{"id":16854,"date":"2006-06-13T06:42:39","date_gmt":"2006-06-13T06:42:39","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/06\/d-b-blettenberg-null-uhr-managua\/"},"modified":"2022-06-15T01:03:32","modified_gmt":"2022-06-14T23:03:32","slug":"d-b-blettenberg-null-uhr-managua","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/06\/d-b-blettenberg-null-uhr-managua\/","title":{"rendered":"D.B. Blettenberg: Null Uhr Managua"},"content":{"rendered":"\n<p>Nicaragua in der zweiten H\u00e4lfte des 20.Jahrhunderts, dass ist eine endlose Abfolge von Gewalt. Ein B\u00fcrgerkrieg und der Kampf gegen die Contras haben das Land zerrissen, das Volk gezeichnet, seelische und k\u00f6rperliche Kr\u00fcppel auf den Strassen zur\u00fcckgelassen. Als 1991 die Sandinisten die politische Macht in freien Wahlen verloren, machte sich international Hoffnung breit, dass das Land Frieden finden k\u00f6nne.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Zwischen Realit\u00e4t und Fiktion angesiedelt, schreibt D.B. Blettenberg in seinem 1997 erschienenen und jetzt im Pendragon-Verlag wiederaufgelegten Buch \u201eNull Uhr Managua\u201c viel \u00fcber kaputte gesellschaftliche Werte und ein wenig \u00fcber Filz und Korruption. Da die Ermittlungsbeh\u00f6rden wenig Engagement zeigen, politisch motivierte Gewaltverbrechen aufzukl\u00e4ren, drohen die westlichen Geberl\u00e4nder mit der Sperrung von F\u00f6rdergeldern. Daraufhin bittet die nicaraguanische Regierung mehrere Staaten um polizeiliche Ermittler, die unabh\u00e4ngig von den Beh\u00f6rden des Landes t\u00e4tig sein sollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einer von diesen Fachleuten ist Max Nordmann . Er hat den Auftrag, den Mord an einem Jugendlichen aufzukl\u00e4ren, der beim \u00dcberholen des Konvois des Oberbefehlshabers der Armee mit Gewehrsalven erschossen worden sein soll. Die Voraussetzungen sind nicht gerade g\u00fcnstig. Beweisst\u00fccke sind verschwunden, Zeugen haben ihre fr\u00fcheren Aussagen zur\u00fcckgezogen und die nicaraguanischen Beh\u00f6rden, die Max Nordmann unterst\u00fctzen sollen, bremsen ihn sanft aus. Ermittelt wird in konspirativen Treffen; eine Vielzahl von Personen sucht seinen Kontakt und versuchen ihn zu manipulieren, zu bestechen oder unterschwellig zu bedrohen. So recht weiter bringt ihn das alles nicht. Da k\u00f6nnte er eher schon dem britischen Kollegen bei dessen Fall helfen, wei\u00df aber auch nicht recht, ob er das Leben der jungen Zeugin nicht gef\u00e4hrdet, wenn diese sich \u00f6ffentlich offenbart. W\u00e4hrend Nordmann noch im Tr\u00fcben stochert, wird er entf\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nordmann, hin und her gerissen zwischen seiner alten Liebe in Deutschland, einer sch\u00f6nen Botschaftsmitarbeiterin und Madonna, einer hintergr\u00fcndigen, jugendlichen Nica, kommt in ein Land, dessen Realit\u00e4t seine Erwartungen \u00fcbersteigt. So blank mit Terror, so drastisch, so zwischen Gewalt und Absurdit\u00e4t wechselnd, so hat er sich Managua nicht vorgestellt. \u00dcberzeugend entwickelt Blettenberg die Atmosph\u00e4re der Stadt und die Auseinandersetzung Nordmanns mit ihr. An den Kreuzungen Horden von Kindern, die sich auf die Autofahrer st\u00fcrzen um Scheiben zu putzen oder Nippes zu verkaufen, ein Racheengel, der Dichter zitiert und alten Repr\u00e4sentanten der politischen Rechten mit seiner Machete Arme und Kopf abschl\u00e4gt und M\u00e4dchen, die dem Babystrich entwachsen. Es sind die Jugendlichen, die das Bild der Stadt pr\u00e4gen. Eine Generation, gekennzeichnet von den Wirren der Vergangenheit, die nur Verachtung f\u00fcr die Erwachsenen und die Fr\u00fcchte deren Schaffens \u00fcbrig hat, ergreift die Initiative um Neues aufzubauen. Blettenberg erz\u00e4hlt gewohnt knapp und umsichtig, durchaus mit hintergr\u00fcndigem Humor, entlang eines gekonnten Aufbaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber Blettenberg will mehr: Nicht nur, dass er Max Nordmann und uns in die schwierige Geschichte Nicaraguas einf\u00fchrt, sondern, als w\u00fcrde das Grauen in Nicaragua nicht reichen, hat er auch noch den Ehrgeiz, die gesamte Terrorszenerie Europas in sein Buch miteinbeziehen zu wollen. Nicht genug, dass in diversen Einschnitten die Geschichte der Gewalt in Nicaragua geschildert wird, nein, die missgl\u00fcckte Aktion von Bad Kleinen und die Entf\u00fchrung Aldo Moros gibt es noch obendrauf. Selbst der Eigent\u00fcmer des italienischen Restaurants hat eine Terrorvergangenheit und der entsprechende Baske ist auch nicht weit weg. Es scheint so, als h\u00e4tte Blettenberg im ersten Teil des Buches seinen Zorn zu Papier gebracht. Der Balance des Buches tut das nicht gut. Diese die Geschichte unterbrechenden Einsch\u00fcbe st\u00f6ren den Fluss der Erz\u00e4hlung und so wei\u00df der Leser zeitweise gar nicht so recht, was f\u00fcr eine Geschichte der Autor ihm erz\u00e4hlen will.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist dann das furiose, leicht am Rande des Komischen t\u00e4nzelnde Finale, welches den Leser wieder vers\u00f6hnt. Spannend, gelungen konstruiert, bringt es, ohne dieses verbal auszuwalzen, die unterschiedlichen Umst\u00e4nde und Fakten zusammen, die der Autor zuvor im Buch ausgebreitet hatte und demonstriert, dass dieser einer der deutschen Vorzeigeautoren ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Buch, wie die Gegenwart zeigt, das wenig von seiner Aktualit\u00e4t eingeb\u00fc\u00dft hat. Freunde des deutschen Thrillers werden an ihm nicht vorbeikommen. Einer gewissen anf\u00e4nglichen Schwerf\u00e4lligkeit stehen ein informatives Buch, eine stimmige Atmosph\u00e4re und ein gelungenes Finale gegen\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">D.B. Blettenberg: Null Uhr Managua. \nPendragon 2006. 317 Seiten. 9,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicaragua in der zweiten H\u00e4lfte des 20.Jahrhunderts, dass ist eine endlose Abfolge von Gewalt. Ein B\u00fcrgerkrieg und der Kampf gegen die Contras haben das Land zerrissen, das Volk gezeichnet, seelische und k\u00f6rperliche Kr\u00fcppel auf den Strassen zur\u00fcckgelassen. 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