{"id":16853,"date":"2006-06-14T08:13:13","date_gmt":"2006-06-14T08:13:13","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/06\/hans-hellmut-kirst-die-nacht-der-generale\/"},"modified":"2022-06-08T01:03:34","modified_gmt":"2022-06-07T23:03:34","slug":"hans-hellmut-kirst-die-nacht-der-generale","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/06\/hans-hellmut-kirst-die-nacht-der-generale\/","title":{"rendered":"Hans Hellmut Kirst: Die Nacht der Generale"},"content":{"rendered":"\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Mein lieber Otto\u201c\u2026 \u201edu bist eine gro\u00dfe Wurzelsau und daher f\u00fcr mich zwecks Erheiterung unentbehrlich.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Einige Jahre ist\u2019s her, seit mich dieser Kommissjargon durch mein literarisches Leben begleitete. Es gab eine Phase, in der habe ich die B\u00fccher Hans Hellmut Kirsts verschlungen. Angefangen mit seiner 08\/15 Trilogie \u00fcber die Masuren\u2013 Heimatromane zu den M\u00fcnchener Wirtschaftswunderkrimis. Die \u201eRebell in d\u00fcsteren Zeiten\u201c Attit\u00fcde seiner Soldatenromane hat mich seinerzeit durchaus gefesselt, sein Kriminalroman \u201eVerurteilt zur Wahrheit\u201c schon weniger. Und wie es mit Phasen so ist \u2013 sie gehen vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Nacht der Generale\u201c blieb ausgespart \u2013 aus welchen Gr\u00fcnden auch immer. Warum jetzt der Nachholbedarf? Eine \u00e4u\u00dferst positive Anmerkung Martin Comparts zu Robert J. Janes \u201eSalamander\u201c, und die M\u00f6glichkeit kosteng\u00fcnstig in die eigene Vergangenheit zu reisen (antiquarisch gibt\u2019s das Buch original vergilbt und historisch riechend f\u00fcr wenige Cents plus Porto). Sehr verlockend und au\u00dferdem die M\u00f6glichkeit einen in Deutschland nicht besonders angesehenen Autoren wieder zu entdecken.<\/p>\n\n\n\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"109\" height=\"170\" class=\"rbild\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/cover\/kirst2.jpg\"\/><br \/>Denn \u201cDie Nacht der Generale\u201c ist durchaus bemerkenswert, ist der Roman doch nur teilweise einer der f\u00fcr Kirst typischen Soldaten-und Kriegsromane, mit den fast \u00fcblichen klischeehaften Typisierungen und Aktionen, zum anderen aber ein Kriminalroman, der um die gest\u00f6rte Psyche eines Serienm\u00f6rders kreist. Die T\u00e4tersuche ist dabei gar nicht so relevant, da schnell klar ist (und von Kirst auch fr\u00fch aufgedeckt wird), welcher der drei verd\u00e4chtigen Generale jener Berserker ist, der in seiner \u201eFreizeit\u201c Prostituierte \u00e4u\u00dferst brutal missbraucht und abschlachtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Warschau 1942, Paris 1944 und Dresden 1956, drei Orte, drei \u00e4hnliche Verbrechen, die nie vor Gericht gelangen, nie offiziell aufgekl\u00e4rt werden. Am Ende gibt es S\u00fchne, weil ein paar integre Individualisten sich zusammen schlie\u00dfen und den T\u00e4ter so in die Enge treiben, dass ihm anscheinend kein Ausweg bleibt, als der f\u00fcr einen derangierten Soldatengeist einzig m\u00f6gliche \u2013 \u201ehappiness is a warm gun&#8230;\u201c Oder umgekehrt. Der hartn\u00e4ckigste Ermittler ist da schon lange tot, hingerichtet von einem namenlosen Gefolgsmann des Killers. Ein b\u00f6ser Kniff, den sich Kirst da erlaubt: der eigentliche \u201eHeld\u201c des Romans stirbt nahezu beil\u00e4ufig; unf\u00e4hig, trotz seiner gehobenen Machtposition, einen Verbrecher f\u00fcr seine Taten zur Verantwortung zu ziehen. Etwas, dass die Autoren des Massenph\u00e4nomens \u201eper Du mit dem Serienkiller\u201c Jahrzehnte sp\u00e4ter ihren Protagonisten jederzeit zugestehen. Ob Clarice Starling, Alex Cross, Tony Hill oder wie sie alle hei\u00dfen \u2013 am Ende eines Buches ist der T\u00e4ter \u00fcberf\u00fchrt. Manchmal kann er aufgrund massenwirksamer Popularit\u00e4t entkommen und in weiteren B\u00fcchern sein Unwesen treiben, aber f\u00fcr den jeweiligen Roman findet das blutige Treiben sein ermittlungstechnisches Ende.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcrde Hans Hellmut Kirst nicht unbedingt als den \u201eVater des modernen Serienkiller-Krimis\u201c bezeichnen \u2013 wenn schon eher als Geburtshelfer -, aber seine d\u00fcstere, einfache L\u00f6sungen ausschlie\u00dfende Weltsicht verdient Respekt. Er verweigert sich Genre-Konventionen, bevor sie \u00fcberhaupt erschaffen wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es \u2013 gerade aus heutiger Sicht \u2013 einiges an dem Roman zu m\u00e4keln, sei es der eher schlichte, teilweise plump wirkende Schreibstil, der gerade den Typographien der Hauptpersonen mitunter unfreiwillig komische Z\u00fcge verleiht, sei es die Unentschlossenheit mit der die Pr\u00e4senz des Nationalsozialismus und seinen Auswirkungen beschrieben wird.