{"id":17022,"date":"2006-07-28T07:44:46","date_gmt":"2006-07-28T07:44:46","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/07\/folge-3-der-schreibstil\/"},"modified":"2022-06-07T01:55:50","modified_gmt":"2022-06-06T23:55:50","slug":"folge-3-der-schreibstil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/07\/folge-3-der-schreibstil\/","title":{"rendered":"Folge 3: Der Schreibstil"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/cover\/million.jpg\" alt=\"million.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Kurz vor dem Offenbarungseid? Mehr Krimis gelesen als Georges Simenon geschrieben hat? Stets bereit, die Tinte aus der Feder sprudeln zu lassen, bevor die Ideen aus dem Hirn font\u00e4nen? Mit einem Wort: Skrupellos genug, ein(e) deutsche(r) Kriminalschaffende(r) zu werden? Nun denn, wohlan. In unserer neuen kleinen Sommerreihe erkl\u00e4ren wir dir, wie du es schaffst, ein Erfolgskrimiautor zu werden und nach 300 Seiten die ersten Millionen an die Pforte deiner Sparkasse klopfen zu h\u00f6ren. Wir geben dir die ultimativen Ratschl\u00e4ge, wie du wenigstens vier Millionen Krimileser erreichst. Das ist wissenschaftlich bewiesen! Und wie du somit, bei einem durchschnittlichen Honorar von zwei Euro pro Buch (gebunden, Schutzumschlag) 8 Millionen Euro vor Steuern einsacken kannst. Denn vier Millionen mal 2 macht acht Millionen. Das ist mathematisch bewiesen! Heute: &#8211; Und wie schreib ich den ganzen Mist?<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Wir haben uns in den vorangegangenen Folgen unserer kleinen Reihe, die clevere AutorInnen \u00fcber Nacht zu Million\u00e4rInnen macht, ausgiebig mit der Handlung des zu schreibenden Romans besch\u00e4ftigt und stehen nun vor der entscheidenden Frage: WIE soll man das Ding eigentlich schreiben?<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist im Vorteil, wer nie etwas wegwerfen kann und also in einer staubigen Kiste auf dem noch staubigeren Speicher s\u00e4mtliche schriftlichen Schularbeiten der seligen Jugendzeit gehortet hat. Kramen wir aus dieser Kiste zun\u00e4chst die Deutschaufs\u00e4tze der, nun sagen wir: 7. Klasse hervor, einer Zeit, in der uns so langsam d\u00e4mmerte, dass der liebe Gott die M\u00e4dchen nicht nur erschaffen hatte, damit man sie an den Haaren ziehe und ins Wasser des Schwimmbades tunke, nein, wo uns klar wurde, dass M\u00e4dchen auch zum Str\u00fcmpfestopfen, W\u00e4schewaschen und Zuckerst\u00fcckchen-Ausgeben an den Klapperstorch zu gebrauchen sein w\u00fcrden. 7. Klasse also, Deutsch, Aufsatz, Thema: \u201eWie ich meine gro\u00dfen Ferien verbracht habe\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war nicht nur noch die Zeit, in der uns jeder Satz mit mehr als sieben W\u00f6rtern suspekt war, sondern auch schon die, in der unser gesellschaftspolitisches Gewissen neben den Wirrungen des Sexus aufkeimte. In einem meiner Aufs\u00e4tze aus jener Zeit liest es sich so:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eDann gingen wir in die Pizzeria. Dort bestellten wir die gro\u00dfe Salami. Der dunkle Italiener brachte sie uns. Wir dachten: Armer Italiener. So fern von der Heimat. So wenig akzeptiert. Immer noch zu viele alte Nazis. Dann a\u00dfen wir die Pizza. Sie schmeckte gut.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Diese Mischung aus Knapp- und Betroffenheitsdeutsch hat etwas, man wird es nicht leugnen k\u00f6nnen. Knallharter, schn\u00f6rkelloser Reportagestil mit eingearbeitetem sozialen Gewissen und politischer Reflexion, eine Mischung aus Hemingway und Mutter Theresa. Das kommt an, damit schnappen wir uns spielend eine Million LeserInnen. Die n\u00e4chste kriegen wir, wenn wir die Aufs\u00e4tze der 10. Klasse heraussuchen und sorgf\u00e4ltig studieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, die 10. Klasse! Unsere Blicke galten l\u00e4ngst mehr den W\u00f6lbungen der Mitsch\u00fclerinnen als der Schultafel, auf der dieser langweilige Deutschlehrer in gro\u00dfen Lettern die Elemente des dialektischen Aufsatzes geschrieben hatte: These \u2013 Antithese \u2013 Synthese. Auch hierzu ein authentisches Beispiel:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eBrandt ist ein toller Bundeskanzler, weil er die Jugend anspricht, aber ein schlechter, weil er die Ostgebiete verscherbelt. Insgesamt kann man also feststellen, dass Brandt ein ganz durchschnittlicher Bundeskanzler ist.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das nennt man \u2013 obacht! \u2013 analytisch, und darauf steht der normale Krimileser. Erspart es doch eigenes Nachdenken, serviert die Synthese auf dem Tablett, und, ja, jetzt muss es uns nur noch gelingen, beide Elemente des bestsellertauglich geschriebenen Krimis organisch zu verbinden. Versuchen wir es.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eIn der Pizzeria bediente uns Mario. Mario war Italiener und sah gut aus. Er schnappte uns alle M\u00e4dchen weg. Das war Schei\u00dfe. Andererseits war Mario Gastarbeiter. Keiner hatte ihn lieb. Das war gut so. Wenn Mario an Italia dachte und weinte, mochten wir ihn. Mehr als den Altbundeskanzler Brandt. Der hatte auch immer die tollsten Weiber. Und die Ostgebiete verscherbelt.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Man beachte, wie fein versponnen hier die n\u00fcchternen Bestandteile der Dialektik sich in die Handlung integrieren, wie klar die Gedanken aus dem Text steigen, wie sexuell-schw\u00fclstig alles aufgeladen ist und wie explizit die Aufarbeitung eines St\u00fcckes neuerer deutscher Geschichte erfolgt! Das versteht jeder! Das kauft jeder! Und genau darauf kommt es schlie\u00dflich an.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kurz vor dem Offenbarungseid? Mehr Krimis gelesen als Georges Simenon geschrieben hat? Stets bereit, die Tinte aus der Feder sprudeln zu lassen, bevor die Ideen aus dem Hirn font\u00e4nen? Mit einem Wort: Skrupellos genug, ein(e) deutsche(r) Kriminalschaffende(r) zu werden? Nun denn, wohlan. 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