{"id":16865,"date":"2006-06-14T09:14:22","date_gmt":"2006-06-14T09:14:22","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/06\/letzte-mahlzeit-wiesbaden\/"},"modified":"2022-06-06T16:17:55","modified_gmt":"2022-06-06T14:17:55","slug":"letzte-mahlzeit-wiesbaden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/06\/letzte-mahlzeit-wiesbaden\/","title":{"rendered":"Letzte Mahlzeit Wiesbaden"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/cover\/homestory.gif\" alt=\"homestory.gif\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Wiesbaden war hei\u00df. Der Asphalt kochte und Frau Anobella, die Kriminaldichterin, tat es ihm nach. So standen wir, das Homestoryteam von Hinternet, mit knurrenden B\u00e4uchen vor der T\u00fcr des geschmackvollen Wiesbadener Anwesens der Unvergleichlichen und f\u00fchlten uns wie die heiligen zwei K\u00f6nige. Unsere Gastgeschenke: ein Buch von Karl D. Weyrauch (\u201eLehratlas des Histologie\u201c), eine Schallplatte (\u201eEr hat ein knall-rotes Gummiboot\u201c) der norwegischen Vortragsk\u00fcnstlerin Wencke Myhre sowie die letzte CD von Max Goldt. Und, nicht zu vergessen, das Original-Hinternet-T-Shirt. Wir klingelten und waren gespannt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Frau Anobella \u00f6ffnete, freudig l\u00e4chelnd, in einem bunten, der Jahreszeit angepassten Hauskleid von Gianluca Brutali, gepl\u00e4ttelte Seide mit plissiertem Spitzen-Patchwork. Ein \u00fcberaus erfreulicher Anblick, wie mir der ge\u00f6ffnete und schon leicht zum Sabbern geneigte Mund des mich begleitenden Diplomk\u00fcnstlers W\u00fcnsch verriet. \u201eSch\u00f6n, dass ihr endlich da seid, Jungs\u201c, sagte die Dichterin, \u201ekommt rein, es gibt gleich was zu spachteln.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Frau Anobella, durch ihr Krimideb\u00fct \u201eRoter Wein, das muss nicht sein\u201c einem Millionenpublikum (Johannes B. Kerner \u2013 Talkshow) bekannt geworden, f\u00fchrte uns geradenwegs in ihren gepflegten Garten, eine Oase der Ruhe in der doch so hektischen hessischen Landeshauptstadt. \u201eTut euch keinen Zwang an, Leute, legt ab.\u201c, forderte uns die Dichterin auf und streifte sich, wie zur Bekr\u00e4ftigung ihres Imperativs, auch gleich die Schuhe von den F\u00fc\u00dfen, ein Paar Cityschlappen aus der Produktion von Yves De Bonsaque (siehe nachstehende Skizze von Diplomk\u00fcnstler W\u00fcnsch).<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/cover\/homestory_1.jpg\" alt=\"homestory_1.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Tisch war geschmackvoll gedeckt. \u201eGr\u00fcne So\u00dfe\u201c hatte uns die Kriminaldichterin versprochen, ein Nationalgericht der hiesigen Einwohner, andernorts auch als \u201eSchon mal verdaut\u201c \u00fcbel beleumundet, auf dem teuren Porzellan der Gastgeberin indes appetitlich angerichtet. Wir setzten uns und schlugen zu (siehe nachstehende Skizze von Diplomk\u00fcnster W\u00fcnsch).<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/cover\/homestory_2.jpg\" alt=\"homestory_2.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>\u201eGn\u00e4dige Frau\u201c, begann ich den dienstlichen Teil der Homestory, \u201ein einem Interview mit Tobias Gohlis (\u201eDie Zeit\u201c, \u201eKrimijahrbuch 2006\u201c) werfen Sie der deutschen Kriminaldichtung das Fehlen jeglicher Neigung zur thomasbernhardschen Verwendung des Konjunktiv I (\u201eindirekte Rede\u201c) als postkommunikative ultima ratio vor. Stattdessen kapriziere sich die deutsche Kriminaldichtung auf \u2013 ich zitiere \u2013 \u201adiesen schei\u00df chapletischen Imperativ vom \u201aWer glaubt, er schreibe einen Krimi, der schreibt halt einen Krimi.\u2019 \u2013 \u00c4h, was meinen Sie eigentlich damit?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Frau Anobella, die Backen voll zerstampfter \u201eGr\u00fcner So\u00dfe\u201c, l\u00e4chelte ihr \u201eIch hab eine Zahnl\u00fccke, erinnert mich blo\u00df nicht dran\u201c-L\u00e4cheln und antwortete: \u201eNa \u2013 \u201aDie Zeit\u2019 eben!