<\/p>\n\n\n\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"lbild\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/cover\/kirst-die-nacht-der-generale.jpg\" width=\"97\" height=\"150\"\/><br \/>Aber gerade da kann man eine Lanze f\u00fcr Herrn Kirst brechen. Vielfach wurde ihm vorgeworfen, dass in der \u201eNacht der Generale\u201c zwar viele mehr oder weniger ehrenr\u00fchrige Soldaten, aber keine echten Nazis vorkommen. Doch das geht am Wesen des Romans vorbei. \u201eDie Nacht der Generale\u201c ist kein antifaschistischer Paraderoman, vielmehr geht es um die Frage wie sich Individuen im relativ starren Gef\u00fcge eines diktatorischen (Ohn)machtszenariums verhalten. Da gibt es Opportunisten, Unbedarfte, Geschickte, Gerechte und das B\u00f6se, dass sich so hervorragend tarnen kann \u2013 besonders wenn es von den Zeitl\u00e4uften hofiert wird. Das mag platt sein, manchmal vor Klischees triefen \u2013 ein kurzer Blick auf Wilhelmine, die machtgeile, unterw\u00fcrfige Generalsgattin, die noch tief im Standesbewusstsein des 18.\/19. Jahrhunderts verwurzelt ist, reicht aus \u2013 aber wie so oft entstehen Klischees erst dadurch, dass sie in realiter existieren\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Und Kirsts Kunstfertigkeit die Psyche eines planvoll-chaotischen Serient\u00e4ters zu zeichnen ist nicht von der Hand zu weisen. Jene psychopathische Variante, die f\u00fcr Ermittler am unangenehmsten ist: einerseits der planvolle Beamte, der sich selbst z\u00fcgelt, jeden Augenblick seines \u00f6ffentlichen Lebens unter Kontrolle zu haben scheint; der aber in Raserei ausbricht, hemmungslos und wild, dies aber so konzentriert, dass er sich jederzeit das angerichtete Chaos zunutze machen kann und geordnete Pl\u00e4ne daraus entwickelt. Gnadenlos, flexibel, chaotisch und durchstrukturiert \u2013 mit solchen Leuten kann man Wirtschaftswunder kreieren. Oder Massenmorde begehen. Beide Varianten f\u00fchrt Kirst in seinem Buch vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Eins noch: liebe Kinder, wenn ihr eure an Cornwell-Deaver-Harris-Hayder-McDermid-Patterson geschulten \u00c4uglein dem Herrn Kirst zuwendet, in Erwartung eines nervenzerrei\u00dfenden Thrillers mit blutigen Dreingaben, ihr werdet bitter entt\u00e4uscht. Wenn ihr aber offen seid f\u00fcr kleine, durchaus fiese Randnotizen zum Homo Homini Lupus, dann kann man mit dem Buch sehr erf\u00fcllte Lesen\u00e4chte verbringen\u2026<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eIch soll zur Sache kommen? Bin doch schon mittendrin, Kleiner. Also da platzt einer in unsere Gesellschaft und r\u00f6hrt: \u201eer ist tot \u2013 erschossen!\u201c Wir waren alle ganz aufgeregt. Und neben mir stand der von Seydlitz-Gabler, Generalfeldmarschall oder so was \u00e4hnliches, alle erdenklichen Orden, viel mehr als der Mende \u2013 kurz: ein Held! Und was meint ihr wohl, was der sagte? Na \u2013 dreimal d\u00fcrft ihr raten! Der sagte n\u00e4mlich: \u201e Da haben wir den Salat.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Genau!!!<\/p>\n\n\n\n<p>PS.: Stakkatorhythmus ist KEINE Erfindung von David Peace \u2026<br \/>PPS.: 1965 wurde \u201eDie Nacht der Generale f\u00fcr den \u201aEdgar Allan Poe Award\u2019 nominiert. In Deutschland wurde der Roman vielerorts geschm\u00e4ht und verrissen. Allein deshalb hat Kirst wohl irgendetwas richtig gemacht&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Hans Hellmut Kirst: Die Nacht der Generale. u.a. <br \/>Goldmann 1962<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Mein lieber Otto\u201c\u2026 \u201edu bist eine gro\u00dfe Wurzelsau und daher f\u00fcr mich zwecks Erheiterung unentbehrlich.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"author":58,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-16853","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"Jochen K\u00f6nig","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/jochen-koenig\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16853","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/58"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=16853"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16853\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=16853"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=16853"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=16853"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}