{"id":17061,"date":"2006-08-21T08:05:46","date_gmt":"2006-08-21T08:05:46","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/08\/pieke-biermann-vier-fuenf-sechs-2\/"},"modified":"2022-06-14T03:24:58","modified_gmt":"2022-06-14T01:24:58","slug":"pieke-biermann-vier-fuenf-sechs-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/08\/pieke-biermann-vier-fuenf-sechs-2\/","title":{"rendered":"Pieke Biermann: Vier, f\u00fcnf, sechs"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/cover\/buchkiste_pb.jpg\" alt=\"buchkiste_pb.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Endlich gelesen \u2013 neu gelesen: Krimis aus der Remittendenkiste, Angestaubtes aus dem B\u00fccherregal. W\u00fcnsche des Rezensenten, aber auch W\u00fcnsche seiner Leser. Und so fing alles an: Die Blogbesucherin P.B. macht dpr auf den Roman \u201eVier, f\u00fcnf, sechs\u201c aufmerksam, dpr gesteht besch\u00e4mt, ihn nicht gelesen zu haben, bestellt ein Remittendenexemplar f\u00fcr 1,19 Euro, liest, ist beeindruckt \u2013 und macht gleich eine Serie daraus. Wird fortgesetzt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Boomtown Berlin, Mitte der Neunziger. Bauskandale, mafi\u00f6se Strukturen: nichts Neues, aber seit dem Mauerfall alles ein wenig gr\u00f6\u00dfer, globaler, angestrebt: Weltniveau. Und g\u00e4hn. Schon wieder? Schon wieder. Aber diesmal alles ganz anders, alles ganz falsch, Fazit: alles sehr richtig.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend einer Katastrophen\u00fcbung auf dem Berliner Flughafen Tempelhof explodiert ein Koffer. Er hing am Arm eines hohen Tiers aus dem Polizeipr\u00e4sidium, Beschaffungen aller Art waren sein Gebiet, nebenher Teilhaber einer dubiosen Immobilienfirma. Das ist politisch nat\u00fcrlich brisant und somit kein leichter Fall f\u00fcr das Ermittlungsteam um Kommissarin Karin Lietze.<\/p>\n\n\n\n<p>Achtung. Jetzt kommt es drauf an. \u201eVier, f\u00fcnf, sechs\u201c (\u201e1,2,3\u201c, Billy Wilder? Kann schon sein.) von Pieke Biermann, Deutscher Krimipreis 1998, was wird sie damit machen? Sie hatte ja schon damals einen Faible f\u00fcrs Authentische, das aber zumeist mit den ehernen Vorgaben des Genres handgemein wird, wenn die Wirklichkeit zu Nutzen und Frommen des auf \u201eSpannung!\u201c getrimmten Lesers in Floskeln gegossen auf sprachlichen Stelzen durch die Normit\u00e4ten gepr\u00fcgelt werden muss. Bitte das Gehirn w\u00e4hrend der Lekt\u00fcre suspense-ieren, die Phantasie anschnallen, das Denken einstellen. Aber, siehe: Pieke pfeift dem was. Bei ihr sind wir sofort mittendrin, und eigentlich erz\u00e4hlt sie uns die Geschichte der Ver- und Entflechtungen auch nicht, sie zwingt uns, zuzuh\u00f6ren, was nicht immer einfach ist. Es wird viel dialektelt, die Gedanken h\u00fcpfen, nicht jedes Detail kommt im Doppelpack mit seiner Bedeutung. Schnelle Perspektivwechsel sind selbstverst\u00e4ndlich, Humor dito (sehr sch\u00f6n: die Sache mit dem tiefgefrorenen H\u00fchnchen). Gut so. Je authentischer der fiktive Raum, in dem wir uns bewegen, desto h\u00f6her der k\u00fcnstlerische Aufwand, der betrieben werden muss, desto h\u00f6her aber auch die Aufmerksamkeit, die von der lieben Leserschaft verlangt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei: Dieses Durcheinanderreden und \u2013denken und \u2013springen verkommt nie zum blo\u00dfen Muskelspiel einer stilistisch gest\u00e4hlten Autorin. Sie kann auch anders, etwa wenn sie die Gedanken jenes mysteri\u00f6sen alten Mannes wiedergibt, der sich durch die geheime Unterwelt des