{"id":17073,"date":"2006-08-28T08:04:12","date_gmt":"2006-08-28T08:04:12","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/08\/kleinkrimifragen\/"},"modified":"2022-06-05T01:29:16","modified_gmt":"2022-06-04T23:29:16","slug":"kleinkrimifragen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/08\/kleinkrimifragen\/","title":{"rendered":"Kleinkrimifragen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Notbesetzung bei der heutigen Redaktionskonferenz der Krimiabteilung von Hinternet. Kollege Bernd genie\u00dft die letzten Ferientage am sonnigen Strand der Demokratischen Republik Bakterien, Nachwuchskraft Jochen \u201eScottsch\u201c K\u00f6nig drischt seit Stunden mit Baseballschl\u00e4gern auf eine von der Decke seines B\u00fcros baumelnde Rinderh\u00e4lfte ein. Kleiner Kreis also. Chefredakteur Walter, auf dem Scho\u00df Kronprinz \u201eZieh nicht immer am Ohr\u201c Vincent, dazu die bew\u00e4hrten Werkt\u00e4tigen Raphael \u201eOberstudiendirektor\u201c W\u00fcnsch und d\u201cer\u201c p\u201cansen\u201c r\u201cumort\u201c, Schutzheiliger aller Magenblesierten. Das Thema indes ist von allergr\u00f6\u00dftem Interesse und untoppbar brisant: \u201eMeine Herrn\u201c beginnt Chef Walter, \u201ePluto ist kein Planet mehr. Was bedeutet das f\u00fcr die Kriminalliteratur?\u201c<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Einige Sekunden lang ist es still, nur die dumpfen Ger\u00e4usche einer maltr\u00e4tierten Rinderh\u00e4lfte dringen in den Sitzungssaal. \u201eKein Planet mehr? Pluto?\u201c f\u00e4ngt sich Kollege W\u00fcnsch als erster, \u201eoh Gott, oh Gott, was hat er denn angestellt?\u201c Kronprinz Vincent unterbricht die orale Bearbeitung des <em>\u201eder weiblichen Brust nachempfundenen\u201c <\/em>Nuckels seiner Flasche und r\u00fclpst. \u201eNun,\u201c erkl\u00e4rt der Chef, \u201eauf der Prager Planetenkonferenz wurde Pluto der Status eines Planeten entzogen. Zu klein, zu weit vom Schu\u00df, so trostlos wie ein Krimi von An&#8212; \u00e4h, nein, ganz so schlimm wohl doch nicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist, wer sonst, dpr, der dieses Thema blitzschnell reflektiert, strukturiert und pointiert. \u201eWenn ich Sie recht verstehe, verehrter Chef\u201c setzt er zur Analyse an, \u201evergleichen Sie die Kriminallandschaft mit unserem Sonnensystem. Alles dreht sich um den Krimi: die gro\u00dfen Gasf\u00f6rmigen, die bunten Umnebelten, die toten Brocken, die kleinen zigarrenf\u00f6rmigen Stinker sowie jenes bl\u00fchend Lebende, auf dem wir selbst ausharren.\u201c \u2013 \u201eGenau\u201c unterbricht Chef Walter und auch Kronprinz Vincent scheint zu nicken. \u201eUnd das Schlimme: Jeder dahergelaufene Schei\u00dfmeteor, jedes aufgeblasene Gasw\u00f6lkchen, jeder l\u00f6chrige Fels nennt sich heutzutage Krimi. Das muss sich \u00e4ndern. Wir sollten bestimmen, was zuk\u00fcnftig als Krimi durchgehen und was sich lediglich `Kleinkrimi`nennen darf.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Produktives Gr\u00fcbeln breitet sich im Raum aus, Kronprinz Vincent zutzelt die letzten Reste aus seinem Fl\u00e4schchen und entschlummert mit einem kr\u00e4ftigen Schnarchen. \u201eMan k\u00f6nnte doch,\u201c schl\u00e4gt W\u00fcnsch vor, \u201eeine Art Positivliste erstellen. Welche Elemente muss ein Kriminalroman enthalten, um weiterhin in der ersten Liga mitspielen zu d\u00fcrfen? Ich denke zum Beispiel an eine Mindestanzahl von Morden. F\u00fcnf zum Beispiel. Oder die Beschreibung des Geschlechtsaktes, nicht unter zehn Seiten, sonst ists ein schn\u00f6der Kleinkrimi.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dpr lacht bitter auf. \u201eDas sind die Ansichten eines Augenmenschen! Ich als Wortexperte pl\u00e4diere f\u00fcr eine Negativliste. Was darf ein Krimi NICHT enthalten? Altbackene Moralvorstellungen des Autors etwa, die wie eine aufgedunsene Wasserleiche auf der Oberfl\u00e4che der Handlung vor sich hin m\u00fcffeln.