{"id":16819,"date":"2006-06-06T23:04:01","date_gmt":"2006-06-06T23:04:01","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/06\/the-raconteurs-broken-boy-soldier\/"},"modified":"2022-06-15T00:32:00","modified_gmt":"2022-06-14T22:32:00","slug":"the-raconteurs-broken-boy-soldier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/06\/the-raconteurs-broken-boy-soldier\/","title":{"rendered":"The Raconteurs: Broken Boy Soldier"},"content":{"rendered":"\n<p>Da liegen die Schatzkammern voll mit Gold und Edelsteinen. Und eine Stimme sagt: Hereinspaziert. Aber das allein macht noch keinen geschmackvoll geschm\u00fcckten Menschen. Man muss auch verantwortungsvoll mit all den Herrlichkeiten umgehen k\u00f6nnen. Sprich: alles Geschmeide gleichzeitig umzuh\u00e4ngen, macht nur billig.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Hat man Prinzessin Diana je mit mehr als einem Diadem im Haar auflaufen sehen? Nein. Menschen, die nie genug kriegen und mit beiden H\u00e4nden gierig zugreifen, sehen am Ende aus wie daueroperierte Kunstfiguren auf den Partyseiten der Bunte. Selbst der kluge Einrichtungsberater wei\u00df: R\u00e4ume wirken nur, wenn man sie nicht restlos voll stellt, sondern auch Mut zu Leerfl\u00e4chen hat. Oder besser: die n\u00f6tige Disziplin, nicht jeden Quadratzentimeter zu f\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Ausflug in die \u00c4sthetik ist l\u00e4nger geworden als er sollte. Sein eigentlicher Zweck ist, eine neue Band zu loben. Die Raconteurs. Beziehungsweise ihr erstes Album. In Detroit hat sich die zust\u00e4ndige Truppe zusammengefunden: Jack White von den White Stripes und noch drei weitere Kollegen, unter anderem von den Greenhornes. Und den vieren ist eines gro\u00dfartig gelungen: sich nicht zu sehr in der Schatzkammer zu bedienen &#8211; obwohl ihre aus allen N\u00e4hten platzt. Sondern mit untr\u00fcglichem Sinn f\u00fcr Ma\u00df und \u00c4sthetik nur die besten Teile herauszugreifen und zu aufregenden Songs zusammenzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Broken Boy Soldier&#8220; ist mit einer gewissen K\u00fchle und Eleganz ausgestattet. Obwohl immer wieder deftige Riffs das feinziselierte Gewebe aufw\u00fchlen. Mit Leidenschaft, aber auch mit viel Zur\u00fcckhaltung gehen die Raconteurs sparsam mit ihren Mitteln um. Aufreizend sparsam. Immer wieder erscheinen die Songs als transparent gemachtes Ger\u00fcst aus einer \u00fcbersichtlichen Zahl von Linien: Gitarre, Gesang, Percussions, Synthie. Als zerlege man einen Menschen in ein Skelett und die wichtigsten Muskelbahnen. Bevor&#8230; &#8211; wieder kurz der Riffwahnsinn ausbricht. Denn die Raconteurs lieben Kontraste. Vor allem zwischen Laut und Leise.<\/p>\n\n\n\n<p>Und sie lieben Effekte: hier und da ein kleiner Diamant mehr darf es durchaus sein. Ob der Keyboarder seine Tasten nerv\u00f6s flackern l\u00e4sst oder auf wuchtige Orgel umstellt. Ob der Gitarrist die Fuzzbox auspackt. Oder ein Teil des Gesangs in den Hintergrund ger\u00fcckt oder gar verzerrt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Gefeilt und gefrickelt wurde hier durchaus. Am Sound und an den Songs, die sich nicht alle mit Klampfe am Lagerfeuer nachspielen lassen. Im Gegenteil: vieles ist gen\u00fcsslich dekonstruiert und in kunstvoll liierte Versatzst\u00fccke runterdekliniert worden. Obwohl die vier auch mit ihrem Songwritingtalent nicht geizen m\u00fcssen. Aber &#8211; wie gesagt: weniger ist f\u00fcr die Raconteurs mehr. Und am Ende ist stets alles stimmig.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob es die softe Sixties-Hymne ist mit ihren weich perlendem Synthie, die sich tats\u00e4chlich am Lagerfeuer nachspielen lie\u00dfe. Ob es der scharf s\u00e4gende Rock-Opener (und Single) &#8222;Steady as she goes&#8220; ist: mit eruptiv ausbrechendem Refrain und spannungsreich-spartanischen Strophen. Oder die beiden gro\u00dfen, d\u00fcsteren und epischen Meisterwerke des Albums sind: der Titelsong, der mit Led Zeppelin-Fistelgesang und unheilschwangeren Gitarrenlinien aufwartet. Und der herzzerrei\u00dfende Schlusstake &#8222;Blue Veins&#8220;, der drohende Westernriffs und verhaltenes Piano nur in Zeitlupentempo voran kommen l\u00e4sst. Und immer wieder schwelgen die vier in kunstvollen Beatles-Backingch\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberhaupt klingen die vier, als w\u00fcssten sie sich blind zu vertrauen. Vermutlich nur so ist dieses gro\u00dfartige Album entstanden, das seine Kunst \u00e4u\u00dferst l\u00e4ssig zelebriert. Hier treffen sich Rock und Experiment. Ungew\u00f6hnliche Percussions sexen die Takes oft zus\u00e4tzlich auf. Kombinieren 70er-Hardrock vorsichtig mit jazzy Latin-Flair. Beatle-esker Satzgesang trifft auf mathematisch abgezirkelten Progrock und pschedelische Synthie-Ausfl\u00fcge.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, &#8222;Broken Boy Soldier&#8220; ist keine Sch\u00f6nschreib-Hausarbeit einer verspielten Musikgruppe. Sondern ein straffes, aufregendes und vor allem abwechslungsreiches Rock-Album &#8211; das Rock aber auch gern mal anders definiert, als man es erwartet. Und das ruhig im Gro\u00dfen und Ganzen episch genannt werden darf. Eben so, wie es schon der Name der Band ank\u00fcndigt: die Raconteurs!<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">The Raconteurs\nBroken Boy Soldier\nXl\/Beggars\nV\u00d6: 12.5.2006<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da liegen die Schatzkammern voll mit Gold und Edelsteinen. Und eine Stimme sagt: Hereinspaziert. Aber das allein macht noch keinen geschmackvoll geschm\u00fcckten Menschen. Man muss auch verantwortungsvoll mit all den Herrlichkeiten umgehen k\u00f6nnen. 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