{"id":16835,"date":"2007-04-27T07:32:11","date_gmt":"2007-04-27T07:32:11","guid":{"rendered":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/04\/zugespitzt-und-abgestumpft\/"},"modified":"2022-06-05T22:58:01","modified_gmt":"2022-06-05T20:58:01","slug":"zugespitzt-und-abgestumpft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/04\/zugespitzt-und-abgestumpft\/","title":{"rendered":"Zugespitzt und abgestumpft"},"content":{"rendered":"\n<p>Den Einbruch der Wirklichkeit in den Kriminalroman nahmen wir wohlwollend und erleichtert zur Kenntnis. Allwissende Ermittler in einem gesellschaftlich aseptischen Umfeld, die Polizei mal unf\u00e4hig mal treudoof, meistens beides, die Welt ein leicht oder schwer in Unordnung geratenes R\u00e4tselpflaster, das man mit dem Besen des Rechts sauberfegte Der Realiendreck untern Krimiteppich gekehrt. So ist\u2019s halt nicht; und selbst die \u00fcberzeugtesten Eskapisten hatten es irgendwann einmal satt, angenehm durchs abgebrannte Maik\u00e4ferland kutschiert zu werden. Aber: Inzwischen nervt sie nur noch, die angebliche Wirklichkeit.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Es bleibt ein Ph\u00e4nomen: Was einstmals als Affront gegen Heile-Welt-Ges\u00fclze und akrobatisch-gek\u00fcnstelte Kopfarbeit begann, ist heute state of the art selbst dort, wo Krimis noch als schaurig-sch\u00f6ne Fluchtburgen herhalten m\u00fcssen. L\u00e4ngst erwartet man nicht nur vom Schwedenkrimi, dass er uns die Polizei als durch die Bank rassistisch, korrupt und frauenfeindlich schildert, seine Protagonisten serienm\u00e4\u00dfig mit diversen Traumata ausstattet, Politik und Wirtschaft als bodenlose S\u00fcmpfe bebildert oder \u00fcberhaupt die Leichen im Keller der \u201eHonoratioren\u201c einer zynischen Gesellschaft z\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zuspitzung ist allerorten l\u00e4ngst zur Abstumpfung mutiert. Nicht mehr der Mord an sich gilt als \u201ebrutal\u201c, erst das Zerst\u00fcckeln der Leichen im mindestens Halbdutzend vermag zu erschrecken. Nur dass eben ein Schrecken, auf den man wartet, den man geradezu fordert, recht eigentlich keiner ist. Doch auch was \u201edie Wirklichkeit\u201c angeht, sind wir abgestumpft. Sie wurde \u00fcber die Jahre fein katalogisiert, baukastenfertig gemacht und l\u00e4sst sich quasi auf Zuruf von jedem geistig unterern\u00e4hrten Autor effektvoll als Trumpfkarte im Spiel \u201ewirklichkeitsnaher Kriminalroman\u201c aus dem \u00c4rmel ziehen. Das hier neulich besprochene Buch von Stieg Larsson, \u201eVerdammnis\u201c, f\u00e4llt dabei nur deshalb auf, weil es aus dieser Versatzst\u00fcckhaftigkeit ebenso wenig einen Hehl macht wie aus der offenkundigen Lethargie, mit der man solche Haneb\u00fcchigkeiten schluckt und ihnen auch noch applaudiert. Selbst Peter Temples \u201eKalter August\u201c, obwohl moderater, l\u00e4sst keinen Zweifel daran, wie \u2013 ja, nennen wir es ruhig modeworten: kontraproduktiv inzwischen dieses Aufzeigen der finstren gesellschaftlichen Realien ger\u00e4t. Rassistische Bullen als dekoratives Sahneh\u00e4ubchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kontraproduktiv also. Will sagen: Nicht nur, dass es nat\u00fcrlich v\u00f6lliger Bl\u00f6dsinn ist, die Polizei als generell korrupt und rassistisch zu brandmarken. Schlimmer erscheint mir, wie hier ein allgegenw\u00e4rtiges und wahrlich trauriges Thema allm\u00e4hlich zum mundgerecht zugeschnittenen, ganz und gar kantenfreien SUJET zurechtgefummelt wird. Denn in der wirklichen Wirklichkeit ist die Fratze des Rassismus eben in der Regel KEINE Fratze, sondern eine ziemlich allt\u00e4gliche, nicht selten l\u00e4chelnde Visage. Auch das \u00dcberzeichnen kann verharmlosen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Mittel gegen