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Chef Walter, den Kronprinzen sanft auf den Knien schaukelnd, macht dreimal \u201ehm\u201c und sagt dann: \u201eAngenommen. Negativliste. Wir sollten eine neue Tagung im idyllischen Bad Wildungen organisieren, s\u00e4mtliche Experten f\u00fcr Kriminalliteratur einladen \u2013 also alle drei \u2013 und eine Arbeitsgruppe bilden, die sich des schwerwiegenden Themas annimmt. Was etwa ich keinesfalls mehr in einem Kriminalroman lesen m\u00f6chte, ist folgende Konstellation.\u201c \u2013 Er r\u00e4uspert sich. \u201e<em>\u2019Peter ist tot? Oh nein! Er hat doch keine Feinde! \u2013 Ich meine: HATTE keine Feinde&#8230;\u2019<\/em> \u2013 Diese Korrektur vom Pr\u00e4sens zum Imperfekt fehlt heutzutage in keinem Krimi und ist inzwischen derma\u00dfen l\u00e4cherlich&#8230; Wer schreibt eigentlich das Protokoll?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Seufzend unterbricht Kollege W\u00fcnsch seine Hundezeichnung (Pluto!) und wechselt in den Schreibmodus. Wir \u00fcberlegen angestrengt. Das Behauen der Rinderh\u00e4lfte im Nebenzimmer wird unterbrochen und Kollege K\u00f6nig streckt sein schwitzendes Haupt in den Redaktionsraum. \u201eIch m\u00f6chte beantragen, dass die Erw\u00e4hnung von Rinderh\u00e4lften, die von Juniorrezensenten verdroschen werden, k\u00fcnftig einen Blogbeitrag zum Kleinblogbeitrag degradiert!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSchn\u00fcss!\u201c schallt es ihm dreifach entgegen, \u201eweitermachen! So haben wir alle einmal angefangen!\u201c Murrend verschwindet Kollege K\u00f6nig in seinem Zimmer, gleich darauf sorgt das rhythmische Bearbeiten des toten Fleisches wieder f\u00fcr jene innere Balance, in der man am besten \u00fcber existentielle Probleme nachdenken kann.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVertauschte Kinder\u201c, schl\u00e4gt dpr nun vor, \u201edas hat schon in der Edgar-Wallace-Verfilmung \u201aDas Gasthaus an der Themse\u2019 nicht hingehauen und sollte schleunigst indiziert werden. Oder, ganz \u00fcbel: Die Widergabe von obskuren Tr\u00e4umen in Kriminalromanen. Geh\u00f6rt nicht zur Handlung, ist langweilig, bringt nichts.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSch\u00f6n, sch\u00f6n,\u201c best\u00e4tigt der Chef. \u201eIch schlage vor, dass wir als Vorbereitung der Tagung im idyllischen Bad Wildungen unsere Leser um ihre Meinung bitten. Was, liebe Leser, m\u00f6chten SIE nicht mehr in Kriminalromanen zur Kenntnis nehmen m\u00fcssen? Dpr, setzen Sie eine entsprechende Notiz in den Blog. Ich werde mich pers\u00f6nlich darum k\u00fcmmern, dass unser strategischer Printmedienpartner, der <em>Itzehoer Volksbote <\/em>kleinkrimim\u00e4\u00dfig in die Puschen kommt. Und vergessen Sie niemals: Hinternet &#8211; unser Ziel ist die Krimiweltherrschaft! Noch Fragen, meine Herren? Dpr?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Angesprochene sch\u00fcttelt den Kopf, auch Kollege W\u00fcnsch versucht sein Haupt zu bewegen, ist aber vielleicht schon entschlummert, denn immerhin ist es bereits Viertel vor elf und ein Schl\u00e4fchen vor dem Mittagessen l\u00e4sst er sich als P\u00e4dagoge nicht nehmen. Kronprinz Vincent ist inzwischen erwacht und beginnt zu qu\u00e4ngeln. Zeit, die Sitzung zu beenden und die n\u00e4chsten Schritte in die kompetenten Beine unserer gesch\u00e4tzten Leserschaft zu legen.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Notbesetzung bei der heutigen Redaktionskonferenz der Krimiabteilung von Hinternet. Kollege Bernd genie\u00dft die letzten Ferientage am sonnigen Strand der Demokratischen Republik Bakterien, Nachwuchskraft Jochen \u201eScottsch\u201c K\u00f6nig drischt seit Stunden mit Baseballschl\u00e4gern auf eine von der Decke seines B\u00fcros baumelnde Rinderh\u00e4lfte ein. Kleiner Kreis also. 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