{"id":17030,"date":"2006-08-02T07:43:04","date_gmt":"2006-08-02T07:43:04","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/08\/john-connolly-in-tiefer-finsternis\/"},"modified":"2022-06-14T03:30:55","modified_gmt":"2022-06-14T01:30:55","slug":"john-connolly-in-tiefer-finsternis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/08\/john-connolly-in-tiefer-finsternis\/","title":{"rendered":"John Connolly: In tiefer Finsternis"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Weary inside, now our heart\u2019s lost forever,<br \/>Can\u2019t replace the fear, or the thrill of the chase,<br \/>Each ritual showed up the door for our wanderings,<br \/>Open then shut, then slammed in our face.<\/em><br \/>Joy Division \u201cDecades&#8220;<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Charlie Parker ist zur\u00fcck. Im dritten Roman arbeitet er als Wirtschaftsdetektiv, abseits der Abgr\u00fcnde, die sein bisheriges Leben bestimmt haben. Doch wie das ist mit den Abgr\u00fcnden, in die man zu lange hineingestarrt hat, das wusste schon Herr Nietzsche: fr\u00fcher oder sp\u00e4ter starren sie zur\u00fcck.<br \/>Oder schlimmer noch, sie \u00f6ffnen sich und spucken etwas aus, das besser irgendwo tief unten geblieben w\u00e4re, ungeschehen &#8211; und wenn\u2019s so h\u00e4sslich ist wie \u201eIn tiefer Finsternis\u201c, ungesehen. Aber das ist nat\u00fcrlich blo\u00dfes Wunschdenken. Oder tr\u00fcgerische Ruhe, pure Oberfl\u00e4che, an der sich jemand wie Parker zwar ausruhen mag, aber nur so lange bis ein Fingerzeig kommt, der ihn wieder ins Dunkel lockt. Diesmal ist\u2019s der r\u00e4tselhafte, vorgebliche Selbstmord einer Jugendfreundin, der seine Jagdinstinkte weckt und ihn auf die Spur des B\u00f6sen schickt, das bereits wartet wie eine Spinne in ihrem Netz. Und \u00fcber Spinnen gibt\u2019s eine Menge zu lernen in diesem Buch, nichts was einen Arachnophobiker zu Freudenspr\u00fcngen veranlassen w\u00fcrde. Mal wieder ein sensorisches Buch, es gibt Stellen an denen man beginnt sich zu kratzen, und der n\u00e4chste Gang in die Badewanne will auch wohl \u00fcberlegt sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber worum geht\u2019s? Die ermordete Grace Peltier besch\u00e4ftigte sich wissenschaftlich mit einer Sekte, deren Mitglieder sich angeblich in den Sechzigern in Luft aufl\u00f6sten. Nicht ganz in Luft; im Verlauf des Romans werden menschliche \u00dcberreste zutage bef\u00f6rdert, die keinen Raum f\u00fcr freundliche Euphemismen lassen; um Hintergr\u00fcnde erl\u00e4utert durch Ausz\u00fcge aus Peltiers Magisterarbeit. Die sich h\u00e4ufenden Todesf\u00e4lle im Umfeld Grace Peltiers und ihrer Recherchen lassen allerdings den Schluss zu, dass die Anf\u00fchrer der Sekte sich der unfreiwilligen Staubwerdung ihrer Sch\u00e4fchen nicht angeschlossen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Religi\u00f6ser Fanatismus ist diesmal die T\u00fcr, durch die das B\u00f6se in die Welt tritt. Wobei der religi\u00f6se Faktor sich nahezu komplett darauf beschr\u00e4nkt S\u00fcnder zu deklarieren und letal zu bestrafen. Nat\u00fcrlich verbr\u00e4mt mit gro\u00dfen Worten und Gesten, durchaus raffiniert, aber billig und blutig im Effekt, abgr\u00fcndig vielleicht \u2013 wie\u2019s der Prolog andeutet \u2013 doch immer hohl. Es sind nat\u00fcrlich keine gro\u00dfen Entdeckungen, die John Connolly da zu Papier bringt, aber wie er mit den Vorgaben umgeht ist faszinierend. Er beschreibt eine Welt aus Clustern, aus Zellen, die umeinander kreisen, sich parallel bewegen, auseinandergehen und manchmal \u00fcberschneiden. Der fahrende Mann und die Prediger der Aroostook Baptisten, zwei Teilst\u00fccke desselben Clusters. Sie riechen sich, sie treffen sich; ein unsichtbares Netzwerk des B\u00f6sen, dessen Leiterbahnen so exzellent funktionieren, weil die Verbindung auf wenigen Komponenten basiert: der Rausch der Macht, der Wunsch ein Fingerzeig zu sein, die eigene Vorstellung des Seins und der Grenzen des Seins blutig in die Welt zu schleudern.