\u201c *verdreht die Augen \u2013 \u201eDa muss man halt so reden!\u201c &#8211; **wirft die H\u00e4nde \u00fcbern Kopf ***nickt in die Runde.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Essen, man kann es nicht anders nennen, mundete vorz\u00fcglich, wenn auch das Runterschlucken der fein in Magerquark ertr\u00e4nkten Kartoffeln und hartgekochten Eier schwerfiel. Eigenh\u00e4ndig schenkte die Dichterin aus dem gro\u00dfen \u00c4ppelwoi-Krug (\u201eBembel\u201c) nach, Diplomk\u00fcnstler W\u00fcnsch w\u00fcrde sp\u00e4ter glasigen Auges von dieser doch so gastfreundlichen Geste schw\u00e4rmen und sich vornehmen, sie in fetter \u00d6lfarbe zu verewigen. \u201eEin Teufelsweib!\u201c lallte er das eine um das andere Mal auf der R\u00fcckfahrt, aber so weit sind wir noch nicht, denn schon schwebte die nimmerm\u00fcde Wiesbadener mit einer Schale k\u00f6stlichen Nachtischs herbei.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEin herbstliches Arrangement aus welkem Laub, mit UHU kunstvoll zusammengeklebt, um eine k\u00f6stliche F\u00fcllung aus Thunfischfrikassee im Preiselbeerbett. Zum Wohlsein!\u201c, empfahl sie und schluckte sogleich eine dieser so wohlschmeckenden wie \u00e4sthetisch \u00fcberzeugenden Pretiosen (siehe nachstehende Skizze von Diplomk\u00fcnstler W\u00fcnsch).<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/cover\/homestory_3.jpg\" alt=\"homestory_3.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Ich wollte noch einige Fragen stellen \u2013 Welche Drogen nehmen Sie? \u2013 Sind Sie ein Findelkind? \u2013 Gibt es das Kleid, das sie da tragen, auch in Ihrer Gr\u00f6\u00dfe oder nur f\u00fcr Bulimieleidende? \u2013 Wo ist die Toilette? \u2013 doch die Zeit, ach, Sie verging so rasch. Frau Anobella erz\u00e4hlte sehr belanglose, f\u00fcr die Literaturgeschichtsschreibung indes irgendwann sicher einmal wichtige Ereignisse ihrer Biografie, es wurde hei\u00dfer, es wurde schw\u00fcler, die Zeit verging wie im Flug.<\/p>\n\n\n\n<p>Diplomk\u00fcnstler W\u00fcnsch, der wie bet\u00f6rt an den Lippen der sch\u00f6nen Dichterin hing, versuchte diese pl\u00f6tzlich in einer abrupten Umarmung und begleitet von katerm\u00e4\u00dfig gejaulten Schreien \u201eDu Teufelsweib, du!\u201c g\u00e4nzlich in seine Gewalt zu bringen, was ich zwar vermittels eines Faustschlages verhindern konnte, doch Frau Anobella war nun doch sehr an unserem baldigen Aufbruch interessiert und servierte, \u201eals Wegzehrung\u201c, ein St\u00fcck ihres ber\u00fchmten K\u00e4sekuchens (siehe nachstehende Skizze von Diplomk\u00fcnstler W\u00fcnsch), den wir ihr f\u00fcr teuere 13,50 Euro (Rechnung wurde \u00fcbergeben) im \u201eCaf\u00e8 Maldaner\u201c hatten besorgen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/cover\/homestory_4.jpg\" alt=\"homestory_4.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Voll der leckersten Mahlzeiten erhoben wir uns schlie\u00dflich und verabschiedeten uns von Frau Anobella, die uns noch auftrug, ihr im kommenden B\u00fccherherbst erscheinendes Werk \u201eWeine nicht um Weine, Luzinda\u201c geh\u00f6rig zu loben, widrigenfalls sie uns die Kr\u00e4tze an den Hals w\u00fcnsche. Wir versprachen unser Bestes und verlie\u00dfen, schwer beeindruckt, das gem\u00fctliche Heim der Dichterin. Wiesbaden war noch immer hei\u00df. Der Asphalt kochte weiter. Wir aber hatten genug erlebt.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wiesbaden war hei\u00df. Der Asphalt kochte und Frau Anobella, die Kriminaldichterin, tat es ihm nach. So standen wir, das Homestoryteam von Hinternet, mit knurrenden B\u00e4uchen vor der T\u00fcr des geschmackvollen Wiesbadener Anwesens der Unvergleichlichen und f\u00fchlten uns wie die heiligen zwei K\u00f6nige. Unsere Gastgeschenke: ein Buch von Karl D. 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