{"id":17019,"date":"2006-07-27T07:44:59","date_gmt":"2006-07-27T07:44:59","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/07\/leonardo-padura-adios-hemingway\/"},"modified":"2025-10-08T05:34:50","modified_gmt":"2025-10-08T03:34:50","slug":"leonardo-padura-adios-hemingway","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/07\/leonardo-padura-adios-hemingway\/","title":{"rendered":"Leonardo Padura: Adi\u00f3s Hemingway"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Literatur, stellt Mario Conde am Ende fest, sei eine einzige gro\u00dfe L\u00fcge. Die Literatur ist aber auch die Wirklichkeit. Und die Wirklichkeit Literatur. Was die Sache mit der L\u00fcge relativiert. Wenn n\u00e4mlich alles L\u00fcge ist, dann auch die Wahrheit, und wenn alles wahr sein kann, dann die L\u00fcge allemal auch. Mario Conde wei\u00df das, weil sein Sch\u00f6pfer Leonardo Padura es wei\u00df. Und mit &#8222;Adi\u00f3s Hemingway&#8220; einen wunderbaren kleinen Roman dar\u00fcber geschrieben hat.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ernest Hemingway hat sich, was unter Dichtern keine Seltenheit ist, sondern die Regel, zeitlebens selbst inszeniert. Stierkampfbesessen, vom Krieg fasziniert, weil Stierkampf und Krieg s\u00e4mtliche Selbstinszenierungen weghauen und das erb\u00e4rmliche Skelett aus Angst und Einsamkeit und Wahnsinn zum Vorschein bringen, um das im Leben die sch\u00f6nen Legenden modelliert werden. Eine Hemingway-Biografie (es gibt unz\u00e4hlige davon), die versucht, das \u201ewahre Leben\u201c des Gro\u00dfmeisters amerikanischer Literatur zu erz\u00e4hlen, erz\u00e4hlt nur weitere Legenden, ersetzt die Selbstinszenierungen des Autors durch die Inszenierungen des Analytikers.<\/p>\n\n\n\n<p>Das macht Leonardo Padura auch; aber anders, besser, denn als Dichter kennt er sich aus mit den kleinen biografischen Vexierspielchen. Padura ist dreist und erfindet eine Episode aus Hemingways Leben, einen dunklen Punkt gewisserma\u00dfen, von dem aus nicht etwa \u201edas wahre Wesen, Sein und Vergehen des Giganten\u201c beleuchtet wird (nichts w\u00e4re langweiliger, nichts w\u00e4re sinnloser), sondern bewiesen, dass Wirklichkeit und Literatur nicht von einander zu trennen sind. Eine einzige gro\u00dfe wahrhaftige L\u00fcge eben.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Garten des kubanischen Anwesens des Autors Hemingway (heute ein Museum) wird eine Leiche gefunden, neben ihr eine FBI-Dienstmarke. Hat Hemingway selbst diesen offenbaren Agenten ermordet? Wusste er wenigstens von der Tat? Eine heikle Affaire f\u00fcr die \u00f6rtliche Polizei, die ihren Exkollegen Conde um Mithilfe bittet. Er, der einst gl\u00fchender Bewunderer Hemingways war, ihn dann aber ob seiner menschlichen Unzul\u00e4nglichkeiten verachten lernte, beleuchtet noch einmal diesen Titan, wie es ein Detektiv eben macht, der eigentlich jetzt Schriftsteller ist, aber doch immer Detektiv bleiben wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Padura entwickelt sein Buch aus zwei Perspektiven. Die eine ist die des alternden und kranken Schriftstellers selbst, der sich durch die Tatnacht qu\u00e4lt, mit der Knarre in der Hand sein Anwesen inspiziert, die andere die des rekonstruierenden Mario Conde, der den Ereignissen in jener Nacht des Jahres 1958 auf den Grund gehen will. Man n\u00e4hert sich also der \u201eWahrheit\u201c von zwei Seiten, von der scheinbar authentischen und der spekulativen, die Faktenwissen anh\u00e4uft und Schl\u00fcsse daraus zieht. Diese Dramaturgie ist nun nicht