{"id":16926,"date":"2006-06-28T07:44:06","date_gmt":"2006-06-28T07:44:06","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/06\/die-predigerin\/"},"modified":"2022-06-06T16:28:27","modified_gmt":"2022-06-06T14:28:27","slug":"die-predigerin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/06\/die-predigerin\/","title":{"rendered":"Die Predigerin"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/cover\/unterderlupe.gif\" alt=\"unterderlupe.gif\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst sind Personen in Romanen nichts weiter als Namen, fl\u00fcchtige Umrisse und Platzhalter f\u00fcr dramaturgische Entwicklungen. Je weiter wir bei der Lekt\u00fcre vorankommen, desto lebendiger sollen die Personen und ihre Beziehungen untereinander werden. Eine gro\u00dfe Aufgabe also f\u00fcr die AutorInnen. Leider wird sie speziell in Krimis nicht immer ernst genommen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Aber gehen wir gleich in die Praxis, ein all\u00fcberall positiv aufgenommenes Werk der Schwedin Camilla L\u00e4ckberg, \u201eDer Prediger von Fj\u00e4llbacka\u201c. <em>\u201eStarke Charaktere mit viel Tiefgang\u201c<\/em> hei\u00dft es zu diesem \u2192<a href=\"http:\/\/www.krimi-couch.de\/krimis\/camilla-laeckberg-der-prediger-von-fjaellbacka.html\"> \u201eKrimicouch-Volltreffer Juni\u201c<\/a>. Ein Familiendrama von religi\u00f6sen \u2013 ach was! \u2013 von biblischen Dimensionen. Schauen wir uns ein paar Seiten genauer an.<\/p>\n\n\n\n<p>Gabriel und Laine Hult sind ein Ehepaar, bei dem es nicht zum Besten steht.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eDas hier war nicht das Leben, was sie sich ertr\u00e4umt hatte. (&#8230;) Es war die Sicherheit, die sie gelockt hatte. (&#8230;) Sie wollte ein Leben, das ganz anders war als das ihrer Mutter.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Verst\u00e4ndlich. Nur: Wen interessiert das? Es geht aber weiter.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eAls sie Gabriel gefunden hatte, glaubte sie wirklich, da\u00df sie den Schl\u00fcssel gefunden hatte, der den dunklen Schrein in ihrer Brust \u00f6ffnete.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Abgesehen vom ungeschlachten, durch zwei grammatische Schnitzer kaum zu rettenden Stil: Was sagt uns das? Aber noch weiter.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eNichts war schlimmer als Einsamkeit in der Zweisamkeit.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Bei solchen Banalit\u00e4ten kann man sich durchaus etwas Schlimmeres vorstellen: solche Banalit\u00e4ten n\u00e4mlich. Oder die allgegenw\u00e4rtige Psychoanneliese:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eDie Schuld f\u00fcr Gabriels Verschlossenheit konnte zum gro\u00dfen Teil seinem Vater angelastet werden.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die aufgef\u00fchrten Beispiele finden sich zwischen den Seiten 120 und 123 \u2013 und sind wirklich nur Beispiele. F\u00fcr die genannten Seiten \u2013 f\u00fcr das gesamte Buch \u2013 f\u00fcr s\u00e4mtliche dort vorgestellten Personen. Sie alle werden nicht erz\u00e4hlerisch entwickelt, sondern mit Gemeinpl\u00e4tzen etikettiert auf die Leserschaft losgelassen. Die darob nat\u00fcrlich keine Chance hat, sich das dramatische Szenario, in dem sich das alles ereignet, selbst zu erarbeiten, was aber doch \u2013 wenn ich nicht Jahrzehnte lang einem Irrtum aufgesessen bin \u2013 Sinn und Zweck von Literatur ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch der Kriminalliteratur? Da sind wir an einem heiklen Punkt. Man ist geneigt, die schriftstellerische Kompetenz von KrimiautorInnen in einem etwas milderen Licht zu betrachten, wenn nur das stimmt, was wir als Hauptaufgabe von Krimis ansehen: das Erzeugen von Spannung. Dagegen l\u00e4sst sich wenig einwenden, genauso wenig gegen Leute, die vom Spargel nur die Spitzen essen und den Rest wegwerfen. Ist halt Verschwendung, aber was solls.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob nun \u201eDer Prediger von Fj\u00e4llbacka\u201c ein \u201espannender Thriller\u201c genannt werden kann, vermag ich nach etwas mehr als der H\u00e4lfte des Textes noch nicht zu sagen. Dass er hingegen voller Binsenweisheiten, plakativer Allerweltspsychologie und teilweise haarstr\u00e4ubend flachen Schlussfolgerungen steckt, das beweist er leider Seite f\u00fcr Seite.<\/p>\n\n\n\n<p>Und Seiten gibt es, wie nicht anders zu erwarten, viele in diesem Buch, viel zu viele, \u00fcber 400. Wenigstens 150 davon w\u00e4ren einzusparen gewesen, h\u00e4tte sich die Autorin auf ihre Pflicht besonnen, uns das Personal nicht lang und breit zu erkl\u00e4ren, sondern es selbst in knappen S\u00e4tzen und Gesten handeln zu lassen. Was zwischen Laina und Gabriel stattfindet, tuscht eine f\u00e4higere Autorin in wenigen beschreibenden S\u00e4tzen aufs Papier, in beil\u00e4ufigen Beobachtungen und Dialogen, die nicht durch das geschw\u00e4tzige Mahlwerk der krachenden Maschine \u201eErkl\u00e4ren und Analysieren\u201c laufen. Und erspart sich damit zwerchfellstrapazierende Passagen wie die folgende von Seite 129:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201ePatrik registrierte, da\u00df sie (Laina) \u201amein\u2019 Schlafzimmer sagte, und konnte nicht anders, als dar\u00fcber nachzusinnen, wie traurig es doch war, da\u00df verheiratete Leute nicht mal mehr zusammen schliefen. Das w\u00fcrde ihm und Erica nie passieren.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Sehr traurig, da kann man nur zustimmen. Manche Leute haben getrennte Schlafzimmer, weil einer der Partner schnarcht, der andere im Bett noch lesen will, der andere nicht (jedenfalls nicht L\u00e4ckberg) usw. Aber die Vorstellung, wie unser guter Ermittler pl\u00f6tzlich \u201enicht anders kann\u201c als \u201enachzusinnen\u201c \u2013 das ist schon komisch, und wie er sich dann vornimmt, es \u201ebesser zu machen\u201c, das hat etwas Kindlich-Putziges.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie gesagt: kein Einzelfall. Weder in diesem Buch noch in jenem Teil der Kriminalliteratur, der durch sein unseliges Bestreben, besonders psychologisch geschliffen wirken zu wollen, in Seichtheit abdriftet. Und der Leser, die Leserin? Ist es ihnen gleichg\u00fcltig, wenn nur \u201eder Plot\u201c Spannung verspricht? Lassen Sie sich alles vorkauen wie zahnlose Greise des Geistes, die sich nicht wehren k\u00f6nnen oder wollen, wenn man sie mit altbackenem, in Brackwasser eingeweichtem Brot f\u00fcttert? Schade w\u00e4re das schon.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zun\u00e4chst sind Personen in Romanen nichts weiter als Namen, fl\u00fcchtige Umrisse und Platzhalter f\u00fcr dramaturgische Entwicklungen. Je weiter wir bei der Lekt\u00fcre vorankommen, desto lebendiger sollen die Personen und ihre Beziehungen untereinander werden. Eine gro\u00dfe Aufgabe also f\u00fcr die AutorInnen. 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