{"id":17048,"date":"2006-08-14T06:53:42","date_gmt":"2006-08-14T06:53:42","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/08\/die-verschwender\/"},"modified":"2022-06-07T00:01:40","modified_gmt":"2022-06-06T22:01:40","slug":"die-verschwender","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/08\/die-verschwender\/","title":{"rendered":"Die Verschwender"},"content":{"rendered":"\n<p>Vielleicht w\u00fcrde ich mir, wenn ich gerade den Lotto-Jackpot geknackt h\u00e4tte, im ersten \u00dcberschwang der Gef\u00fchle die n\u00e4chste Zigarette mit einem F\u00fcnfhunderter anz\u00fcnden. Mag sein. Da ich jedoch mit meinen finanziellen Mitteln haushalten muss (und auch nicht im Lotto spiele), steht dieser unbedachte Akt vorerst nicht zu bef\u00fcrchten. Auch die deutsche Krimiszene m\u00fcsste haushalten. Und pafft doch jeden schalen Rauch mit der Genugtuung dessen, der gerade einen F\u00fcnfhunderter verbrannt hat, in die Luft.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Denn, mal ehrlich, gar so verschwenderisch k\u00f6nnen die deutschen Krimiverlage wirklich nicht mit den Talenten umgehen. Um die wirklichen K\u00f6nner zu z\u00e4hlen, gen\u00fcgen die Finger einer Hand. Die andere braucht man f\u00fcr diejenigen, deren Talent immer noch beachtlich ist, eine dritte und eine vierte Hand f\u00fcr die, deren Produktion man als \u00fcber dem Durchschnitt kategorisieren kann. In etwa. Der gro\u00dfe Rest reicht von biederer Konfektionsware bis zum schieren Buchstabenschrott. Dass angesichts dieser Verh\u00e4ltnisse irgendein Talent, und sei es auch noch so bescheiden, durch die Maschen der Lektoren und Literaturagenten rutschen k\u00f6nnte, erscheint ausgeschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und doch ist es so. Obwohl ich mich nicht auf die Suche nach \u201everkannten Talenten\u201c begeben habe, laufen sie mir immer wieder \u00fcber den Weg. Die beiden krassesten F\u00e4lle sind Peter J. Kraus, ein wunderbarer Erz\u00e4hler, von dessen laid-back-Stil man hierzulande eine Menge lernen k\u00f6nnte, und, j\u00fcngst, Jens Luckwaldt, der seinen originellen \u201eCriminalroman in Briefform\u201c, \u201eTod in Arkadien\u201c, nach deprimierender Verleger- und Agentenodyssee als book on demand unter das ahnungslose Volk gestreut hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6n; das sind zwei F\u00e4lle. Und nicht jeder, der jetzt \u201eIch bin auch verkannt!\u201c schreit, ist es zu Unrecht. Aber schon diese beiden F\u00e4lle sind zwei zuviel. Zumal dann, wenn man, wie ich es leider tue, die aktuelle Produktion an deutschsprachigen Kriminalromanen sichtet und irgendwann auf den Gedanken kommt, mitten in einem Tollhaus zu sein, wo sich die funktionalen Analphabeten Schriftsteller nennen d\u00fcrfen, die Verleger nicht entbl\u00f6den, pure Schei\u00dfe zu Geld machen zu wollen, die Lektoren (falls es diesen Berufsstand \u00fcberhaupt noch gibt) mit der Beachtung der neuen deutschen Rechtschreibung vollauf besch\u00e4ftigt sind \u2013 und die LeserInnen so sehr der guten Kost entw\u00f6hnt (oder nie an sie gew\u00f6hnt worden), dass sie buchst\u00e4blich die blanke Druckerschw\u00e4rze vom Papier lesen und sonst von einem Buch nichts verlangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Andererseits h\u00f6ren wir von Zeit zu Zeit furchtbares Gejammer. Die Rezensenten, allesamt b\u00f6se, unpatriotische Buben und M\u00e4dels, loben alles Ausl\u00e4ndische in den Himmel und verdammen alles Deutsche zu ewigem Fegefeuer. Sollte es solche KollegInnen tats\u00e4chlich geben (der Vorwurf kommt stets nur als Vorwurf; Belege werden nicht geliefert), nun, ich k\u00f6nnte sie so langsam verstehen, k\u00f6nnte ihren Unmut nachvollziehen, sich erst durch Berge von Mediokrem, Gespreiztem, schier Unertr\u00e4glichem zu w\u00fchlen, um die seltenen Perlen zu