{"id":16824,"date":"2006-06-08T07:42:31","date_gmt":"2006-06-08T07:42:31","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/06\/patrick-boman-peabody-geht-fischen\/"},"modified":"2022-06-16T04:32:15","modified_gmt":"2022-06-16T02:32:15","slug":"patrick-boman-peabody-geht-fischen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/06\/patrick-boman-peabody-geht-fischen\/","title":{"rendered":"Patrick Boman: Peabody geht fischen"},"content":{"rendered":"\n<p>Es ist schw\u00fcl in den indischen Kolonien, den hinterindischsten zumal, wo weder Monumentales noch Pittoreskes den Aufenthalt vers\u00fc\u00dft. Hierhin hat es zu Beginn des 20. Jahrhunderts Josephat Peabody verschlagen, den unbotm\u00e4\u00dfigen, dicken, schwitzenden und fluchenden Polizeibeamten, und was bleibt ihm anderes \u00fcbrig, als sich pragmatisch durch die triefende Landschaft zu w\u00e4lzen, nicht einmal die See wei\u00df zu erfrischen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ein dubioser Anwalt ist ermordet worden, bestialisch inklusive ger\u00f6stetem Unterschenkel und aufgeschlitztem Penis. Ein Ritualmord, ein Rachemord? Beides denkbar, und Josephat Peabody nimmt seine Ermittlungen auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wir lernen ihn kennen. Peabody nimmt sich, was er braucht. Sexuelle N\u00f6tigung, weiteres Erschleichen erotischer Stimulierung, r\u00fcder Umgang mit den Einheimischen, nein, mit so einem identifiziert man sich nicht. Merkw\u00fcrdig also, dass man ihn dennoch fast lieb gewinnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwie. Unter all den kaputten Kolonialtypen. Dem versoffenen, hurenden irischen Missionar, dem brutal-indifferenten Richter, dem unterschlagenden kleinen Beamten mit der lieblosen, ungl\u00fccklichen Frau, nun immerhin: die bet\u00f6rende Nonne ist rein und gut, \u00fcber ihre Gedanken reden wir nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>All diese Figuren in eine Welt hineingestellt, die so gar nichts von dem hat, was wir Leser von einer Schilderung kolonialen Milieus erwarten. Kein Wort der Anklage, kein Wort des Mitleids, keine soziologische Studie. Das verschlafene Nest, in dem sich die Dinge zutragen, ist moralisch so diffus wie Peabody, der am Ende fischen geht, um den M\u00f6rder an die Angel zu bekommen. Die Opfer sind T\u00e4ter, die T\u00e4ter auch Opfer. Ein Szenario, das unsere Erwartungen h\u00fcbsch d\u00fcpiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Erwartungen. Wer einen sympathischen Ermittler erwartet, die \u00fcbliche Identifikationsfigur also, wird entt\u00e4uscht. Wer seine politisch korrekte Brille, die kritische Betrachtung des Kolonialzeitalters betreffend, anlegt, dem beschl\u00e4gt sie. Bomann, \u00fcbrigens ein schwedischer Franzose, falls es so etwas gibt, testet auch unsere moralische Flexibilit\u00e4t. Schreiben kann der Bursche zudem, Personen, Orte, schwer atmende Landschaften mit zwei, drei Strichen zeichnen, so dass noch gen\u00fcgend Raum bleibt f\u00fcr die Phantasie des Lesers, aber auch ein Ort, an dem er sie vom Z\u00fcgel lassen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201ePeabody geht fischen\u201c ist ein lustiger noir, kein zynischer, einer halt, der uns ein munteres Feuerchen in der dunklen Welt anz\u00fcndet. Nicht um uns zu w\u00e4rmen, sondern um uns sehend zu machen.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Patrick Boman: Peabody geht fischen. <br \/>Unionsverlag (metro) 2006. 183 Seiten. 8,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist schw\u00fcl in den indischen Kolonien, den hinterindischsten zumal, wo weder Monumentales noch Pittoreskes den Aufenthalt vers\u00fc\u00dft. Hierhin hat es zu Beginn des 20. 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