{"id":16993,"date":"2011-09-01T08:11:21","date_gmt":"2011-09-01T08:11:21","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/09\/rainer-gross-kettenacker\/"},"modified":"2022-06-16T03:05:30","modified_gmt":"2022-06-16T01:05:30","slug":"rainer-gross-kettenacker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/09\/rainer-gross-kettenacker\/","title":{"rendered":"Rainer Gross: Kettenacker"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"180\" height=\"304\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2011\/cover\/kettenacker.jpg\" alt=\"kettenacker.jpg\"\/> Nach einem knappen Viertel von &#8222;Kettenacker&#8220; tauchte ein schrecklicher Verdacht auf: Sollte Rainer Gross auf den Spuren von Friedrich Ani wandeln? Es hatte wie ein ordentlicher Krimi begonnen, mit einer Leiche also, genauer gesagt: den sterblichen \u00dcberresten eines vor knapp 80 Jahre ermordeten und verscharrten Kindes. Dann jedoch und immer dominierender kommt der liebe Gott ins Spiel und mit ihm die Moral und mit ihr all die Fragen, die man von Ani kennt, dieses Zweifeln und Verzweifeln, dieses Trauern und W\u00fcten und Resignieren. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ganz ehrlich: Das wollte ich mir nicht antun. Aber Rainer Gross kann besser schreiben als Friedrich Ani, der Duktus, in dem er seine Hauptperson, den pensionierten Lehrer Hermann Mauser denken l\u00e4sst, ist dem Gegenstand dieses Denkens angemessen. Weiterlesen. Und irgendwann gew\u00f6hnt man sich an den lieben Gott und was sie alles mit ihm anstellen. Und dann ist &#8222;Kettenacker&#8220; ein wirklich lesenswerter Kriminalroman.<br \/>Eine Leiche. Hermann Mauser, Gross&#8216; Protagonist schon aus dem hochgelobten Deb\u00fct &#8222;Grafeneck&#8220;, st\u00f6\u00dft bei seinen arch\u00e4ologischen Recherchen auf die Knochen eines kleinen M\u00e4dchens, das ganz offenbar ermordet wurde. Die Tat f\u00e4llt in die 30er Jahre, das ist bald klar \u2013 und die Aussicht, den M\u00f6rder zu finden und zu bestrafen, tendiert damit gegen Null. Dennoch macht sich Mauser ans Werk, Kommissar Greving, auch er ein alter Bekannter aus &#8222;Grafeneck&#8220;, ermittelt ebenfalls und irgendwann arbeiten sie zusammen. Wer die Tote war, stellt sich rasch heraus: eine Cousine Mausers, eine allerdings, von der er nichts wusste. Sie verschwand eines Tages aus dem kleinen Ort Kettenacker und damit auch aus dem Ged\u00e4chtnis der Menschen, ihr Vater, ein Sozi, wurde von den nationalsozialistischen Herren eingesperrt, solche Vaterlandsverr\u00e4ter vergewaltigten nat\u00fcrlich auch ihre eigenen T\u00f6chter, aber irgendwie verlief alles im Sand, wurde vergessen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Kettenacker&#8220; ist die logische Fortsetzung von &#8222;Grafeneck&#8220;, wo es ja um das Schicksal von Mausers Schwester Mutz ging, die als &#8222;lebensunwertes Leben&#8220; vernichtet worden war. Das Schicksal der kleinen Cousine wirft nun ein neues, \u00fcberraschendes Licht auf diese Sache, steigert sie ins f\u00fcr Mauser beinahe Unertr\u00e4gliche. Im Mittelpunkt des Romans steht jedoch die Kirche, steht Gott, an dem sowohl Mauser als auch Greving mehr und mehr zweifeln. Hier k\u00f6nnte man dem Roman eine gewisse Redundanz vorwerfen, eine Neigung, sich von der Handlung zu entfernen und auf einer eher metaphysisch-philosophischen Ebene weiter zu forschen. Es ist jedoch die Sprache, die alles herausrei\u00dft und ertr\u00e4glich macht, ja, spannend in seiner Absurdit\u00e4t, seiner Erh\u00f6hung zur griechischen Trag\u00f6die. Sehr logisch, wie Gross die Verzweiflung, die Wut Mausers immer weiter vorantreibt, wie er ihm den ebenfalls zweifelnden und verzweifelnden Greving an die Seite stellt, der ein wenig zu plakativ \u00fcber Gut und B\u00f6se r\u00e4sonniert, aber schon in Ordnung, so mag es sein, wenn einem die Welt zusammenbricht und alle Werte pl\u00f6tzlich ihren Sinn zu verlieren drohen. Gott kommt abhanden und wird dadurch allgegenw\u00e4rtig.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Kriminalroman im klassischen Sinn ist &#8222;Kettenacker&#8220; schon, einer mit Ermittlungen und neuen Erkenntnissen, mit dem allm\u00e4hlichen Sichtbarwerden des T\u00e4ters, der nat\u00fcrlich schon tot ist, aber in seinem ganzen Elend schlie\u00dflich vor dem Leser entsteht. W\u00e4re es nicht ein leerer Allgemeinplatz, k\u00f6nnte man den Roman &#8222;atmosph\u00e4risch&#8220; nennen, weil er seine w\u00fctende Verzweiflung glaubhaft macht und gegen Ende vergessen l\u00e4sst, dass ja eigentlich &#8222;Genregesetze&#8220; einzuhalten sind. Werden sie auch, aber eben nicht als Showcase, als k\u00fcnstlich hochgepepptes Spannungsst\u00fcckchen. &#8222;Kettenacker&#8220;, das ist die dem Deb\u00fct ebenb\u00fcrtige Fortsetzung einer Geschichte, die mehr ist als die notwendige Verarbeitung von deutscher Vergangenheit. Ein St\u00fcck Menschenkunde, manchmal schwer zu ertragen, aber immer notwendig und angemessen.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Rainer Gross: Kettenacker. <br \/>Pendragon 2011. 365 Seiten. 12,95 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach einem knappen Viertel von &#8222;Kettenacker&#8220; tauchte ein schrecklicher Verdacht auf: Sollte Rainer Gross auf den Spuren von Friedrich Ani wandeln? Es hatte wie ein ordentlicher Krimi begonnen, mit einer Leiche also, genauer gesagt: den sterblichen \u00dcberresten eines vor knapp 80 Jahre ermordeten und verscharrten Kindes. 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