{"id":17074,"date":"2006-08-30T07:44:17","date_gmt":"2006-08-30T07:44:17","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/08\/b-m-gill-war-es-nicht-eigentlich-doch-nur-ein-unfall\/"},"modified":"2022-06-14T03:03:52","modified_gmt":"2022-06-14T01:03:52","slug":"b-m-gill-war-es-nicht-eigentlich-doch-nur-ein-unfall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/08\/b-m-gill-war-es-nicht-eigentlich-doch-nur-ein-unfall\/","title":{"rendered":"B.M. Gill: War es nicht eigentlich doch nur ein Unfall?"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/cover\/buchkiste_gill.jpg\" alt=\"buchkiste_gill.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Ein Krimi ohne Detektiv, die Polizei kommt nur in wenigen Nebens\u00e4tzen vor &#8211; und trotzdem ein spannendes St\u00fcck Kriminalliteratur, durchzogen von jener Traurigkeit, die so vielen guten Kriminalromanen innewohnt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es auch hier eine Art Ermittler: John Fleming, dessen Sohn bei dem \u201ees\u201c des d\u00e4mlichen deutschen Titels ums Leben kam. W\u00e4hrend einer Schiffsbesichtigung st\u00fcrzt der 12j\u00e4hrige Sch\u00fcler eines englischen Internats zu Tode; der Internatsleiter und alle, die der Schule n\u00e4her verbunden sind, hoffen und beschw\u00f6ren, dass es sich dabei nur um einen Unfall handeln kann. Doch der trauernde Vater setzt alles daran, einen Schuldigen am Tod seines Sohnes zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird eine Aufkl\u00e4rung geben, doch nicht dank Fleming, der st\u00f6\u00dft bei seinen Untersuchungen auf Ausfl\u00fcchte, Blockaden und hilflose Versuche eine heile Welt aufrecht zu halten, die es SO nie gegeben hat. Die L\u00f6sung erfolgt nahezu zwangsl\u00e4ufig. Denn bestimmte Dinge dr\u00e4ngen ans Tageslicht, egal mit wie vielen Decken gut gemeinter Heuchelei man sie verdecken will. Dabei gelingen Gill eindrucksvolle Charakterstudien. In ihrer literarischen Welt gibt es kein Schwarz oder Wei\u00df, stattdessen tummeln sich lauter Graut\u00f6ne darin. So ist John Fleming kein strahlender Held, niemand, der aus Prinzip Gerechtigkeit sucht, sondern ein Getriebener, dessen Antrieb sein Schmerz ist. Was die Wahrnehmung nicht eben objektiviert. So sind auch die meisten seiner \u201eGegenspieler\u201c keine b\u00f6sartigen Verbrecher, sondern Menschen, die sich durchaus Gedanken machen, doch keine Chance sehen diese Gedanken auch in Taten umzusetzen. Denn irgendwo gibt es immer etwas, das man sch\u00fctzen muss: einen Ruf, eine Familie, wirtschaftliche Verbindungen, den Status Quo. Und es gibt nur Standpunkte, keine Kommunikation, Schlussfolgerungen oder Konsequenzen. Angespanntes Verharren im Leerlauf. Als dieses br\u00fcchige Gebilde zersplittert, gibt es nur Opfer. Selbst der psychopathische T\u00e4ter ist eines. Es gibt keine Erl\u00f6sung; zwar schafft es Liebe das Leiden zu mildern, aber eine Rettung ist sie nicht. Bestenfalls ein schmerzvoller Neubeginn sitzt drin. F\u00fcr jeden der Beteiligten.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade weil in \u201eDeath drop\u201c nicht verdammt wird, weder das englische Internatssystem, noch der m\u00f6rderische Soziopath, ist das Ergebnis um so verst\u00f6render. Denn das Grauen lauert in der Normalit\u00e4t, jede der beteiligten Personen sieht es auf ihre Weise, doch umgehen, geschweige denn bek\u00e4mpfen kann es kaum jemand. Auch wenn David Fleming nicht zu Tode gekommen w\u00e4re, das \u00dcbel w\u00e4re trotzdem da. Eltern, die ihre Kinder verraten, Lehrer, die in falsch interpretierter F\u00fcrsorglichkeit ihre Sch\u00fctzlinge sexuell und mental missbrauchen (gerade in der Behandlung dieses Themas war Gill ihrer literarischen Zeit weit voraus), \u00e4ltere Sch\u00fcler, die ihre j\u00fcngeren Mitsch\u00fcler tyrannisieren und schikanieren. Es ist die Verlogenheit, jene Sehnsucht bestehende Verh\u00e4ltnisse zu glorifizieren, wenn man sie \u00fcberstanden (\u00fcberlebt?) hat, die der wahre Feind ist, der Horror der Verdr\u00e4ngung.<\/p>\n\n\n\n<p>Stilitisch ist B.M. Gill dabei weit entfernt von der hohlen Geschw\u00e4tzigkeit neuerer angels\u00e4chsischer Kriminalautorinnen, die bestrebt sind, das Verbrechen wieder zur\u00fcck in die Cottages zu holen, wo es nun garantiert nicht hingeh\u00f6rt. 150 Seiten reichen Frau Gill f\u00fcr ein eindrucksvolles und spannendes Psychogramm.<br \/>Erh\u00e4ltlich ist das Buch z.Z. (??) leider nur antiquarisch, daf\u00fcr aber zu Preisen teilweise ab 1 Cent plus Porto. Es lohnt sich.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">B.M. Gill: War es nicht eigentlich doch nur ein Unfall? <br \/>Rowohlt 1982 <br \/>(Original \"Death Drop\", 1979) <br \/>(unter dem Titel \"Blind in den Tod\" 1992 bei Rowohlt wiederver\u00f6ffentlicht, dort unter diesem Titel auch gemeinsam mit \"Herzchen\" in einem Doppelband)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Krimi ohne Detektiv, die Polizei kommt nur in wenigen Nebens\u00e4tzen vor &#8211; und trotzdem ein spannendes St\u00fcck Kriminalliteratur, durchzogen von jener Traurigkeit, die so vielen guten Kriminalromanen innewohnt.<\/p>\n","protected":false},"author":58,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-17074","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"Jochen K\u00f6nig","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/jochen-koenig\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17074","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/58"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17074"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17074\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17074"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17074"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17074"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}