{"id":16830,"date":"2011-08-24T09:13:54","date_gmt":"2011-08-24T09:13:54","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/08\/der-krimi-boomt-eine-analyse\/"},"modified":"2022-06-13T01:03:39","modified_gmt":"2022-06-12T23:03:39","slug":"der-krimi-boomt-eine-analyse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/08\/der-krimi-boomt-eine-analyse\/","title":{"rendered":"Der Krimi boomt! Eine Analyse"},"content":{"rendered":"\n<p>Liebe Leserinnen, liebe Leser: Der Krimi boomt. Jetzt f\u00e4llt Ihnen die Kinnlade auf die Brust, schon klar. Der Krimi? Ausgerechnet der Krimi? Ja, denn immer mehr Menschen m\u00fcssen sich in Scheinwelten fl\u00fcchten, weil die wirkliche Welt \u2013 die Eurokrise, die Libyenkrise, die Bayern-M\u00fcnchen-Krise \u2013 einfach nicht mehr auszuhalten ist. Aber warum der Krimi? Warum nicht der Arztroman?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Krimis gab es schon immer, im Gegensatz zu Arztromanen. Bereits der Grieche Sophokles schrieb mit &#8222;Antigone&#8220; (eine Frau verst\u00f6\u00dft gegen die st\u00e4dtische Friedhofsordnung) einen Psychothriller aus dem Adligenmilieu, w\u00e4hrend sein Mitgrieche \u00c4skulap zwar die Rolle des Arztes in der Neuzeit definierte, es jedoch vers\u00e4umte, den dazugeh\u00f6rigen knackigen Roman zu verfassen. Dumm gelaufen. Oder nehmen Sie Shakespeare. Nichts als Mord und Totschlag! Goethe, wer sonst, erfand dann den Ermittlerkrimi, in seinem &#8222;Faust&#8220; ist es der Titelheld selbst, der sich des gemeinen Giftmordes und der Unzucht mit Minderj\u00e4hrigen \u00fcberf\u00fchrt. Oder Kleist, Dorfrichter Adam im &#8222;Zerbrochenen Krug&#8220;. Ok, nur Sachbesch\u00e4digung und sexuelle Bel\u00e4stigung, aber der Ermittler ist auch der T\u00e4ter, die Sache geht gut aus, das ist Krimi wie er sein sollte, die Aufhebung von Gut und B\u00f6se (Dichotomie!) und eine Brise Sex und Humor.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese ersten Krimis waren noch stark dialoglastig, so dass man sie, in Ermangelung von H\u00f6rb\u00fcchern, sogar im Theater spielen konnte. Hingegen der Arztroman: fast Fehlanzeige. B\u00fcchners &#8222;Woyzeck&#8220; ist der zarte und gescheiterte Versuch eines Genremixes, denn der Titelheld \u2013 hat seine Freundin umgebracht \u2013 soll von \u00c4rzten vermittels H\u00fclsenfr\u00fcchten kuriert werden. Problem: Das Ding lie\u00df sich sp\u00e4ter nicht verfilmen, weil die knackige Krankenschwester fehlt und witzig ist es auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann schlief der Krimi eine ganze Weile und wurde von Bert Brecht wiedererweckt. In der &#8222;Dreigroschenoper&#8220; thematisiert der Dichter das organisierte Verbrechen, in &#8222;Der kaukasische Kreidekreis&#8220; geht es um ein Kind, das schlimmstenfalls gevierteilt wird. Ein vision\u00e4rer Vorgriff auf die P\u00e4derasten- und Sadothriller der Gegenwart. Arztroman? Nichts zu sehen. Zwar war Alfred D\u00f6blin Arzt, doch auch er bevorzugt Thriller (&#8222;Berlin Alexanderplatz&#8220;). Wie auch sein gro\u00dfer Nebenbuhler Thomas Mann (&#8222;Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull&#8220;, immerhin mit einer k\u00f6stlichen Arztszene vor der Musterungskommission).<\/p>\n\n\n\n<p>Den n\u00e4chste wichtige Schritt hin zum Erfolg des Krimigenres machte Friedrich D\u00fcrrenmatt, wie wir alle gelernt haben. Er erfand den literarischen Krimi, ein paar Jahre nach Friedrich Glauser, der den Regionalkrimi erfunden hat, der schlie\u00dflich von Henning Mankell verfeinert wurde, der auch den literarischen Krimi so aufpeppte, dass er schlie\u00dflich im SPIEGEL erw\u00e4hnt wurde. Die Konkurrenz aus dem Arztroman-Genre schlief nicht, agierte indes zu zaghaft. Alexander Solschenizyns &#8222;Krebsstation&#8220; war der erste literarische und regionale (Sibirien) Arztroman, allerdings wieder ohne Krankenschwester. Heinrich B\u00f6lls &#8222;Dr. Murkes gesammeltes Schweigen&#8220; d\u00fcpierte die Leserschaft (Frauen) damit, dass der Titelheld \u00fcberhaupt kein richtiger Arzt ist, sondern f\u00fcr den H\u00f6rfunk arbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Den endg\u00fcltigen Durchbruch zum Boomgenre schaffte der Krimi \u2013 Sie werden es kaum glauben, ich tue es selbst nicht \u2013 mit dem Subgenre Arztkrimi. Zur Jahrtausendwende war jeder zweite Protagonist Gerichtsmediziner, es gab sch\u00f6ne Krankenschwestern und viel Humor, wenn eine Sch\u00e4deldecke aufges\u00e4gt wurde. Seither hat der Arztroman keine Chance mehr gegen den Kriminalroman. Aber wem sag ich das. Sie lesen ja auch lieber einen Krimiblog als einen Arztromanblog.<\/p>\n\n\n\n<p>Dagmar Puschig-Reichelt<br \/><em>(die Autorin hat Germanistik studiert und hospitiert momentan beim &#8222;Itzehoer Volksboten&#8220;, Abteilung &#8222;Bunte Welt&#8220;. In ihrer knapp bemessenen Freizeit rezensiert sie f\u00fcr &#8222;Focus im Spiegel der Welt online&#8220; und schreibt ihre Doktorarbeit zum Thema &#8222;Das Elchmotiv im Fr\u00fchwerk Henning Wallanders und sein Einfluss auf den Regionalkrimi&#8220;.)<br \/><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Leserinnen, liebe Leser: Der Krimi boomt. Jetzt f\u00e4llt Ihnen die Kinnlade auf die Brust, schon klar. Der Krimi? Ausgerechnet der Krimi? 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