{"id":16946,"date":"2011-08-28T19:25:29","date_gmt":"2011-08-28T19:25:29","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/08\/goethe-hat-geburtstag-und-aeussert-sich-zum-krimi\/"},"modified":"2022-06-16T03:09:44","modified_gmt":"2022-06-16T01:09:44","slug":"goethe-hat-geburtstag-und-aeussert-sich-zum-krimi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/08\/goethe-hat-geburtstag-und-aeussert-sich-zum-krimi\/","title":{"rendered":"Goethe hat Geburtstag und \u00e4u\u00dfert sich zum Krimi"},"content":{"rendered":"\n<p>&#8222;Das gr\u00f6\u00dfte \u00dcbel&#8220;, sagte der Titan und lie\u00df seinen Kopf dabei pendeln, wie er es stets tat, wenn ihm das Leben gerade trostlos erschien, &#8222;sind ja nicht die schlechten B\u00fccher. Es sind die schlechten Leser.&#8220; Wir, die wir in den Genuss einer Audienz gekommen waren, nickten die bittere Erkenntnis ab. Nicht dass er uns da etwas Neues erz\u00e4hlte. Es aus seinem Munde zu vernehmen, war indes tr\u00f6stlich, obwohl es doch unsere Vermutung zu einem Naturgesetz machte, zu einem Zustand jenseits des Feldes, auf dem wir selbst oder andere (was den Titan mit einbezog) h\u00e4tten heilend wirken k\u00f6nnen. &#8222;Nehmen Sie nur einmal diesen &#8212;&#8220; Er z\u00f6gerte, suchte scheinbar den Namen in seinem Ged\u00e4chtnis; wir wussten aber, es war eine seiner skurillen Eigenheiten, nichts sonst, er kannte den Namen ganz genau.&#8220;&#8212; diesen Hoffmann aus Berlin, diesen Kammergerichtsrat. Soeben hat man mir eine neue Arbeit von ihm gebracht, darin ein h\u00fcbsches Kriminal um ein Fr\u00e4ulein von Scuderi.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Herr von Wolzogen z\u00fcckte Notizbuch und Bleistift, was uns in seinem Eifer peinlich d\u00fcnkte. Konnte man sich doch auch so merken, die beiden Namen. Herrn Hoffmann kannten wir sehr wohl, einen Romantiker, aber die romantischen Zeiten waren vorbei, Napoleon d\u00e4mmerte auf einen fernen Insel, Europa restaurierte sich pr\u00e4chtig zur\u00fcck in die alte Zeit und am Horizont erschien eine geheimnisvolle Dame namens Wirklichkeit und begehrte Einlass in die Literatur. Was wir jedoch im Beisein des Titanen lieber nicht erw\u00e4hnten, er goutierte solche Flintenweiber nicht sonderlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch immer pendelte der Kopf des Titanen, aus dem heraus nun aber kein weiterf\u00fchrender Gedanke zu den schlechten Lesern entkommen wollte. Was hatte der Meister geruht uns damit zu sagen? Wir warteten es geduldig ab. Nur der ungeduldige Wolzogen murmelte, den Blick in sein Notizbuch gestochen, die Namen Hoffmann und Scuderi, als wollte er IHN daran erinnern, was sein Thema gewesen sei.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das Kriminal&#8220;, begann er endlich, nachdem eine geh\u00f6rige Spanne Zeit f\u00fcr unsere eigenen Gedanken verstrichen war, &#8222;das Kriminal oder wie ich es nenne die Verbrechensgeschichte wird dereinst die Welt des Geschriebenen beherrschen. Dies ist gewiss.&#8220; Wir wollten ihm emp\u00f6rt entgegnen, in der Welt des Wahrhaftigen werde dem niemals so sein, die Verbrechensgeschichte, wie man sie seit seinem Schwager kenne, diesem unm\u00f6glichen Vulpius und seinem &#8222;Rinaldo Rinaldini&#8220;, es geh\u00f6rte \u00fcberhaupt zu den gr\u00f6\u00dferen Mysterien im Leben des Titanen, dass er eine Frau wie diese Christiane&#8230; doch wir vertrieben diesen unerquicklichen Gedanken, emp\u00f6rten uns auch nicht, denn ein kurzer Blick des Meisters gab uns zu verstehen, da sei nichts, wor\u00fcber zu emp\u00f6ren sich verlohnte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Denn sehen Sie&#8220;, sagte er nun, &#8222;die wahrhaftige Sintflut von schlechten B\u00fcchern, welche zunehmen wird, was wir kaum glauben k\u00f6nnen, weil wir eher glauben, dies sei nicht mehr m\u00f6glich, diese Sintflut also von rei\u00dferischen Kriminalf\u00e4llen wird nur jene mit sich rei\u00dfen, die auch im stillen B\u00e4chlein der guten B\u00fccher schon am Ertrinken sind. Hier ist es ihnen zu besinnlich, dort aber zu tosend, hier rei\u00dft sie die Notwendigkeit des Selberdenkens nicht vom Stuhl, dort hebt sie der Zwang zum Nichtdenken von jedem Boden, den sie ihren Allerwertesten titulieren, der aber, anatomisch betrachtet, ihrem Kopfe auf die nur ersch\u00fctterndste Weise \u00e4hnlich sieht, au\u00dfen wie innen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir brauchten einige Zeit, den Sinn dieser Worte zu begreifen. Dumme Leser, so reimten wir es uns endlich zusammen, bleiben dumme Leser, ganz gleich was sie lesen. Sie f\u00fchlen sich selbst nur anders, n\u00e4mlich nicht dumm. Lesen sie die guten