{"id":17016,"date":"2006-07-25T07:46:44","date_gmt":"2006-07-25T07:46:44","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/07\/george-pelecanos-drama-city\/"},"modified":"2022-06-14T03:43:23","modified_gmt":"2022-06-14T01:43:23","slug":"george-pelecanos-drama-city","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/07\/george-pelecanos-drama-city\/","title":{"rendered":"George Pelecanos: Drama City"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Dieses ist die erste Besprechung eines der diesj\u00e4hrigen Kandidaten f\u00fcr den Edgar, Kategorie \u201eBestes Buch\u201c.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die Memoiren eines \u00dcberlebenden. So k\u00f6nnte man \u201eDrama City\u201c von George Pelecanos umschreiben. Lorenzo Brown ist dieser \u00dcberlebende, der die Zeit seiner Jugend in der Gang, seine Zeit an der Seite des Drogenchefs und die Zeit im Gef\u00e4ngnis \u00fcberlebt hat. Lorenzo Brown lebt und arbeitet in Washington, DC, einer Stadt in der man sich scheinbar eher um die Tiere als um die Kinder k\u00fcmmert und die keinen Ehrgeiz erkennen l\u00e4sst, in den schwarzen Ghettos den Teufelskreis von Jugendschwangerschaften, Perspektivlosigkeit und Jugendgangs zu unterbinden. Er k\u00fcmmert sich nunmehr als Mitarbeiter bei <i>Humane Society<\/i> um die verwahrlosten Hunde und Katzen der Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p>George Pelecanos bleibt in diesem Buch seiner Stilistik treu. Kaum ein Autor wechselt so h\u00e4ufig und m\u00fchelos die Perspektive. W\u00e4hrend wir dem Tagesablauf Lorenzo Browns folgen, seiner Bew\u00e4hrungshelferin und diversen Gangmitglieder diverser Gangs bei ihrem Tageswerk zusehen, erz\u00e4hlt er uns \u00fcber die Stadt und ihre \u201eKultur\u201c. Dabei beschreibt auch kaum ein anderer Autor seine \u201ebad guys\u201c so warmherzig &#8211; um sie dann in der n\u00e4chsten Szene \u201ean die Wand zu fahren\u201c. Und doch, trotz stilistischer Konstanz, das Buch wirkt reifer, weniger hektisch, als fr\u00fchere B\u00fccher.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn \u201eDrama City\u201c ist, da es uns die Parallelwelt der Gangs noch sch\u00e4rfer und konturierter als zuvor darstellt, konsequenter. B\u00fcrgerlich konventionelle Protagonisten tauchen schier gar nicht auf, denn auch die Bew\u00e4hrungshelferin entpuppt sich als gebrochene Gestalt. In dieser Welt, in welcher der Gef\u00e4ngnisaufenthalt und der damit verbundene mentale Genickbruch Teil des normalen Lebensrisikos ist, geh\u00f6rt man schon mit Ende 20 zum Alten Eisen. Und trotz protziger Fahrzeuge sind die Gangmitglieder die \u00e4rmsten Menschen der Welt, die sich mit Ihren Sexheftchen in den heruntergekommensten Buden einen abjuckeln und die sich ihre Abende mit der PS2 vertreiben. Der Perspektivlosigkeit, soll das wohl hei\u00dfen, k\u00f6nnen die Ghettokinder durch Gewalt nicht entkommen. Sie wird nur auf eine neue Stufe gehoben.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht nur vom Aufbau, auch von der Sprache her, erweist Pelecanos sich als Meister. Dabei sind, meiner Meinung nach, diesmal die Szenen, welche bei den Treffen der NA, Narcotics Anonymous (1), spielen, besonders bemerkenswert. Den Vortr\u00e4gen der Mitglieder bei den Sitzungen, welche zwischen Gospelgottesdienst und AA-Treffen angesiedelt sind, verleiht Pelecanos eine sprachliche Intensit\u00e4t, was ich von ihm sonst eher aus Actionszenen kenne.<\/p>\n\n\n\n<p>Ist das Buch spannend ? Wer nach der Lekt\u00fcre dieses Buches so fragt, hat es nicht verstanden. Nat\u00fcrlich beherrscht Pelecanos auch die Spannungsfolge, aber sie steht nicht im Mittelpunkt. Es ist ein Buch, so sprachlich gelungen, so perfekt komponiert, so reif, so (hintergr\u00fcndig) zornig, dass man den Autor auf Edgar-Kurs sehen kann: Hier hat sich ein Autor auf eine neue Stufe geschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>1: Anonyme Treffen von \u2013 ehemaligen &#8211; Drogenabh\u00e4ngigen, die sich, \u00e4hnlich wie bei den Anonymen Alkoholikern, gegenseitig zu st\u00fctzen versuchen.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">George Pelecanos: Drama City. <br \/>Warner Books 2005. 289 Seiten. 5,89 \u20ac <br \/>(noch keine deutsche \u00dcbersetzung)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieses ist die erste Besprechung eines der diesj\u00e4hrigen Kandidaten f\u00fcr den Edgar, Kategorie \u201eBestes Buch\u201c.<\/p>\n","protected":false},"author":42,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[397,474],"class_list":["post-17016","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives","tag-buchkritik","tag-krimi"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"Bernd Kochanowski","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/bernd-kochanowski\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17016","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/42"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17016"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17016\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17016"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17016"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17016"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}