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wie fast schon \u00fcblich sind die \u00dcberg\u00e4nge flie\u00dfend. Auch Charlie Parker, der eigentlich positiv charakterisierte Protagonist, sieht sich der Gefahr ausgesetzt zu jenem Teil des B\u00f6sen zu werden, dessen Taten als scheinbar moralisches Verdikt f\u00fcr die Hinterbliebenen herhalten sollen. Im vorliegenden Buch sieht er die Grenze allerdings viel deutlicher als zuvor und ist deshalb erfolgreicher beim Versuch sie nicht zu \u00fcberschreiten. Dabei hilft ihm auch seine Imagination, die eine vage Verbindung zwischen Dies- und Jenseits heraufbeschw\u00f6rt. Ganz so stark wie in \u201eDie Insel\u201c ist die Verbindung der Toten zur Welt der Lebenden in den Charlie Parker Romanen nicht, aber auch hier spielt sie eine gewichtige Rolle, jene F\u00e4higkeit des \u201eSehens\u201c; aus Erfahrungen und Wahrnehmungen Schl\u00fcsse ziehen zu k\u00f6nnen, die rational nicht eindeutig erkl\u00e4rbar sind. Connolly gelingt es den mystischen Part nicht ins esoterisch verbr\u00e4mte abgleiten zu lassen, sondern als zumindest emotional begreifbaren Teil des Menschseins darzustellen. Stichworte: Dinge, Himmel, Erde, Schulweisheit, tr\u00e4umen. Von Nietzsche zu Shakespeare. Warum nicht? Man l\u00e4sst sich gerne von John Connolly an die Hand nehmen und in die Dunkelheit f\u00fchren &#8211; ich wei\u00df nicht ob er Geld besitzt, aber er hat den Stil\u2026.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur manchmal reitet ihn die Besserwisserei, die anscheinend gerade amerikanische Autoren dazu f\u00fchren l\u00e4sst, dem Leser noch die Auslage jeder winzigen j\u00fcdischen B\u00e4ckerei im hintersten Winkel der soundsovielten Stra\u00dfe, zwei Kreuzungen vom \u2026. (hier eine New Yorker Sehensw\u00fcrdigkeit oder bekannte Kulturmeile eintragen) entfernt, ausf\u00fchrlich beschreiben zu m\u00fcssen. Ist l\u00e4sslich. Wer B\u00fccher schreibt wie Connolly darf mit seinem anrecherchierten Wissen angeben\u2026.<\/p>\n\n\n\n<p>NICHT angeben darf irgendein Holzkopf zwischen Autor und (deutscher?) Ver\u00f6ffentlichung: es gibt KEINE Band die \u201e<strong>Sionxie<\/strong> and the Banshees\u201c hei\u00dft, ebenso wenig wie ein Film namens \u201e<strong>Noferatu<\/strong>\u201c je das Licht einer Leinwand erblickt hat. Wer auch immer da gepennt hat, als Strafe gibt\u2019s eine Runde Mitternachtsjoggen im Stringtanga durch den Central Park.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Darkness, darkness, long and lonesome,<br \/>Ease the day that brings me pain.<br \/>I have felt the edge of sadness,<br \/>I have known the depth of fear.<\/em><br \/>(nat\u00fcrlich die Cassell Webb Version\u2026)<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">John Connolly: In tiefer Finsternis. <br \/>Ullstein 2005. 480 Seiten. 19,95 \u20ac <br \/>(Originaltitel: \"The killing kind\"; ab Oktober 2006 auch als Taschenbuch erh\u00e4ltlich)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weary inside, now our heart\u2019s lost forever,Can\u2019t replace the fear, or the thrill of the chase,Each ritual showed up the door for our wanderings,Open then shut, then slammed in our face.Joy Division \u201cDecades&#8220;<\/p>\n","protected":false},"author":58,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-17030","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"Jochen K\u00f6nig","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/jochen-koenig\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17030","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/58"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17030"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17030\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17030"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17030"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17030"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}