{"id":16798,"date":"2006-06-01T09:46:16","date_gmt":"2006-06-01T09:46:16","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/06\/kick-out-culture\/"},"modified":"2022-06-05T22:39:48","modified_gmt":"2022-06-05T20:39:48","slug":"kick-out-culture","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/06\/kick-out-culture\/","title":{"rendered":"Kick out  culture"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Zuf\u00e4lliges Zusammentreffen der Ereignisse. K\u00fcrzlich eine wohlmeinende Mail: Das mit den alten Krimis sei toll, aber warum denn Sponsoren? Es gibt doch \u00f6ffentliche F\u00f6rdermittel! Irgendwo ganz bestimmt auch ein T\u00f6pfchen f\u00fcr das kulturell Abseitige, aber dennoch Wertvolle. Heute dann ein Blick ins \u2192<a href=\"http:\/\/forum.krimi-couch.de\/idThread-2229.html\"> Forum der Krimicouch <\/a>: Silvia Kaffke setzt ihren Kreuzzug geben die Kostenlosigkeit der Literatur fort, diesmal argumentiert sie gegen Autorenlesungen ohne Honorar und, indirekt, f\u00fcr mehr \u00f6ffentliche F\u00f6rdermittel.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>So. Und jetzt der Schock: Ich bin daf\u00fcr, die Kultur dieses Landes ab sofort mit keinem Euro mehr zu subventionieren. Alles auf Null: Die Theater, die zum 10.000 \u201eMadame Butterfly\u201c flattern lassen, die bildenden K\u00fcnstler mit ihrer Hybris, die Filmemacher mit ihrer einen Million f\u00fcr eine Zehntel-Idee. Weg damit. Totale Marktwirtschaft. Wer Kultur schafft, der verkaufe sie gef\u00e4lligst auch. Wer Kultur konsumiert, der zahle daf\u00fcr den angemessenen Preis. Und jammert mir nicht, ihr h\u00e4ttet kein Geld daf\u00fcr! F\u00fcr alles andere kratzt ihr die letzten Groschen zusammen, aber das Kulturelle m\u00f6ge euch gef\u00e4lligst ins Maul flattern. Schluss, aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Zugegeben: Diese Gesellschaft w\u00fcrde von den Kalamit\u00e4ten einer abrupt auf das finanziell Trockene gesetzten Kultur nur wenig mitbekommen. Verwundert nicht. Ein Volk, das der Bildzeitung glaubt, hat keine Kultur verdient und will sie sich auch nicht verdienen. Ein Volk, das zuschaut, wie Millionen in die Armut getrieben werden und dem man straflos weismachen kann, Hartz IV mache seine Bezieher zu reichen M\u00fc\u00dfigg\u00e4ngern, ein solches Volk sollte man vor eine gigantische Flimmerkiste setzen und mit Sabine Christiansen, Prinz Dingsbums und Superstar Trallala bis zum ersch\u00f6pften Ableben zum\u00fcllen. F\u00fcr alle anderen gilt: Gib dem K\u00fcnstler, was des K\u00fcnstlers ist, achte den Wert schriftstellerischer Arbeit, und wenn du dich f\u00fcr alte Krimis interessierst und nicht am Bildschirm lesen willst, dann bezahl daf\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>Verglichen mit anderen kulturellen Zuwendungsempf\u00e4ngern sind Schriftsteller arme Schweine. Manchmal ehrt man sie mit dotierten Preisen, wof\u00fcr sie sich auch noch herzlich bedanken m\u00fcssen und bitte, bitte, wenigstens halbwegs im kulturellen und politischen Konsens zu bleiben haben, sonst wird ihnen die Zuwendung, siehe Handke \/ Heine, postwendend wieder entzogen. Oder man gew\u00e4hrt ihnen Stipendien. Ein Jahr Stadtschreiber in X, 800 \u20ac im Monat, daf\u00fcr aber bitte etwas Stadtbeweihr\u00e4ucherung in gedruckter Form abliefern. Wer von seiner \u201eSchreibe\u201c leben m\u00f6chte, muss allerdings notgedrungen in der Marktwirtschaft ankommen, sprich: viele B\u00fccher verkaufen. Na ja, Qualit\u00e4t setzt sich durch. Okay; oftmals aber leider nicht zu Lebzeiten des Autors. Ohne die P\u00f6stchen, die ihnen Goethe verschaffte, w\u00e4ren sowohl Herder als auch Wieland als auch Schiller verhungert. Jean Paul \u00fcberlebte dank f\u00fcrstlicher Monatsrente, Arno Schmidt, der hier nat\u00fcrlich nicht fehlen darf, ist nur deshalb nicht in der \u201eSchei\u00df=Gro\u00dfindustrie\u201c untergetaucht, weil ihm der Rundfunkredakteur Alfred Andersch ein Zubrot verschaffte und ihn \u201eNachtprogramme\u201c \u00fcber vergessene Dichter und ihre noch vergesseneren Werke schreiben lie\u00df, womit Schmidt, dies nebenbei, \u00fcbrigens mehr f\u00fcr die Literatur getan hat als 100 Jahre bornierte Germanistik.