diese nur noch auf Spektakel lauernde Verzeichnung der Wirklichkeit haben bereits Sj\u00f6wall und Wahl\u00f6\u00f6, mit die Stammeltern des \u201eTrends\u201c, angedeutet: das abermalige \u00dcberzeichnen des \u00dcberzeichneten ins Groteske. Die letzten Martin-Beck-Romane, in denen die Polizei weiterhin vom Faschismus tr\u00e4umt und diesen Traum auch wahrmachen m\u00f6chte, sind auf eine sehr brutale und dabei doch filigrane Weise komisch. So komisch, dass wir den n\u00fcchternen Alltag dahinter erahnen. Gleiches gilt nat\u00fcrlich auch f\u00fcr Wambough, Charyn und andere, doch um die soll es hier gar nicht gehen. Sondern um die Lieblosigkeit, mit der man f\u00fcr l\u00e4ngst in ihrer eigenen Stupidit\u00e4t garende LeserInnen die immer bedrohlichere Wirklichkeit zum beif\u00e4lligen Abnicken verhackst\u00fcckt, zu gegen Eintrittsgeld in der Jahrmarktsbude \u201eKrimi\u201c gefahrlos zu bestaunenden Missgeburten . Folgenlos, das sei nicht verschwiegen. Denn was k\u00fcmmert mich Rassismus, wenn ich durch die Stra\u00dfen gehe und keine Fratzen in Uniform antreffe? Dann wird Wirklichkeit zur inszenierten Wirklichkeit \u2013 was sie eh immer ist, aber hier halt nur zum Zwecke der T\u00e4uschung, zur starkgeb\u00e4rdigen Schocktherapie, auf dass ich verunsichertes Leserlein mir hinterher sagen kann: Ja, so schrecklich ist die Welt \u2013 aber vergessen wir sie bis zum n\u00e4chsten Krimi.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in den angeknacksten Psychen des ermittelnden Personals &#8211; gibt es \u00fcberhaupt noch &#8222;normale&#8220; Schn\u00fcffler? &#8211; entlarvt sich die Grobmotorik des schlagzeilenden Erz\u00e4hlens. Da lauern &#8222;D\u00e4monen aus der Vergangenheit&#8220;, h\u00e4ngt das T\u00f6chterlein genregerecht an der Nadel, watet der Held gr\u00fcblerisch knietief durch plattesten Existentialismus &#8211; als ob die Realit\u00e4t nur unter Fanfarenst\u00f6\u00dfen zu beschreiben w\u00e4re und &#8222;ein Problem&#8220; gleich ins Wolkenkraterhafte zu wachsen hat, damit es die offenbar sehr verschrammten Rezeptoren der Leserschaft \u00fcberhaupt noch als &#8222;ein Problem&#8220; wahrnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was man dagegen zu setzen hat, ist simpel: die Kraft der Literatur. Eine Kraft, die sich vor allem dann entfaltet, wenn sie mit Genauigkeit zu Werke geht. Genauigkeit beim Beobachten, Genauigkeit beim Formulieren, Genauigkeit in der dramaturgischen Darreichung. An die Stelle des fast schon zirzensisch mit seinen D\u00e4monen k\u00e4mpfenden Ermittlers, des seinen Rassismus wie einen Dienstgrad umhertragenden Polizisten, des diabolisch f\u00e4denziehenden hochhonorigen Scheusals aus Wirtschaft und Politik tritt der Alltagsmensch. Er ist nicht weniger traumatisiert, nicht weniger mit Vorurteilen behaftet, nicht weniger \u00dcberleicheng\u00e4nger. Aber zugleich ist er ein Spiegel, in dem ich meine Wirklichkeit erkennen kann \u2013 und, wenn ich Pech habe, mich selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Also, AutorInnen: Stellt eure Wirklichkeitsbauk\u00e4sten in die hinterste Ecke des Werkzeugkellers und wagt euch zur\u00fcck in die Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>(Hinweis: \u00dcber einige erstaunliche Korrespondenzen von -schlechtem- Krimi und Wirklichkeit informiert auch die neue Krimizeitschrift <em>makro scoop<\/em>, die man \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/03\/schlechter-krimi-wirklichkeit.php\">hier abonnieren<\/a> und wohl Ende Mai \/ Anfang Juni in H\u00e4nden halten kann.)<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den Einbruch der Wirklichkeit in den Kriminalroman nahmen wir wohlwollend und erleichtert zur Kenntnis. 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