{"id":16782,"date":"2006-05-29T07:53:30","date_gmt":"2006-05-29T07:53:30","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/05\/lesen-fuer-die-konjunktur\/"},"modified":"2022-06-05T02:25:17","modified_gmt":"2022-06-05T00:25:17","slug":"lesen-fuer-die-konjunktur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/05\/lesen-fuer-die-konjunktur\/","title":{"rendered":"Lesen f\u00fcr die Konjunktur"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/k_krimis.gif\" alt=\"k_krimis.gif\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Wer, wenn nicht der deutsche Finanzbeamte, sollte der entschiedenste Feind jener Konsumverdrossenheit sein, die unser Volk seit Jahr und Tag in Not und Elend h\u00e4lt? Darum, Deutschland: Nicht jedes Buch dreimal lesen! Schon gar keine Krimis. Lohnt sich nicht.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Krimis sind wie Eis am Stiel: Einmal runtergeleckt, bleibt nur das blanke H\u00f6lzchen \u00fcbrig, das Leckere aber ist unwiederbringlich den Weg aller Lekt\u00fcre gegangen, zersetzt von der S\u00e4ure intellektueller Verdauung, ausgeschieden, runtergesp\u00fclt. Die Spannung. Die Ungewissheit. Das Mitleiden. In der Kanalisation des Vergessens, wo Ratten und dritte M\u00e4nner hausen, aber der biedere Krimikonsument nimmer mehr einen Fu\u00df hineinsetzt. The thrill has gone, h\u00e4tte Raymond Chandler gesagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Oh, ich h\u00f6re schon die Einw\u00e4nde! Ja, Spannung futsch, aber die Atmosph\u00e4re! Wie jener traurige Detektiv sich den Hut in den Nacken schnippt, bevor er seine Zigarette anz\u00fcndet \u2013 das kann man immer wieder lesen, das packt einen stets aufs Neue. Exakt. Das kann man immer wieder lesen. In jedem zweiten Krimi, \u00fcbern Daumen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es soll ja Krimis geben, die eine Sprache haben. Eine Sprache, die einen trunken macht, wie es der dpr immer betont, aber ich bitte Sie! Trunken! Enth\u00e4lt also Alkohol, und wenn sonst nix hilft, erheben wir auf solche verkaufshemmenden Werke eben eine entsprechende Steuer, da kennen wir nix, wir treiben euch das Mehrfachlesen schon noch aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, glauben Sie mir: Noch nie wurde ein Krimi geschrieben, der die Zweitlekt\u00fcre wert gewesen w\u00e4re. Und gehen Sie mir doch weg mit dem scharfsinnigen Argument, man m\u00fcsse jeden Krimi ja sowieso, quasi naturgem\u00e4\u00df mehrmals lesen, weil die Autoren ja auch immer einen Krimi mehrmals schrieben, ja, sie schrieben immer nur den einen, genaugenommen. Das ist richtig. Das ist wie damals, als wir mit Baukl\u00f6tzen und Legosteinen spielten. Was haben wir uns abgem\u00fcht, stundenlang, und am Ende wurde es doch immer nur der bauf\u00e4llige Turm. So hantiert auch der Autor, hantiert die Autorin gew\u00f6hnlich mit ihren Kl\u00f6tzchen, schichtet sie so oder schichtet sie anders, aber der Teufel will, dass es doch wieder ein Serienm\u00f6rderkrimi wird mit r\u00fchrender Sozialeinlage und Psycho-Slapstick und Beziehungsgr\u00fcbeln. Kenn ich doch, sagen Sie, hab ich von dem, von der doch schon mal gelesen, hie\u00df nur anders.<\/p>\n\n\n\n<p>Genau! Hie\u00df anders! War ein eigenes Buch! Musste bezahlt werden! Hat Arbeitspl\u00e4tze geschaffen! Steuereinnahmen gebracht, die dazu dienten, IHREN G\u00f6ren die Flausen aus dem Kopf und die Bildung hinein zu treiben, auf dass sie was Anst\u00e4ndiges im Leben werden, die Kinder, vielleicht Krimiautoren.<\/p>\n\n\n\n<p>Und darum geht es doch: um die soziale Verantwortung des Krimilesers! Eigentlich ist es schon unsozial, einen Krimi von der ersten bis zur letzten Seite zu lesen. Lesen Sie den Anfang, lesen Sie das Ende, lesen Sie den Klappentext, und dann weg damit, neues Buch. So machen wir aus den Hunderten von KrimiautorInnen hierzulande TAUSENDE! Ewig Junggebliebene, die gerne mit Lego spielen und es Krimi nennen. Tausende gescheiterter Existenzen, die von der Stra\u00dfe wegkommen, an den Laptop, ans Moleskine-Notizbuch, bis das Gummi rei\u00dft, Sie wissen schon, wie bei Hemingway.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann schreiben sie \u2013 Serien! Genau! Zehn B\u00fccher, die doch nur leichte Variationen eines einzigen sind. Es gibt doch Beispiele! Mankell! Immer nur EIN Buch, das aber gleich im Dutzend, und das auch noch sch\u00f6n geklaut von seinen Vorschweden da. Oder Bottini! Einmal Zen, immer Zen. Der Rankin denkt auch nur ans Saufen. Immer ein einziges Buch, immer neu, immer Umsatz, immer Steuern. Am cleversten David Peace. Der tauscht beim Titel einfach eine Ziffer aus, 1974 \u2013 1977, p\u00e4ng, schon wieder w\u00e4lzen sich die Kritiker vor ihm im Staub, nix Neues, holen wir die alte Rezension noch mal raus, kosmetische \u00c4nderungen vielleicht, schon wieder das volle Zeilengeld.<\/p>\n\n\n\n<p>So muss das laufen. So brummt die Wirtschaft. So werden wir Weltmeister bei der Binnennachfrage. Glauben Sie mir; ich bin vom Fach.<\/p>\n\n\n\n<p>Herzlichst<br \/>Ihr K.<\/p>\n\n\n\n<p><em>(Herr K. arbeitet als Sachbearbeiter bei der Oberfinanzdirektion Oberursel. Seine aktuellen Lieblingskrimiserien sind &#8222;Magnum&#8220;, &#8222;Simon Templar&#8220; und &#8222;Perry Mason&#8220;, &#8222;weil das Fernseh ist und ich kein Fernseh guck&#8220;. Wenn es ihm die Zeit erlaubt, wird Herr K. seine Mittagspausen weiterhin dazu nutzen, den Krimi zu erkl\u00e4ren.)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer, wenn nicht der deutsche Finanzbeamte, sollte der entschiedenste Feind jener Konsumverdrossenheit sein, die unser Volk seit Jahr und Tag in Not und Elend h\u00e4lt? Darum, Deutschland: Nicht jedes Buch dreimal lesen! Schon gar keine Krimis. 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