entdecken, die es ja durchaus noch gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich verstehe auch die Verleger, die \u2013 mit dem Zeigefinger auf die Leserschaft weisend \u2013 beteuern, sie lieferten nur das, was dem Volk gef\u00e4llt. Gute Hirten, die sich danach richten, wohin das Lesevieh jahrein jahraus trabt. Okay. Aber wissen diese Leser tats\u00e4chlich, was sie wollen? Richten sie sich nicht ihrerseits nach dem ANGEBOT, haben l\u00e4ngst die miese Qualit\u00e4t von vielem, was da als \u201eKrimi\u201c daherkommt, verinnerlicht und zur Richtschnur ihres Geschmacks erhoben? \u2013<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt Beispiele, die das best\u00e4tigen und die auch hoffen lassen, ein besseres Angebot werde dankend angenommen. Andrea Maria Schenkels \u201eTann\u00f6d\u201c etwa. Bescheiden im gewiss nicht zu protzigen PR-Kampagnen f\u00e4higen Nautilus Verlag gestartet, von den KritikerInnen entdeckt und unisono euphorisch begr\u00fc\u00dft, vom Publikum gekauft, was zwar nicht f\u00fcr Schafskrimist\u00fcckzahlen reichte, aber die Risikobereitschaft des Verlages belohnte, ein St\u00fcck anspruchsvoller und origineller Kriminalliteratur in den Morast des Marktes zu setzen. Und siehe da: Es ist nicht untergegangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Beispiel mit Happyend, wovon die erw\u00e4hnten Herren Kraus und Luckwaldt nur tr\u00e4umen k\u00f6nnen. Der eine stapelt seine Manuskripte im Schrank (nachdem man ihm, man glaubt es nicht, beschieden hat, er sei \u201ezu alt\u201c!), der andere geht den dornigen Weg des Selbstverlages. Derweil die deutsche Krimiszene an ihrer Provinzialit\u00e4t zu ersticken droht, ihre peinlichen letzten Zuckungen als artistische Gro\u00dfleistungen verkauft, in unregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden eine Runde Selbstmitleid und Kritikerschelte einlegt, w\u00e4hrend man in deutschen Verlagsamtsstuben weiterhin das hohe Lied der Harmlosigkeit singt, den literarischen Bettler zum literarischen K\u00f6nig erhebt, w\u00e4hrend das lesende Publikum alles zu goutieren scheint, was schlecht geschrieben, schlecht erdacht und von einer kaum noch zu \u00fcberbietenden Langeweile ist \u2013 oder aber gleich zu den gehobeneren Produkten aus fremdsprachiger Feder greift.<\/p>\n\n\n\n<p>Verdenken kann man es ihnen nicht. \u00c4ndern wird sich wohl so schnell auch nichts. Das Maschinchen dreht sich munter weiter, es \u00e4chzt und kracht, aber es dreht sich halt, Angebot und Nachfrage unterbieten sich gegenseitig, und wird der Teufelskreis einmal unterbrochen \u2013 siehe Schenkel -, dann schlie\u00dft er sich schneller als man \u201eMist!\u201c sagen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer in Deutschland garantiert einen Kriminalroman ver\u00f6ffentlichen will, der schreibe: so simpel wie m\u00f6glich \u2013 so konventionell wie m\u00f6glich \u2013 so fade witzig wie m\u00f6glich \u2013 so stilistisch schludrig wie m\u00f6glich. Die Literaturagenten werden ihm das Manuskript lippenleckend aus den H\u00e4nden rei\u00dfen, die Verlage die Erb\u00e4rmlichkeit pressetexten zum Ereignis hochl\u00fcgen. Wer gute Krimis schreiben will, der mache sich hingegen auf manche Entt\u00e4uschung gefasst.<\/p>\n\n\n\n<p>Habe ich jetzt \u00fcbertrieben? M\u00f6glich. Aber nur ein wenig.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vielleicht w\u00fcrde ich mir, wenn ich gerade den Lotto-Jackpot geknackt h\u00e4tte, im ersten \u00dcberschwang der Gef\u00fchle die n\u00e4chste Zigarette mit einem F\u00fcnfhunderter anz\u00fcnden. Mag sein. Da ich jedoch mit meinen finanziellen Mitteln haushalten muss (und auch nicht im Lotto spiele), steht dieser unbedachte Akt vorerst nicht zu bef\u00fcrchten. Auch die deutsche Krimiszene m\u00fcsste haushalten. 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