{"id":16887,"date":"2006-06-22T07:41:29","date_gmt":"2006-06-22T07:41:29","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/06\/catherine-gildiner-verfuehrung\/"},"modified":"2022-06-09T22:22:23","modified_gmt":"2022-06-09T20:22:23","slug":"catherine-gildiner-verfuehrung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/06\/catherine-gildiner-verfuehrung\/","title":{"rendered":"Catherine Gildiner: Verf\u00fchrung"},"content":{"rendered":"\n<p>Es sind nicht die Schlechtesten, die Sigmunds Freuds Psychoanalyse f\u00fcr das Erkl\u00e4rwerk eines phantasiebegabten und durchaus cleveren Ermittlers halten, der den F\u00e4hrten im kriminellen Alltag der Psyche folgte und am Ende die \u00dcbelt\u00e4ter vermittels Interpretation dingfest machte. Man muss nicht so weit gehen wie Vladimir Nabokov, der Freud einen Kurpfuscher nannte. Aber man kann darauf verweisen, dass Freud vielleicht doch eher ein Fall f\u00fcr die Literaturwissenschaft w\u00e4re und, im Gegenzug, ein ganzer Stapel B\u00fccher der letzten 200 Jahre stattdessen ein Fall f\u00fcr die Psychologie, da dort \u201eWahrheiten \u00fcber die Psyche\u201c besser erhellt, jedoch kaum \u201eerkl\u00e4rt\u201c werden. Nun denn: Jetzt ist Freud, der Ermittler, selbst Gegenstand einer Ermittlung geworden, in Catherine Gildiners \u201eVerf\u00fchrung. Ein Freud-Krimi\u201c.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Kate Fitzgerald hat \u2013 sie wei\u00df nicht warum \u2013 ihren Mann get\u00f6tet und sitzt seit neun Jahren in einem kanadischen Gef\u00e4ngnis, wo sie allmonatlich eine Therapiestunde beim verhassten Dr. Gardonne \u00fcber sich ergehen lassen muss. Dieser kann mit einer g\u00fcnstigen Beurteilung Fitzgeralds vorzeitige Freilassung erwirken \u2013 oder sie mit einer ung\u00fcnstigen auf Lebenszeit hinter Gittern lassen. Das birgt ein hohes Erpressungspotential. Dann macht Dr. Gardonne seiner Patientin ein \u00fcberraschendes und seltsames Angebot. Fitzgerald, die sich im Gef\u00e4ngnis zu einer anerkannten Freud-Spezialistin ausgebildet hat, soll schweren Schaden von der Psychoanalyse und ihrem Begr\u00fcnder abwenden. Anders Konzak, immerhin Direktor der Freud-Akademie, hat \u00f6ffentlich Enth\u00fcllungen angek\u00fcndigt, die Freud als Scharlatan und die Psychoanalyse als gro\u00dfes Schwindelgebilde entlarven w\u00fcrden. Konkret: Hat Freud die \u201eVerf\u00fchrungstheorie\u201c wider besseres Wissen, aus reinen Karrieregr\u00fcnden verworfen und stattdessen die \u201e\u00d6dipustheorie\u201c favorisiert, inzestu\u00f6sen Missbrauch ergo als Phantasieprodukt der kindlichen Psyche \u201everharmlost\u201c?<\/p>\n\n\n\n<p>Fitzgerald soll herausfinden, was Konzak weiter plant und wer seine Informanten sind. Ihr zur Seite steht der Ex-H\u00e4ftling Jackie, ein Raubein, aber nicht dumm, jetzt als Detektiv durchaus erfolgreich. Das ungleiche Paar reist nach Wien, alles beginnt wunschgem\u00e4\u00df. Kate becirct Konzak, doch dann \u2013 es ist schlie\u00dflich ein Krimi \u2013 ist Konzak tot, ermordet.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4testens hier hat sich Gildiners Roman geteilt. In einen konventionellen, durchaus turbulenten und gut konstruierten Whodunit, der \u2013 auch das eine bekannte Konstellation \u2013 das gegens\u00e4tzliche, sich schlagende, sich vertragende Ermittlerp\u00e4rchen durch die Weltgeschichte f\u00fchrt, von einem Mord zum n\u00e4chsten, denn der unheimliche T\u00e4ter, der Freud mit allen Mitteln \u201esch\u00fctzen\u201c m\u00f6chte, ist stets einen Schritt voraus. Und in einen, nun ja, nennen wir es: bildungsb\u00fcrgerlichen Teil, der die Geschichte und Windungen der Psychoanalyse in Gespr\u00e4chen und Gedanken der Protagonisten reflektiert. Beide Teile greifen sehr wohl ineinander und treiben sich gegenseitig Richtung Ende. Manchmal allerdings etwas zu bem\u00fcht, zu gewollt, jede Enth\u00fcllung ein kleines psychoanalytisches Exempel.<\/p>\n\n\n\n<p>Man muss Gildiner zu gute halten, dass sie ein durchaus zwiesp\u00e4ltiges Bild dieser Theorie entwirft, vor allem dadurch, dass sie uns ihre Akteure als bunten und nicht selten korrupten Verein schildert. Da gibt es Freaks und Karrieristen, Traumatisierte, die Schuld auf sich geladen haben \u2013 und es gibt Anna Freud, Tochter und Sachwalterin der Psychoanalyse, die h\u00f6chstselbst im Roman eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Wie denn \u00fcberhaupt Historisches von Gildiner sehr frei \u00fcbernommen und zurechtgebogen wird. Freud etwa kommt in den Genuss zus\u00e4tzlicher Lebensjahre, Charles Darwin taucht auf und tut Dinge, die er in Wirklichkeit nicht getan hat. Aber okay. Es ist ein Roman.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende laufen die beiden Teile wieder zusammen. Nach mehreren T\u00f6tungsdelikten, den \u00fcblichen Entlarvungen und Verd\u00e4chtigungen der gro\u00dfe Showdown \u2013 und der ist die gro\u00dfe Schw\u00e4che des Buches. Die Psychoanalyse selbst liefert das Motiv, welches wiederum auf sehr vertrackte Weise Freuds Theorien best\u00e4tigt. Das ist wenig nachvollziehbar wie auch, ohne zuviel zu verraten, die praktische Umsetzung der b\u00f6sen Taten allzu an den Haaren herbeigezogen plausibel gemacht werden soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: Ein durchaus lesenswerter Kriminalroman, selbst f\u00fcr diejenigen, die seinen Gegenstand nicht besonders ernst nehmen. Als \u201eEinf\u00fchrung in die Psychoanalyse\u201c weniger geeignet, als Zeugnis des Pro und Contra dagegen unver\u00e4chtlich. Wenn nur dieser handgeschnitzte Schluss nicht w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Catherine Gildiner: Verf\u00fchrung. Ein Freud-Krimi. <br \/>Kindler 2006. 507 Seiten. 19,90 \u20ac<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es sind nicht die Schlechtesten, die Sigmunds Freuds Psychoanalyse f\u00fcr das Erkl\u00e4rwerk eines phantasiebegabten und durchaus cleveren Ermittlers halten, der den F\u00e4hrten im kriminellen Alltag der Psyche folgte und am Ende die \u00dcbelt\u00e4ter vermittels Interpretation dingfest machte. Man muss nicht so weit gehen wie Vladimir Nabokov, der Freud einen Kurpfuscher nannte. 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