Flughafens Tempelhof bewegt, wo er sich seit Kriegsende aufh\u00e4lt. \u00dcberhaupt: der Flughafen. Er wird zum Mikrokosmos, zum Abbild jener nicht fassbaren Stadt Berlin. Ein funktionierender Organismus, wo sich die Hurenkooperative neben der neuen Dienststelle zur Ermittlung von Regierungs- und Vereinigungsverbrechen etabliert, letztere ein Sammelsurium weggelobter, weil unbequemer Beamter, erstere Heimstatt der warmherzigen Bordsteinschwalben. Und gleich nebenan richtet sich die Russenmafia ein, und alles funktioniert wie geschmiert, das ist Berlin, war es schon immer, denn vergessen wir den Alten in den Katakomben nicht, der die Nazizeit, die Blockade, die Mauer mit sich herumtr\u00e4gt, auch das geh\u00f6rt dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ermittlungen. Kommen gut voran, irgendwie. Von oben wird Druck gemacht, von oben wird gemauert, am Ende w\u00e4hnen sich die netten Leutchen um Karin Lietze (mit der ehemaligen Lottofee \u00e4hnlichen Namens hat sie nichts gemein) der Aufkl\u00e4rung des Verbrechens nahe, doch die b\u00f6se Tat bleibt unges\u00fchnt. Die Akten werden zugeklappt, der Fall wandert auf eine h\u00f6here Ebene, wo man ihn besser vertuschen kann. Das ist ein Affront gegen das erste Gebot des Krimischreibens, ganz klar, du solltest dem Leser, deinem Gott, am Ende immer den T\u00e4ter pr\u00e4sentieren. Aber dieser Gott ahnt, dass selbst der Durchbruch, vor dem die Mordkommission steht, auf get\u00fcrkten Indizien fu\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur: Wen interessiert das eigentlich noch? Pieke Biermann hat ihre gutwilligen Leser sprachlich gepackt und mitten in die Geschichte geworfen. Die treibt unaufhaltsam dem Clou entgegen, der nichts anderes sein kann als die Einsicht, dass es die Verbrechen sind, die das Ganze am Laufen halten. W\u00fcrde man sie aufkl\u00e4ren, br\u00e4che alles zusammen, aber man sollte die Zusammenh\u00e4nge kennen, und wenn Pieke Biermann auch nicht Recht &amp; Ordnung triumphieren l\u00e4sst, so doch immerhin Wissen &amp; Erkenntnis. Willkommen in der Wirklichkeit, willkommen in der heilenden Luft des ehrlichen Krimis.<\/p>\n\n\n\n<p>Also nichts auszusetzen an diesem Roman? Oh doch! Auf Seite 74 l\u00e4sst Pieke Biermann die aus Film und Fernsehen bekannte saarl\u00e4ndische \u201eFamilie Heinz Becker\u201c auftreten, die orientierungslos in Berlin gestrandet ist (die entsprechende Fernsehepisode gibt es tats\u00e4chlich). Ja, sch\u00f6n. Aber dann fangen die Zitat &#8222;Saarlandeier&#8220; an zu reden! Und Saarl\u00e4ndisch soll das sein! &#8212; F\u00fcr die k\u00fcnftige Pieke-Biermann-Werkausgabe (muss nicht Leinen, Leseb\u00e4ndchen, Schutzumschlag sein) empfehlen wir hier dringend Nachbesserung, alles andere lass aber blo\u00df stehen. Die komische Sprache, die komische Handlung, den komischen Schluss. Normsprache, Klischeehandlung und Happyende machen doch schon die anderen.<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: Sollte unbedingt wieder- bzw. neu gelesen werden, ist im Gebrauchtpapierhandel wohlfeil erh\u00e4ltlich, haltbar bis mindestens 2150, danach neue Qualit\u00e4tskontrolle.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Pieke Biermann: Vier, f\u00fcnf, sechs. <br \/>Goldmann 1997, 255 Seiten<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Endlich gelesen \u2013 neu gelesen: Krimis aus der Remittendenkiste, Angestaubtes aus dem B\u00fccherregal. W\u00fcnsche des Rezensenten, aber auch W\u00fcnsche seiner Leser. 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