{"id":16792,"date":"2006-06-01T07:45:53","date_gmt":"2006-06-01T07:45:53","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/06\/ulrich-schmid-aschemenschen\/"},"modified":"2022-06-09T22:31:57","modified_gmt":"2022-06-09T20:31:57","slug":"ulrich-schmid-aschemenschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/06\/ulrich-schmid-aschemenschen\/","title":{"rendered":"Ulrich Schmid: Aschemenschen"},"content":{"rendered":"\n<p>Himmel, was f\u00fcr ein Plot! Rankende Ideenbl\u00fcten, phantastisches Efeu all\u00fcberall. Die beschauliche Schweiz, das geheimnisvolle hinterste China, \u00c4thiopien in der Diktatur. Und gleich mehrere Kriminalf\u00e4lle, dazu ein ausf\u00fchrlicher Blick ins Reich der Mythen und wieder zur\u00fcck in die traurige Wirklichkeit. Klarer Fall von \u00fcberplottet? Nicht unbedingt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Beginnen wir mit Erla. Schweizerin, ehemals Bankerin, jetzt f\u00fcr ein Unternehmen t\u00e4tig, das Entf\u00fchrungen organisiert. Keine gew\u00f6hnlichen Entf\u00fchrungen \u2013 die \u201eOpfer\u201c haben f\u00fcr diesen Nervenkitzel bezahlt, man hat ja sonst schon alles erlebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der aktuelle Kunde hei\u00dft Gerd, ist ein d\u00e4monischer Vielfra\u00df, Deutscher Ost, unsensibel, absto\u00dfend. Mit ihm reist Erla in die chinesische Provinz Xinjiang, an den Rand der W\u00fcste Taklamakan, in eine Kleinstadt. Alles geht seinen Gang. Gert wird vertragsgem\u00e4\u00df seiner Freiheit beraubt \u2013 und schnell wieder befreit, denn Xin, ein lokaler Industrieller, hat alles f\u00fcr echt gehalten und ist nun so sauer auf Gert und Erla wie diese auf ihn. Die Geschichte beginnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Erla verliebt sich in Xin und freundet sich mit dessen halbw\u00fcchsiger Tochter an, einem \u2013 nun ja, altklugen M\u00e4dchen, das sich vor Gerd ekelt und von den \u201eAschemenschen\u201c schw\u00e4rmt, Untoten mit merkw\u00fcrdigen Gliedma\u00dfen, langen Zungen und seltsamen Gebaren, kurz: mythologischen Wesen. Eines Tages verschwindet das Kind spurlos, Xin, Erla und Gerd machen sich auf die Suche, letzterer auch noch nach seinem Bruder, der als Arch\u00e4ologe in der Taklamakan Ausgrabungen leitet, aber ebenfalls nicht auffindbar ist. Ein \u00f6rtlicher Parteibonze kommt ins Spiel, mit dem Gerd kollaboriert, die politische Situation in der Stadt ist brisant, uigurische Rebellen bomben gegen die chinesischen Besatzer.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder auch werden wir mit Erlas Vorgeschichte konfrontiert. Einem querschnittsgel\u00e4hmten Geliebten, der einen Banker mit kompromittierenden Fotos zu Tode gequ\u00e4lter Pferde erpressen will und unter mysteri\u00f6sen Umst\u00e4nden bei einem Bergunfall ums Leben kommt. Die Suche nach Xins Tochter bleibt erfolglos \u2013 bis Erla selbst die \u201eAschemenschen\u201c sieht, mit ihnen redet und endlich in einem Zustand von Trance die Vermisste aufst\u00f6bert \u2013 und einem Mann aus \u00c4thiopien begegnet, der nach China gekommen ist, um Rache zu nehmen&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber genug des \u00fcbervollen Inhalts, ordnen wir. Schmids Roman besteht aus mehreren Schichten, die sich \u2013 und das ist ein klarer Pluspunkt \u2013 an vielen Stellen tangieren, schneiden, in Konkurrenz zueinander stehen. Die private Ebene (Erla liebt Xin) wird zur kulturellen, Orient und Okzident prallen aufeinander. Das Verschwinden der Tochter, so raten es die Aschemenschen, kann nur aufgekl\u00e4rt werden, wenn Erla mit Xin schl\u00e4ft \u2013 was \u00fcbertragen bedeutet: Die famili\u00e4re Harmonie und das kulturelle Verstehen sind eine Frage der Hingabe, des emotionalen Sichvergessens.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine politische Ebene (der Kampf der Uiguren gegen die Besatzer) verbindet sich mit einer anderen (den folternden ostdeutschen \u201eBeratern\u201c im \u00c4thiopien der Mengistu-Diktatur) und wird zugleich mythologisch dechiffriert, denn die \u201eAschemenschen\u201c entpuppen sich am Ende als die uigurischen Rebellen. Dass dann auch der merkw\u00fcrdige Schweizer Bankmensch wieder ins Spiel gebracht wird und mit ihm westliches Profitmanagement, das auf afrikanische Unschuld trifft, sei nur am Rande erw\u00e4hnt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberhaupt: Diese Analyse ist eine Art Nachbereitung der Lekt\u00fcre, sie dr\u00e4ngt sich beim Lesen nicht sofort auf. Sie hat auch etwas mit Schmids Sprache zu tun, die bilder- und beziehungsreich ist, selbst dort, wo sie uns von den allt\u00e4glichen Dingen berichtet, nie ohne Hintergedanken, nie ohne das Abschweifen in Grunds\u00e4tzliches. Das ist gew\u00f6hnungsbed\u00fcrfig, eine \u00fcbertourige Sprache sozusagen, bis man akzeptiert, dass sie dem Motor, der sie produziert, angemessen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Im zweiten Teil des Buches, der in den Foltercamps \u00c4thiopiens spielt, wird Schmids Sprache distanzierter, karger auch. Was sie beschreibt, spricht f\u00fcr sich und bedarf nicht der \u00dcberh\u00f6hung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein mehr als lesenswertes Buch also. Ein Buch, in dem Kriminelles kein Selbstzweck ist, sondern alle Spielarten von Verbrechen und ihren Konsequenzen anbietet. Manche kommen ungeschoren davon (Gerd, der Folterer, stellvertretend f\u00fcr die &#8222;Berater&#8220;, die bis heute kein Gericht zur Verantwortung gezogen hat), andere b\u00fc\u00dfen stellvertretend f\u00fcr die Systeme, aus denen sie kommen, wiederum andere werden gel\u00e4utert. Es gibt Selbstjustiz, ausgleichende Gerechtigkeit, aber keines der Verbrechen wird auf konventionelle Weise ges\u00fchnt. So ist das Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Und das noch: \u201eAschemenschen\u201c ist ein Paradebeispiel daf\u00fcr, wie gute AutorInnen aus geradezu haarstr\u00e4ubenden Plots glaubw\u00fcrdige, realistische Geschichten machen k\u00f6nnen. Seltene F\u00e4lle.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Ulrich Schmid: Aschemenschen. <br \/>Eichborn Verlag 2006. 396 Seiten. 22,90 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Himmel, was f\u00fcr ein Plot! Rankende Ideenbl\u00fcten, phantastisches Efeu all\u00fcberall. 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