{"id":16904,"date":"2006-06-22T15:32:37","date_gmt":"2006-06-22T15:32:37","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/06\/noch-einmal-gratis-alte-krimis\/"},"modified":"2022-06-16T03:11:18","modified_gmt":"2022-06-16T01:11:18","slug":"noch-einmal-gratis-alte-krimis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/06\/noch-einmal-gratis-alte-krimis\/","title":{"rendered":"Noch einmal gratis: alte Krimis."},"content":{"rendered":"\n<p>So, ich hab jetzt das Vorwort f\u00fcr die Brosch\u00fcre mit den Leseproben der St\u00fccke fertig, die im Jahresband 2006 der &#8222;Criminalbibliothek des 19. Jahrhunderts&#8220; abgedruckt sein werden. Das Heftchen gibt es kostenlos und unverbindlich, <a href=\"mailto:dpr@hinternet.de\">hier<\/a>. Und jetzt das Vorwort:<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Vorwort<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt Dinge zwischen Literatur und Wissenschaft, die scheinen sich auszuschlie\u00dfen. Triviales kann nicht \u201eliterarisch\u201c sein, Unterhaltungsliteratur nicht politisch und die Geburt des deutschen Kriminalromans aus dem Scho\u00df der \u201eGartenlaube\u201c kein Ereignis, um das man sich gro\u00df zu k\u00fcmmern h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist jetzt ein wenig, aber auch nur ein wenig pointiert. Tats\u00e4chlich sorgte die Besch\u00e4ftigung mit dem deutschsprachigen Krimi des 19. Jahrhunderts auch bei mir f\u00fcr einen vor Verbl\u00fcffung ge\u00f6ffneten Mund. Ich hatte \u201eUnterhaltung\u201c erwartet und ich bekam sie. Aber mehr noch. Diese Unterhaltung, wie sie vor allem in den Familienzeitschriften seit 1850 (\u201eDie Gartenlaube\u201c voran) dargeboten wurde, war politisch. Sie war liberal im urspr\u00fcnglichen Sinne, die Autoren nicht selten Verfolgte, Emigrierte, Gepiesackte, die ums t\u00e4gliche Brot schreiben mussten, aber auch um die t\u00e4gliche W\u00fcrde, die t\u00e4gliche Vision von einem freiheitlichen Deutschland oder \u00d6sterreich.<br \/>Die drei l\u00e4ngeren Kriminalgeschichten im Jahresband 2006 der \u201eCriminalbibliothek des 19. Jahrhunderts\u201c sind somit nicht nur spannende Unterhaltung. Jede reflektiert auf ihre Art auch die politischen und gesellschaftlichen Zust\u00e4nde der Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Jodokus Donatus Hubertus Temmes \u201eEin Amnestirter\u201c (1862) f\u00fchrt uns in die Schweiz (wohin der Autor nach 1848 emigriert war) und konfrontiert uns mit den Schattenseiten des Exils ebenso wie mit der andauernden Verfolgung der Fl\u00fcchtlinge durch die deutsche Justiz. Darum gewoben eine stimmungsvolle und tragische Kriminal- und Liebesgeschichte, dramaturgisch geschickt inszeniert und sprachlich von jener Pr\u00e4zision, die den Juristen Temme allgemein auszeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer tolle Hans\u201c(1871) von Adolf Streckfu\u00df scheint dagegen nichts weiter als ein spannender Krimi der \u201eWer-wars\u201c-Machart. Ein Raubmord ist geschehen, ein Verd\u00e4chtiger rasch ermittelt, die Untersuchung l\u00e4uft. Das alles jedoch ist antiklerikal unterf\u00fcttert (und beruht auf den Details eines ber\u00fchmten authentischen Falles), \u201eder tolle Hans\u201c ein Anarchist und Freigeist und somit seinem Sch\u00f6pfer nahe, der wie Temme unter der politischen Reaktion hatte leiden m\u00fcssen (und es dennoch sp\u00e4ter zum \u201eEhrengrab\u201c brachte; aber das ist eine andere Geschichte).<\/p>\n\n\n\n<p>Benno Bronners \u201eDer Herr von Syllabus\u201c (1872) nun ist, auch wenn sie im Untertitel \u201eEine Criminalnovelle\u201c genannt wird, alles \u2013 nur keine Criminalnovelle. Ein Pamphlet der Reaktion, k\u00f6nnte man sagen, ein offener Angriff auf die \u201eRomanleserei\u201c, die \u201eGartenlauberei\u201c, das Liberale, das moderne Theater, die moderne Erziehung, das angebrochene Industriezeitalter&#8230; und doch: Von allen drei vorgestellten Geschichten hat \u201eDer Herr von Syllabus\u201c das \u00fcberraschendste Ende, eine Metaebene sozusagen. Hier schreibt einer, der genau wei\u00df, wie gef\u00e4hrlich das sein kann, was wir heute \u201eharmlose Unterhaltungskrimis\u201c nennen m\u00f6gen, einer, der auch tats\u00e4chlich SCHREIBEN kann, so elegant und witzig wie wenige Zeitgenossen. Ein berufsm\u00e4\u00dfiger Schriftsteller war er indes nicht, der Herr Bronner, und Herr Bronner hie\u00df er auch nicht, aber mehr verraten wir hier schon gar nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Brosch\u00fcre finden Sie aus allen drei Texten Leseproben, zumeist vom Anfang, die ein Bild von Sprache und Dramaturgie vermitteln sollen. Und eine vierte Probe ist beigegeben. Sie stammt aus Emilie Heinrichs\u2019 \u201eLeibrenten\u201c von 1867, einem heute nicht nur v\u00f6llig vergessenen, sondern auch in Bibliotheken und Antiquariaten kaum noch auffindbaren Roman, dessen radikale Gesellschaftsanalyse und resigniertes Fazit allein die Neubelebung rechtfertigen. Damit aber nicht genug: Souver\u00e4n ineinander verschlungene Handlungsf\u00e4den ergeben ein Zeitbild von gr\u00f6\u00dfter Plastizit\u00e4t, ein Bild, das uns mehr \u00fcber die \u201eDenkweisen\u201c jener Zeit verr\u00e4t als ganze Regalmeter Geschichtsliteratur.<br \/>Auch hier staunen wir.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Jahresband 2006 der \u201eCriminalbibliothek des 19. Jahrhunderts\u201c erscheint im September \/ Oktober 2006. Er wird ca. 320 Seiten stark sein und zum Subskriptionspreis von 20 \u20ac (f\u00fcr Direktbezieher von \u201eSchwarzwaldau\u201c 18 \u20ac) abgegeben, danach kostet das Buch 24 \u20ac. Die Subskriptionsfrist endet mit dem Erscheinen. Lieferung gegen Rechnung inklusive Porto und Verpackung.<br \/>\u201eLeibrenten\u201c von Emilie Heinrichs ist f\u00fcr das Fr\u00fchjahr 2007 vorgesehen, Umfang und Preis etwa wie beim Jahresband 2006. Der Titel kann ab sofort subskribiert werden.<br \/>Bestellungen und Fragen bitte an dpr@hinternet.de. Oder postalisch: Dieter Paul Rudolph \u2013 G\u00e4nshornstr. 5 \u2013 66440 Blieskastel.<br \/>Und die Webseite: www.alte-krimis.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So, ich hab jetzt das Vorwort f\u00fcr die Brosch\u00fcre mit den Leseproben der St\u00fccke fertig, die im Jahresband 2006 der &#8222;Criminalbibliothek des 19. Jahrhunderts&#8220; abgedruckt sein werden. Das Heftchen gibt es kostenlos und unverbindlich, hier. 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