neu. Auch dass sie sich als eine Reise in Mario Condes eigene Vergangenheit entpuppt und SEINE privaten Mythen und Camouflagen offenbart, konnte erwartet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Clou aber kommt aus einer ganz anderen Richtung herangepirscht. Denn Conde ist sowohl der Expolizist, der sich um \u201eWahrheit\u201c bem\u00fcht, als auch der Schriftsteller, der sich, siehe oben, der L\u00fcge verschrieben hat. Und Pandura zeigt virtuos, dass beides eins ist. Wenn Conde am Ende den Fall im Kreise seiner Freunde rekonstruiert, schreibt er in Wirklichkeit die \u201eauthentischen Passagen\u201c des Romans und erfindet eine weitere Hemingway-Legende, die so wahr ist wie alle anderen auch. Aus den Fakten des Polizisten wird die Literatur des Schriftstellers, die so gut erlogen ist, dass sie als Wirklichkeit durchgeht.<\/p>\n\n\n\n<p>Pikanterweise ist es eine offen unlogische Stelle in Paduras Buch, die diese These st\u00fctzt. Denn Conde wei\u00df Details \u00fcber die schicksalhaften Vorf\u00e4lle in jener Tatnacht, die der Polizist nicht wissen kann, wohl aber der Schriftsteller. Er hat sie erfunden, so wie er vielleicht alles, was aus dem Blickwinkel Hemingways erz\u00e4hlt wird, erfunden hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann w\u00e4re da noch die Sache mit Ava Gardners H\u00f6schen, das Conde aus dem Hemingwayschen Anwesen entwendet. Man kann es betrachten und sich vorstellen, welche Stellen es einst bedeckt hat, da sitzen die alten M\u00e4nner am Kai und geben sich ihren Phantasien hin (aus denen klitzekleine Legenden entstehen, Snapshots von einer sch\u00f6nen Frau am Swimmingpool, die schlie\u00dflich auch noch dieses H\u00f6schen ablegt, und man selbst sitzt in dieser Phantasie wie in der dicksten Wirklichkeit&#8230;), und dann stopft man das H\u00f6schen in eine Flasche und wirft die Flasche ins Meer, damit sie den fernen Freund dr\u00fcben in Florida erreicht. \u2013 Das geht nicht in Wirklichkeit? In der Literatur wird die Flasche ans Ziel kommen, und wenn sie dort ist, ist sie dort.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eEr war eine schiefe Metapher in einer schiefen Wirklichkeit\u201c<\/em> hei\u00dft es einmal \u00fcber Conde, und, bittesch\u00f6n, so schlimm ist das doch nicht. Die schiefe Metapher kann durchaus rechtwinklig zur schiefen Wirklichkeit stehen, alles eine Frage des Betrachters, der seinerseits den Kopf etwas schieflegt und nun beides, Metapher und Wirklichkeit, vielleicht nicht mehr schief sieht. Das nennt man dann Literatur. Paduras Buch ist so ein St\u00fcckchen davon, das einem die Dinge zurechtr\u00fcckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachbemerkung: Wie der Zufall es so wollte: Parallel zu \u201eAdi\u00f3s Hemingway\u201c las der Rezensent Robert Littells \u201eKalte Legende\u201c. Beide B\u00fccher geh\u00f6ren zusammen und kommentieren sich. Die Besprechung von \u201eKalte Legende\u201c gibt es demn\u00e4chst.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Leonardo Padura: Adi\u00f3s Hemingway. <br \/>Unionsverlag 2006. 192 Seiten. 17,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Literatur, stellt Mario Conde am Ende fest, sei eine einzige gro\u00dfe L\u00fcge. Die Literatur ist aber auch die Wirklichkeit. Und die Wirklichkeit Literatur. Was die Sache mit der L\u00fcge relativiert. Wenn n\u00e4mlich alles L\u00fcge ist, dann auch die Wahrheit, und wenn alles wahr sein kann, dann die L\u00fcge allemal auch. 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