<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne diese mehr oder weniger privaten, manchmal auch \u00f6ffentlichen Zuwendungen s\u00e4he die deutsche Literatur \u00e4rmer aus, keine Frage. Aber ist das ein Argument F\u00dcR Subventionen und Selbstausbeutung? Eher nicht. Denn im Bewusstsein der Schaffenden wie der Konsumenten hat sich eine fatale Eigendynamik entwickelt, die das Bild des Schriftstellers, wie man es heutzutage beklagen muss, geformt hat. Erstes Charakteristikum: Literatur ist etwas Hohes, ein Wert au\u00dferhalb wirtschaftlichen Koordinatensystemen, etwas, wof\u00fcr man sich selbst auszubeuten hat, etwas, f\u00fcr das man Lob und Ehr und Dank und ein paar kleine Scheine (vielleicht auch noch in Koffern konspirativ \u00fcberreicht) erwarten kann \u2013 aber nicht das, was ansonsten wie selbstverst\u00e4ndlich daf\u00fcr sorgt, dass unsere Gesellschaft so funktioniert, wie sie nun einmal funktioniert: eine finanzielle Gegenleistung wie f\u00fcr jede andere Arbeit auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit jedoch wird Schreiben nicht mehr als das empfunden, was es nun einmal vorrangig ist: Arbeit. Etwas, das Zeit kostet, Zeit, die einem fehlt, um etwa in der Schmidtschen \u201eSchei\u00df=Gro\u00dfindustrie\u201c die Br\u00f6tchen zu verdienen, die man nach Feierabend dann kulturell buttert. Schreiben ist Selbstfindung, Hobby, Suchen nach Anerkennung, man bekommt den Lohn \u201ezugesprochen\u201c, wird gn\u00e4digst \u201eernannt\u201c, bekommt \u201efeierlich \u00fcberreicht\u201c (machen Sie das mal bei Ihrem Klempner, der gerade die Wasserleitung geflickt hat! Der Mann ruft umgehend bei der n\u00e4chstgelegenen Klapse an!). Auch darf man sich \u201ebewerben\u201c: Um Aufnahme in irgendwelche Anthologien, um die Gunst, \u201ein nett-intimen R\u00e4umen\u201c vor notorisch nichtzahlendem Publikum lesen zu d\u00fcrfen. Ist ja Werbung! Wo k\u00e4men wir denn da hin, wenn wir f\u00fcr Kultur bezahlen m\u00fcssten, die uns nicht mit Gratispr\u00f6bchen schmackhaft gemacht wurde!<\/p>\n\n\n\n<p>So. Kommando zur\u00fcck. Nat\u00fcrlich alles Quatsch, nur ein Gedankenspiel. Ich werde weiterhin der Selbstausbeutung fr\u00f6nen, Dinge kostenlos anbieten und irgendwie schauen, dass ich \u00fcber die Runden komme, ohne den Kuckuck auf dem Rechner geklebt zu kriegen. Ich werde mir weiterhin geduldig dieses \u201eZu teuer!\u201c anh\u00f6ren, wenn der Nichterwerb eines Buches gerechtfertigt wird, w\u00e4hrend im Einkaufst\u00e4schchen die Whiskyflaschen, keine unter \u20ac 40, gegeneinander schlagen und es nicht einmal hohl klingt. Aber als kleine Vision&#8230;.Schocktherapie halt&#8230;.Man stelle sich vor: Die Kultur kollabiert. Nichts mehr ohne Gegenleistung, nichts mehr, wof\u00fcr man auch noch Danke sagen muss. Ein kleines H\u00e4uflein Aufrechter, auf der Produzenten- wie der Konsumentenseite&#8230;und dann schauen sie halt, wie sie sich gegenseitig \u00fcber Wasser halten.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch. Tief in mir drin sitzt die \u00dcberzeugung, dass wir die herrschende Kulturgroteske nur beenden, indem wir die herrschende Kultur und ihre Mechanismen abschie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zuf\u00e4lliges Zusammentreffen der Ereignisse. K\u00fcrzlich eine wohlmeinende Mail: Das mit den alten Krimis sei toll, aber warum denn Sponsoren? Es gibt doch \u00f6ffentliche F\u00f6rdermittel! Irgendwo ganz bestimmt auch ein T\u00f6pfchen f\u00fcr das kulturell Abseitige, aber dennoch Wertvolle. 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