{"id":17072,"date":"2006-08-26T09:02:41","date_gmt":"2006-08-26T09:02:41","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/08\/deja-vu\/"},"modified":"2022-06-15T00:13:51","modified_gmt":"2022-06-14T22:13:51","slug":"deja-vu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/08\/deja-vu\/","title":{"rendered":"D\u00e9j\u00e0 vu"},"content":{"rendered":"\n<p><em>&#8220; Die deutsche Verlagslandschaft und lesbare B\u00fccher \u00fcber Kriminalliteratur &#8211; ein unendliches Trauerspiel.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Keine optimistischen Worte, mit denen Thomas W\u00f6rtche seine \u2192<a href=\"http:\/\/www.kaliber38.de\/woertche\/wcwneu.htm\">aktuelle crime watch &#8211; Kolumne<\/a> beginnt. Eine Feststellung, die man sauer\/betr\u00fcbt abnickt &#8211; und die einen daran erinnert, dass es auch anderswo &#8211; Stichwort &#8222;lesbare B\u00fccher&#8220; zu ir-gend-et-was &#8211; kaum weniger zu heulen gibt. Als wenn das ein Trost w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ende der Neunziger besch\u00e4ftigte ich mich f\u00fcr ein Buchprojekt \u00fcber die nicht ganz unbekannte kanadische Singer \/ Songwriterin Joni Mitchell mit Sekund\u00e4rliteratur zu Rock- und Folkmusik. Sch\u00f6ne Gelegenheit, zun\u00e4chst einmal die Best\u00e4nde an vern\u00fcnftiger Literatur \u00fcber diese &#8222;Genres&#8220; zu sichten, die deutschen zumal. Und siehe: Das Grausen h\u00e4tte nicht existentieller sein k\u00f6nnen. Es gab (und gibt) hierzulande fast nichts, was man empfehlen k\u00f6nnte, und wenn doch, dann zumeist aus dem Englischen \u00fcbersetzte Titel. Die wenigen r\u00fchrigen Verlage sind klein (Hannibal, Palmyra etwa) und m\u00fcssen sich, wollen sie \u00fcberleben, auch schon mal in die Niederungen des ebenso pr\u00e4chtigen wie letztlich monoton nichtssagenden Bildbands, der geschw\u00e4tzigen F\u00fcnfminuten-Biografie \u00fcber die neueste Sensation oder die 150. Bob Dylan-Biografie retten. Nichts gegen Dylan. Aber die gleichwertige Joni Mitchell war bis zu jenem Zeitpunkt Ende der Neunziger auf dem deutschen Musikbuchmarkt nicht vorhanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz anders in Gro\u00dfbritannien, ganz anders in den USA. Hervorragende Biografien auch zu nicht marktg\u00e4ngigen K\u00fcnstlern, pr\u00e4zise Dokumentationen von Epochen und Stilen, scharfsinnige Reflexionen. Nur wenig davon hat es ins Deutsche geschafft, Greil Marcus die gro\u00dfe Ausnahme. Stattdessen wurde man mit &#8222;Die 100 gr\u00f6\u00dften Singles&#8220;, die &#8222;100 besten Bands&#8220;, &#8222;Meine 57 Lieblingsalben&#8220; \u00fcberschwemmt, fast ausnahmslos halbprofessionell runtergewichstes Zeug mit der Haltbarkeit eines Rinderhacks.<\/p>\n\n\n\n<p>Hm, das liegt vielleicht, denkt man, an den deutschen Autoren. Die bringen&#8217;s einfach nicht. Als ich dann selbst versuchte, mein Manuskript an den Verlag zu bringen, erlebte ich allerdings eine b\u00f6se \u00dcberraschung. Ich will nun nicht behaupten, es sei ein besonders gelungenes Manuskript gewesen &#8211; so etwas sollen andere behaupten -, aber selbst wenn: Es wurde, kaum angekommen, auch schon wieder zur\u00fcckexpediert. Mit der identischen Begr\u00fcndung, ja, Joni Mitchell sei schon eine Gr\u00f6\u00dfe, aaaaber: Sie toure nicht. Jedenfalls nicht durch Deutschland. Man k\u00f6nne folglich ein Buch \u00fcber sie nicht vor und nach den Konzerten an die begeisterten Fans bringen. Oder mit anderen Worten: Eine Biografie \u00fcber die platten Rockr\u00f6hren dieser Welt h\u00e4tte man wohl genommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann liegt es, denkt man, an den Fans. Die lesen nicht gerne \u00dcBER, sondern h\u00f6ren lieber VON. Oder erg\u00f6tzen sich an opulenten Bildb\u00e4nden, die 400 mal das Gesicht eines Stars abbilden, 200 mal l\u00e4chelnd, 100 mal nachdenklich, 100 mal mit irgendwelchen anderen Ber\u00fchmtheiten bei Stehparties. Das mag sein. Und f\u00e4nde seine Entsprechung in der traurigen Situation auf dem Markt f\u00fcr Krimi-Sekund\u00e4rliteratur. Popmusik und Krimis sind Konsumprodukte, schnell genossen, schnell vergessen, schnell durch andere ersetzt. Nur, wie erkl\u00e4rt sich dann der durchaus bl\u00fchende Markt f\u00fcr solche Genres anderswo? \u00dcber die &#8222;Kulturlosigkeit&#8220; der Amerikaner kann man sich locker mokieren, und gewiss \u00fcberwiegt auch dort der schnellverfertigte Mist. Aber irgendwie hat man es geschafft, kleine, feine M\u00e4rkte aufzubauen und mit hochwertigen Produkten zu bedienen, die in zwar letztlich marginalen, aber doch f\u00fcr die Verlage gen\u00fcgenden St\u00fcckzahlen abgesetzt werden. In Deutschland gelingt das wohl nicht. Warum auch immer.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220; Die deutsche Verlagslandschaft und lesbare B\u00fccher \u00fcber Kriminalliteratur &#8211; ein unendliches Trauerspiel.&#8220; Keine optimistischen Worte, mit denen Thomas W\u00f6rtche seine \u2192aktuelle crime watch &#8211; Kolumne beginnt. Eine Feststellung, die man sauer\/betr\u00fcbt abnickt &#8211; und die einen daran erinnert, dass es auch anderswo &#8211; Stichwort &#8222;lesbare B\u00fccher&#8220; zu ir-gend-et-was &#8211; kaum weniger zu heulen gibt. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-17072","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17072","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17072"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17072\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17072"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17072"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17072"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}