{"id":17002,"date":"2006-07-21T07:43:57","date_gmt":"2006-07-21T07:43:57","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/07\/olivier-descosse-in-der-hoehle-des-kraken\/"},"modified":"2022-06-14T03:44:28","modified_gmt":"2022-06-14T01:44:28","slug":"olivier-descosse-in-der-hoehle-des-kraken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/07\/olivier-descosse-in-der-hoehle-des-kraken\/","title":{"rendered":"Olivier Descosse: In der H\u00f6hle des Kraken"},"content":{"rendered":"\n<p>Am Ende schaut der Held mit feuchten Augen auf seine K\u00f6nigin, seine Stadt, Marseille. Der Leser nimmt das perplex zur Kenntnis, denn eine solch tragende Rolle hat die Stadt vorher nicht gespielt. Statt dessen herrschte das Gehetze eines weltumspannenden Abenteuerromans vor, und eher wenig der urbane Thriller, wom\u00f6glich noch tout noir. Nix da. Von Marseille geht\u2019s nach Paris, zur\u00fcck nach Marseille, auf Tauchgang ins polynesische Tureia Atoll, zum Showdon zur\u00fcck auf die Insel Porquerolles vor den Gestaden Marseilles, wo alles mit einer angeschwemmten Leiche begann. Habe ich eine Station vergessen? Bestimmt\u2026<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Was sonst noch? Raue Atmosph\u00e4re, eine Hauptfigur, die alle Klischees mediterranen Machismos bedient: Leutnant Paul Cabreras, <em>&#8222;der Bulle mit dem Pferdeschwanz&#8220;<\/em>, (ginge auch glatt als kolumbianischer Drogendealer einer durchschnittlichen Miami Vice Folge durch \u2013 demn\u00e4chst in diesem Theater), testosterongeschw\u00e4ngert, voller Wut im Bauch, worauf und wogegen wird nie so recht klar, au\u00dfer dass sizilianisches Blut hei\u00df durch seine Adern flie\u00dft, was Cabreras Gef\u00fchlswelt permanent in Wallung bringt. Da braucht\u2019s schon einen starken weiblichen Gegenpol, und voil\u00e1, here she goes: die pragmatische (nur einen winzigen Moment hysterische) amerikanisch-polynesische Psychoanalytikerin, wunderh\u00fcbsch anzuschauen, nat\u00fcrlich, muss sie im \u00fcberdrehten Schlussteil doch als Prinzessin herhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Womit wir bei der Handlung w\u00e4ren: was als Todesfall mit m\u00f6glichem politisch brisanten Hintergrund beginnt, wird mit zunehmendem Verlauf immer abstruser, absurder und auf leicht eklige Art unfreiwillig komisch. Wenn unser langm\u00e4hniger Held den Schlusskampf gegen einen polynesischen H\u00f6llenjungen leicht gesch\u00fcrzt (!!!) und kaum blessiert \u00fcberlebt hat \u2013 dank der schnellen Eingreiftruppe, die Deus-Ex-Machina-m\u00e4\u00dfig auftaucht und fast alle B\u00f6sen plattmacht (so weit sie das noch nicht selbst erledigt haben) &#8211; bleibt dem geneigten Leser eigentlich nur ein leicht debiles Grinsen oder ein vehementes Kopfsch\u00fctteln f\u00fcr den Epilog \u00fcbrig. Na ja, vielleicht fallen dem ein oder anderen Magenschwachen auch die letzten schnell geschl\u00fcrften Austern aus dem Gesicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht, das wir uns falsch verstehen: ich habe mich f\u00fcr das leicht debile Grinsen entschieden \u2013 ich mag den Roman! Er ist meistens schnell, stilistisch ruppig, politisch vergn\u00fcglich inkorrekt und von einer Ma\u00dflosigkeit, die einfach Spa\u00df macht. Da springt der Krimi schon mal ins Fantasyfach und gleich daneben winkt Indiana Jones mit dem Lendenschurz, den er Tarzan geklaut hat. Jede kleinliche Ernsthaftigkeit geht dem Roman ab, und wer was dagegen hat, der kriegt eins auf\u2019s Maul, aber deftig. Gefangene werden selten gemacht, gesellschaftliche Implikationen spielen kaum eine Rolle, die politische Komponente ist nur ein roter Hering, der in die Kerzen beleuchtete Grotte mit den schwarzen Messen f\u00fchrt. Paulchen und die Jungfrau von Orleans im Darkroom. Genau das Richtige f\u00fcr einen oder zwei hei\u00dfe Tage am Strand, vorzugsweise nat\u00fcrlich in Frankreich, vorzugsweise nach dem ein oder anderen Pastis, um die Unglaubw\u00fcrdigkeiten \u2013 und da gibt es einige \u2013 l\u00e4ssig, locker und charmant \u00fcbersehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Olivier Descosse: In der H\u00f6hle des Kraken. <br \/>Blanvalet 2006. 475 Seiten. 8,95 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Ende schaut der Held mit feuchten Augen auf seine K\u00f6nigin, seine Stadt, Marseille. Der Leser nimmt das perplex zur Kenntnis, denn eine solch tragende Rolle hat die Stadt vorher nicht gespielt. Statt dessen herrschte das Gehetze eines weltumspannenden Abenteuerromans vor, und eher wenig der urbane Thriller, wom\u00f6glich noch tout noir. Nix da. 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