheidende Spur von seiner Frau Charlotte entdeckt wird, ist nur folgerichtig.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geschieht also wenig in diesem Buch, das haupts\u00e4chlich von tiefsinnigen Dialogen lebt, die manchmal ins intellektuell Bodenlose st\u00fcrzen, was aber angesichts des Gesamtkonzepts zu verschmerzen ist . Aber dieses Wenige, das sich da aus den Wiederholungen an Ver\u00e4nderung ergibt, l\u00e4sst die Charaktere sich allm\u00e4hlich offenbaren, Geheimnisse ans Licht kommen \u2013 und wenn am Ende alles anders ist, nicht so, wie uns 450 Seiten weismachen wollten, dann ergibt sich auch die Logik dieser Aufl\u00f6sung aus dem Betrachten des Standbilds einer maroden Familiensituation.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte spielt \u00fcbrigens in der letzten Dekade des 19. Jahrhunderts und behandelt die damals aktuellen sozialen und wissenschaftlichen Aufreger mit dezenter Konzentration: Darwins Evolutionstheorie, deren popul\u00e4re Auslegung die Sinnhaftigkeit der Kirche infrage stellte, die Emanzipationsbestrebungen der Frauen und die dadurch provozierten Repressalien der m\u00e4nnlichen Herrschaft. Ein Genrebild also ist das, auch das Nebenpersonal sch\u00f6n gezeichnet, aber eben nicht von der kurzatmigen Rasanz des \u00fcblichen Lesefutters.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Anne Perry: Das Geheimnis der Miss Bellwood. <br \/>Pavillon (Heyne) 2006. 447 Seiten. 5 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Miss Bellwood st\u00fcrzt die Treppe runter. Immer wieder, fast 450 Seiten lang. Und die Verd\u00e4chtigen beteuern ihre Unschuld. Und rekapitulieren das Geschehene. 450 Seiten lang. Das klingt nun nach kriminalistischer Di\u00e4tkost, Minimal Music goes Crime, und irgendwie ist das auch so. 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