{"id":17045,"date":"2006-08-10T07:09:25","date_gmt":"2006-08-10T07:09:25","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/08\/jens-luckwaldt-tod-in-arkadien\/"},"modified":"2022-06-14T03:27:23","modified_gmt":"2022-06-14T01:27:23","slug":"jens-luckwaldt-tod-in-arkadien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/08\/jens-luckwaldt-tod-in-arkadien\/","title":{"rendered":"Jens Luckwaldt: Tod in Arkadien"},"content":{"rendered":"\n<p>Das Unwesentliche zuerst: Handelt es sich bei \u201eTod in Arkadien\u201c tats\u00e4chlich, wie der Herausgeber Jens Luckwaldt behauptet, um die Wiederauflage eines Kriminalromans aus dem Jahre 1786? Oder ist, wie es der Umschlagtext nahe legt, Luckwaldt der Autor des Buches? Nette Spielerei, leicht zu durchschauen. Viel wichtiger aber: Ist \u201eTod in Arkadien\u201c ein lesenswerter Krimi? Die kurze Antwort: Ja, auf jeden Fall. Die etwas l\u00e4ngere Antwort folgt jetzt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Auf Schloss Thorau, wo Friedrich Franz von Weldenburg mitsamt englischer Gemahlin und S\u00f6hnchen residiert, haben sich G\u00e4ste eingefunden. Thorau ist ber\u00fchmt wegen seines im englischen Stil angelegten Gartens, kein Wunder also, dass es Neugierige wie den schottischen Reiseschriftsteller Alexander MacKendrick anzieht. Auch die nicht mehr ganz frische, aber immer noch attraktive L\u00e4tizia von Blicken, medial begabt, hat sich eingefunden, ebenso der fr\u00fchere Hauslehrer des Grafen, Karl Theobald von R\u00fcbsam nebst soeben angetrauter jugendlicher Gattin.<\/p>\n\n\n\n<p>Man ergeht sich, unter der F\u00fchrung des nimmerm\u00fcde g\u00e4rtnernden Grafen, in den weitl\u00e4ufigen Anlagen, h\u00e4lt Konversation, beobachtet \u2013 und schreibt Briefe. Briefe, in denen aus den Blickwinkeln der jeweiligen Adressanten die zun\u00e4chst monotonen, sp\u00e4ter dramatisch sich zuspitzenden Ereignisse auf Schloss Thorau beschrieben werden, nebst nicht immer freundlichen Charakterbildern der Mitg\u00e4ste.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn, siehe Titel, ein Mord geschieht in diesem arkadischen Ambiente. Ein Gerichtspr\u00e4sident namens Schwan \u00fcbernimmt die Ermittlungen, und am Ende pr\u00e4sentiert sich uns, ganz Whodunit des ausgehenden 18. Jahrhunderts, eine \u00fcberraschende Aufkl\u00e4rung des Falles.<\/p>\n\n\n\n<p>Nehmen wir, rein hypothetisch an, \u201eTod in Arkadien\u201c sei tats\u00e4chlich das Werk Jens Luckwaldts. Was, unter uns, auch besser w\u00e4re f\u00fcr die Literaturgeschichte, denn sonst m\u00fcssten wir annehmen, Herr Goethe habe sein gefl\u00fcgeltes Wort von \u201eder Weisheit letzter Schluss\u201c aus dem \u201eFaust\u201c diesem um einige Jahrzehnte \u00e4lteren Werk \u201eentliehen\u201c. Und ein solcher Skandal k\u00f6nnte der deutschen Literatur nur schaden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eTod in Arkadien\u201c geh\u00f6rte dann zum Subgenre des \u201ehistorischen Krimis\u201c, der uns seit geraumer Zeit mit rechercheaufwendigen, nichtsdestotrotz aber ziemlich leblosen Einblicken in vergangene Zeiten ennuyiert. Und damit t\u00e4te man dem Autor Luckwaldt schweres Unrecht. Ihm n\u00e4mlich ist hier ein auch atmosph\u00e4risch \u00fcberzeugender Roman gelungen, sprachlich bestes 18. Jahrhundert, ohne den Duktus zu \u00fcbertreiben, das Tempo und die Denkweisen fein nachgezeichnet, das Personal wohlgeformt, dramaturgisch clever und vielschichtig gebaut. Kurzum: Man hat beim Lesen geh\u00f6rigen Spa\u00df, erf\u00e4hrt etwas (aber nicht zuviel) \u00fcber Gartengestaltung, blickt in die immer offeneren und beileibe nicht zur G\u00e4nze reinen Seelen der Akteure und goutiert auch die logisch ein ganz klein wenig gewagte L\u00f6sung des Mordfalles.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber jetzt. \u201eTod in Arkadien\u201c ist als book on demand erschienen. Das kann kaum die urspr\u00fcngliche Absicht des Autors gewesen sein und so l\u00e4sst sich vermuten, dass manch deutsches Krimiverlegerlein das Manuskript als \u201enicht zeitgem\u00e4\u00df\u201c, zu wenig actionhaltig zur\u00fcckexpedierte. Ist auch verst\u00e4ndlich. Wer m\u00f6chte schon einen originellen, souver\u00e4n geschriebenen Krimi in Briefform lesen, heute, wo man so etwas per Handy erledigen k\u00f6nnte und der neue Stammelthriller von Herrn A oder Frau B just eingetroffen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Und Spa\u00df beiseite. Man sollte jeden, der diesen Roman abgelehnt hat, vor die versammelte Klasse der Krimiinteressierten zitieren und folgenden Satz aufsagen lassen: \u201eIch f\u00fcttere meine Leser lieber mit Mist als mit nahrhafter Kost.\u201c Und das bitte 475 x. Danach geht\u2019s ohne Abendessen ins Bett.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir aber z\u00f6gern nicht, deutsche Verlegerschlafm\u00fctzigkeit durch sofortigen Ankauf des Buches noch mehr zu gei\u00dfeln. Und mit einer sch\u00f6nen und entspannten Lekt\u00fcre belohnt zu werden.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Jens Luckwaldt: Tod in Arkadien. <br \/>BOD Norderstedt 2006. 360 Seiten. 20 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Unwesentliche zuerst: Handelt es sich bei \u201eTod in Arkadien\u201c tats\u00e4chlich, wie der Herausgeber Jens Luckwaldt behauptet, um die Wiederauflage eines Kriminalromans aus dem Jahre 1786? Oder ist, wie es der Umschlagtext nahe legt, Luckwaldt der Autor des Buches? 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