B\u00fccher, dann deshalb, weil sie sich \u00fcber sie erhaben d\u00fcnken, da sie ihre Dummheit nicht f\u00fcttern. Lesen Sie die schlechten B\u00fccher, dann f\u00fchlen sie sich gescheit, denn sie glauben halt, ein gutes Buch sei allein dazu da, die Zeit zu vertreiben und seine Leser mit einem Nichts zur\u00fcckzulassen, in dem kein Gedanke mehr Platz hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Manch einer der Anwesenden entsann sich bei dieser Gelegenheit der leidigen Affaire Kleist, als der Ungl\u00fcckliche seinen &#8222;Kohlhaas&#8220; dem Titanen mit intimer Dedikation zugesandt, auf ein Wort des Lobes und Ermunterung zu weiterer prosaischer Tat hoffend. Was aber schlecht von diesem aufgenommen und mit harschem &#8222;Bockmist!&#8220; quittiert worden war. &#8222;Der Held eines Kriminals&#8220;, so hatte der Meister dekretiert, &#8222;soll erhaben sein und von h\u00f6chstem logischen Fertigkeiten, kein Querulant und Hitzkopf. Zudem es mir nicht behagen mag, wenn man den \u00dcbelt\u00e4ter sogleich ausmacht und zum R\u00e4tseln nichts mehr bleibt.&#8220; \u00c4hnliches Urteil hatte schon des Titanen Verh\u00e4ltnis zu Schillern getr\u00fcbt. &#8222;Er gehe mir doch fort mit seinem &#8218;Geisterseher&#8216;! Ich mag kein \u00fcbernat\u00fcrliches Kriminal! Und &#8218;Der Verbrecher aus verlorener Ehre&#8216; vermag es auch nicht, mich zu packen! So etwas w\u00fcrde ich nicht lesen, wenn ich jeden Morgen auf dem Bahnhofe eine halbe Stunde auf die n\u00e4chste Bef\u00f6rderung warten m\u00fcsste!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Es war lange still im Zimmer. Nur Zelter, der Musikus, summte ganz in Gedanken eine Melodie, wir anderen erwarteten des Meisters Definition des guten Lesers. Sie kam endlich.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Der gute Leser zieht seinen Honig auch aus den sauersten S\u00e4tzen. Ihm ist das Triviale von Mord und Totschlag, welches zu schildern sich auch jener Herr Hoffmann nicht enthalten kann, ein schlechtes Beispiel f\u00fcr den Talmi der gegenw\u00e4rtigen Literatur, wo es von Geheimen Gesellschaften, irren M\u00f6rdern und wildesten Planen nur so wimmelt. Was aber ein schlechtes Beispiel ist, wird zum guten, weil man dann die wahre Literatur zu sch\u00e4tzen lernt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Auch diesem tiefen Gedanken tauchten wir sinnend nach. &#8222;Ich denke&#8220;, sagte Wolzogen (der, unter uns, niemals denkt, denn d\u00e4chte er, w\u00fcrde er nichts sagen, er spricht aber pausenlos), &#8222;dass dieses Kriminal eine Mode ist wie der furchtbare Realismus und nicht mehr. Wer mag schon von Morden lesen? Ihro Gnaden unsterblicher &#8218;Faust&#8216; allerdings&#8230;&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Titan winkte \u00e4rgerlich ab. &#8222;Gut gemeint, mein bester Wolzogen, doch ich sage Ihnen, das Kriminal wird uns alle unter sich begraben, es werden die schlechten Leser und die miserablen Kritiker aus ihren L\u00f6chern kriechen und sich gute Leser, gute Kritiker d\u00fcnken. Der gute Leser aber wird durch den Schutt des Kriminals kriechen und die guten B\u00fccher erreichen wie das flei\u00dfige Kamel die Wasserstelle in der W\u00fcste. Vielleicht aber auch &#8230;&#8220; Der Titan schaute zur Decke hin, was immer bedeutete, dass er von der Zukunft tr\u00e4umte- &#8222;Vielleicht wird die Verbrechensliteratur doch eines Tages gute Literatur sein. Monstr\u00f6se Gestalten ziehen mordend \u00fcberland, geistvolle Detektive auf ihren Spuren, dies alles in reizender deutscher Landschaft \u2013 Frankfurt, das Allg\u00e4u, die Saarbergwerke \u2013 und eine Brise echten Humores dazu. Das Wichtigste aber \u2013 Wolzogen, schreiben Sie es auf \u2013 ist: Ich will erst auf der letzten Seite erfahren, wer es gewesen ist mit den Morden.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Diener trat nun ein und tat kund, das Supper sei aufgetragen. Damit war die Audienz beim Titanen abrupt beendet.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">(aus: Johann Heinrich von Schmettau: Kuriose Denkm\u00e4ler vom Frauenplan. <br \/>Weimar 1846 (Meyersche Verlagsbuchhandlung). S. 345 ff; <br \/>behutsam an die moderne Rechtschreibung angepasst von dpr)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Das gr\u00f6\u00dfte \u00dcbel&#8220;, sagte der Titan und lie\u00df seinen Kopf dabei pendeln, wie er es stets tat, wenn ihm das Leben gerade trostlos erschien, &#8222;sind ja nicht die schlechten B\u00fccher. Es sind die schlechten Leser.&#8220; Wir, die wir in den Genuss einer Audienz gekommen waren, nickten die bittere Erkenntnis ab. 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