{"id":16945,"date":"2006-06-30T07:54:10","date_gmt":"2006-06-30T07:54:10","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/06\/aus-dem-archiv\/"},"modified":"2022-06-12T04:19:17","modified_gmt":"2022-06-12T02:19:17","slug":"aus-dem-archiv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/06\/aus-dem-archiv\/","title":{"rendered":"Aus dem Archiv"},"content":{"rendered":"\n<p><em>F\u00fcr heute habe ich eigentlich nichts. Die Hitze, die Schw\u00fcle. Die \u00fcber-, ja unmenschliche Arbeit als Ersatzalligator. Aber ohne Beitrag (die Ersatzalligatorenschaft jetzt mal ausgenommen)? Das halten doch die Leser nicht aus! Denen wird was fehlen! Wohldenn. Vorgestern zuf\u00e4llig auf meiner Festplatte gefunden: ein Prolog des geplanten Essays &#8222;Was ist Krimi. Eine Begriffszertr\u00fcmmerung&#8220;. Ohne Fragezeichen, darauf lege ich wert. Ist ein wenig ins Abseits ger\u00fcckt, das Projekt, aber noch nicht aus den Augen verloren. DIESEN Prolog werde ich wahrscheinlich nicht verwenden oder wenn doch, dann \u00fcberarbeitet. Ich drucke ihn mal nachfolgend ab. Ellenlanges Teil, fast vier Din A 4 &#8211; Seiten. Das reicht \u00fcbers Wochenende.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Was ist Krimi. Eine Begriffszertr\u00fcmmerung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Prolog<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir uns die Literatur als einen gigantischen Haufen von B\u00fcchern vorstellen \u2013 was nahe liegt \u2013 und man uns auffordern w\u00fcrde, diesen Haufen zu ordnen \u2013 was man ganz bestimmt tun wird; Ordnung ist immer das Naheliegendste \u2013 dann \u2013 ja, was dann?<\/p>\n\n\n\n<p>Dann besorgen wir uns ein gigantisches B\u00fccherregal. Auch naheliegend. Und weil uns alle Zeit der Welt gegeben ist \u2013 schlie\u00dflich haben wir es mit der Literatur zu tun, die eben diese alle Zeit in sich birgt \u2013 lesen wir den Haufen querbeet, und w\u00e4hrend der Haufen kleiner wird \u2013 man sollte sich die Literatur vielleicht doch eher als den Himalaja vorstellen \u2013 w\u00e4hrend also Buch f\u00fcr Buch aus dem Chaos durch unser Gehirn \/ unser Gef\u00fchl gezogen wird und also zur Ordnung gelesen \u2013 f\u00fcllt sich das gigantische Regal.<\/p>\n\n\n\n<p>Man soll sich ja immer an Analogien halten. Die Meisterwerke wandern nach oben. Das empfiehlt sich schon, damit selbst das blo\u00dfe Inbesitznehmen des Objekts mit Anstrengung verbunden ist, vom Inbesitznehmen seiner Immaterialit\u00e4t ganz zu schweigen. Darunter die vielen Solalas, Sie wissen schon. Die guten Meister zweiten Ranges, wie sie ein Meister ersten Ranges einmal genannt hat und von denen es weniger gibt, als man vermuten mag, die Handlungsreisenden des Durchschnitts dazu, ein Heer aus grauen Herren und Damen mit Standardaktentaschen unter den Armen, unscheinbar in der Literatur, eigentlich, aber sie unterhalten einen so sch\u00f6n, wenn man nichts anderes ertragen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Die in der Mitte kann man sich h\u00fcbsch bequem aus der allt\u00e4glichen K\u00f6rperhaltung heraus greifen und lesen wie man isst oder trinkt oder auf den Zug wartet.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, und ganz unten stehen die schlechten B\u00fccher ihre Strafe ab. Wer nach ihnen greift, muss sich schon b\u00fccken und zeigt damit, dass er sein R\u00fcckgrat nur hat, um devot zu sein, sich selbst zu erniedrigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann \u2013 Zeit spielt ja keine Rolle \u2013 sind wir fertig und betrachten das Werk wohlgef\u00e4llig. Wohlgef\u00e4llig? Immer weniger, wenn wir ehrlich sind. Das Gute an jeder Ordnung ist, dass man sie noch ordentlicher machen kann, und die Meisterwerke oben, das Mittelm\u00e4\u00dfige, weil nur Unterhaltsame in der Mitte, der Schund \/ der Tand \/ die Kolportage \/ der Abschaum \u2013 der Teufel hat immer mehr Namen als Gott \u2013 ganz unten. Mit der horizontalen Ordnung sind wir zufrieden. Aber was ist mit der vertikalen?<\/p>\n\n\n\n<p>Da stimmt ja gar nichts! Da steht ja Leo Perutz direkt unter Shakespeare \u2013 ich meine, nichts gegen Perutz&#8230; aber direkt unter Shakespeare? \u2013 wie soll sich da einer orientieren, der aus der H\u00f6he des Entz\u00fcckens eine Etage tiefer geht, zum minderen Shakespeare vielleicht, und dann landet er ausgerechnet bei Perutz! Oh je! Noch \u00e4rger! Der letzte Bestseller von Frau X. (beliebigen Namen einsetzen; wird schon stimmen) thront \u00fcber Jerry Cotton, der wiederum lauert indirekt unter Schiller \u2013 Schiller! \u2013 auf seine jugendverderberische Chance, wenn der Konsument der Dame X., k\u00fchn geworden, sich nach Schillern streckt und dann, noch k\u00fchner geworden, ganz nach unten b\u00fcckt. Zwischen der Dame X. und dem Schiller gibt es vielleicht eine Verbindung (beide kratzen heroische Federn bisweilen), aber der Cotton passt nun gar nicht. Das muss sich \u00e4ndern! Das m\u00fcssen WIR \u00e4ndern!<\/p>\n\n\n\n<p>Na, in Ordnung. Sysiphos wollen wir jetzt nicht nachspielen; aber ein bisschen Ordnung in der Vertikalen k\u00f6nnte schon sein. Blo\u00df: wie?<\/p>\n\n\n\n<p>Also passen Sie mal auf: Es soll tats\u00e4chlich Leute geben, die ihre B\u00fccher nach der Farbe des Einbands, der Gr\u00f6\u00dfe, dem Erscheinungsjahr oder der H\u00e4ufigkeit des Vorkommens des Buchstabens \u201ee\u201c ordnen. Warum also nicht thematisch? Denken wir nur an das Verbrechen. Die Literatur ist voller Mord und Totschlag, die allergr\u00f6\u00dften haben ihre Finger nicht davon lassen k\u00f6nnen. Schiller hat gemordet. Fontane hat gemordet. D\u00fcrrenmatt hat gemordet. Alles Leute, die oben stehen, und dort bleiben sie auch. Aber direkt darunter kommen jetzt die etwas kleineren Meister (der Perutz beispielsweise, der hat auch krimi\u00e4hnliche Anwandlungen gehabt) oder das Gediegen-Unterhaltsame wie Chesterton, Glauser, Chandler, ja, Christie meinetwegen. Ja, schon gut. So gediegen-unterhaltsam und sonst nichts sind schon dreiste Attribute f\u00fcr Leute wie Chesterton, Glauser, Chandler. Aber man muss doch absch\u00e4tzen, relativieren, verstehen Sie? Ohne das keine Ordnung, und nur weil objektiv auch mit \u201eo\u201c anf\u00e4ngt, passen die W\u00f6rter noch lange nicht zusammen. D\u00fcrrenmatt war nahe am Nobelpreis (sagt man), Glauser zu nahe an der Psychiatrischen. Aber weiter im Text.<\/p>\n\n\n\n<p>Darunter der Schund; der viele, viele Schund, der Boden, auf dem Kathedralen nun einmal zwangsl\u00e4ufig stehen. Gottseidank arbeiten wir mit dicken Regalbrettern, sodass eine jede Klasse unbehelligt von der anderen existieren kann. Friedliche Koexistenz eben; ob Frau Oberstudienr\u00e4tin den versoffenen Bauarbeiter von nebenan nun mag oder nicht: solange die W\u00e4nde dick genug sind, mag es angehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und genau das selbe machen wir auch mit der Science Fiction, dem Western, der Reisereportage, dem Ritterroman, dem Fantasyschmarren und \u2013<\/p>\n\n\n\n<p>wissen Sie was? Wir haben gerade die Genres erfunden. Moment mal \u2013 Horizontal ist ja alles sch\u00f6n abgegrenzt \u2013 dass blo\u00df nicht der D\u00fcrrenmatt gegen den Perutz st\u00f6\u00dft und was abbekommt \u2013 und den Perutz wollen wir doch vor dem Jerry Cotton sch\u00fctzen. Aber in die Senkrechte bauen wir auch noch etwas ein, damit jeder sieht: Stopp. Hier beginnt das Genre. Und hier endet es. Keine Irritationen. Keine Fehlgriffe, keine Revolution, auch von Evolution bitten wir Abstand zu nehmen. Wir k\u00f6nnten Schn\u00fcre nehmen und von oben nach unten spannen. Zwischen den Genren. Zwischen den Genren und dem, was genrelos ist, weil wir vielleicht auch schon zu m\u00fcde sind, nach Verwandtschaften zu suchen. Gute Idee, das. Nicht?<\/p>\n\n\n\n<p>Sie wollen wissen, was Krimi ist? DAS ist Krimi. Eine Abgrenzung. Sollten Sie eine kurzb\u00fcndige Antwort wollen, wenden Sie sich bitte an die Personen, die das Regal einger\u00e4umt haben. Sie hatten durchaus gute Absichten, gute Gr\u00fcnde f\u00fcr ihr Bem\u00fchen, und die freundliche Buchh\u00e4ndlerin gedenkt ihrer mit Hochachtung, wenn man sie wieder einmal fragt: \u201eHam\u2019se nich was Kriminelles f\u00fcr\u2019n gehobnen Geschmack?\u201c Ein Griff \u2013 und wieder ein zufriedener Kunde.<\/p>\n\n\n\n<p>Indes wenn Sie sich entschieden haben, dieses Buch hier zu lesen: werden Sie, danach, das Regal mit anderen Augen sehen. Die Regalbretter sind verschwunden. Oh. Die B\u00fccher ber\u00fchren sich, und fast k\u00f6nnte man meinen, sie geh\u00f6rten alle irgendwie zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und die senkrecht gezogenen Schn\u00fcre; Sie erinnern sich? Diese kerzengeraden, akkuraten, lotrechten Schn\u00fcre \u2013 sie winden sich jetzt ohne Verstand und ohne System wie Efeu an den B\u00fcchern hoch und runter, schlagen Volten, beschreiben Kurven, hinter deren Gleichungen kein Mathematiker kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Keine Definition in Sicht? Nein, es gibt doch schon so viele. Manchmal ist es dann sinnvoller, man radiert sich die Gewissheiten aus dem Bildungskanon, das schafft Platz f\u00fcr neue, m\u00f6gen die auch sperriger sein und eigentlich auch keine Gewissheiten, sondern ein schaurig-turbulentes Gem\u00e4lde von der Ungewissheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Schade. Wenn man Ihnen auf der n\u00e4chsten Party die Frage stellt, was denn Krimi sei, werden Sie entweder zu einer stundenlangen Erkl\u00e4rung anheben oder l\u00e4chelnd schweigen. Man wird Sie nie mehr zu einer Party einladen. Halten Sie das aus? Dann lesen Sie bitte weiter.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr heute habe ich eigentlich nichts. Die Hitze, die Schw\u00fcle. Die \u00fcber-, ja unmenschliche Arbeit als Ersatzalligator. Aber ohne Beitrag (die Ersatzalligatorenschaft jetzt mal ausgenommen)? Das halten doch die Leser nicht aus! Denen wird was fehlen! Wohldenn. 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