{"id":17082,"date":"2006-08-31T07:49:09","date_gmt":"2006-08-31T07:49:09","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/08\/disher-doppel\/"},"modified":"2022-06-14T03:02:20","modified_gmt":"2022-06-14T01:02:20","slug":"disher-doppel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/08\/disher-doppel\/","title":{"rendered":"Disher-Doppel"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/cover\/disher_doppel.jpg\" alt=\"disher_doppel.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Garrydisherland scheint aufgeteilt. Der Z\u00fcrcher Unionsverlag kultiviert in seiner metro-Reihe die Entwicklung des Polizisten Hal Challis, Pulp Master widmet sich dem Ganoven Wyatt. Mit \u201eSchnappschuss\u201c und \u201ePort Vila Blues\u201c ist nun der neue Doppelpack erschienen, Gelegenheit, beide Terrains zu erkunden.<br \/>Unwegsames Gel\u00e4nde sind beide F\u00e4lle nicht. In \u201eSchnappschuss\u201c hat es Inspector Hal Challis mit dem Mord an einer Psychologin zu tun, einer regelrechten Hinrichtung vor den Augen ihrer kleinen Tochter. Die \u00fcblichen Prozesse laufen ab, Zeugenbefragungen, Suche nach dem Tatmotiv, dass es sich bei der Ermordeten um die Schwiegertochter des Polizeichefs handelt, erschwert die Ermittlungen naturgem\u00e4\u00df.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Unkonventioneller, weil fernab vom Gut\/B\u00f6se-Schema kommt \u201ePort Vila Blues\u201c daher. Wyatt, der Protagonist, ist ein Gangster, seine Widersacher von der \u201eMagnetbohrer-Bande\u201c sind Polizisten und Richter, die ebenfalls als Gangster agieren. Ein Noir-Musterbeispiel also, Verwischen der Grenzen und Moralvorstellungen. Wyatt hat auf einem seiner Raubz\u00fcge ein Schmuckst\u00fcck erbeutet, das die \u201eMagnetbohrer-Bande\u201c auf einem der ihren hat mitgehen lassen. Nun jagen die Magnetbohrer Wyatt und Wyatt setzt sich notgedrungen auf Spur der Magnetbohrer.<\/p>\n\n\n\n<p>Das klingt vielleicht nach gegens\u00e4tzlichen Konzepten, Paralleluniversen, in denen Disher seine Vorstellungen von Wirklichkeit, wie sie der Krimi spiegeln und damit schaffen kann, umsetzt. Hier der nach altbekannten Genreregeln strukturierte Polizeiroman, in dem ein Team Licht ins Dunkel bringt, dort der einsame, au\u00dferhalb der Gesetze stehende Einzelg\u00e4nger, der dieses Licht als eine Variante von Dunkelheit kenntlich macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber so einfach ist es nun nicht; denn erstaunlicherweise ist es die nach den Krimiregeln geschaffene Welt von \u201eSchnappschuss\u201c, die sich als \u00e4u\u00dferst fragil erweist, w\u00e4hrend uns \u201ePort Vila Blues\u201c durch einen in seiner moralischen Indifferenz erstarrten Kosmos f\u00fchrt. Hal Challis ist ein nur notd\u00fcrftig zusammengehaltener Charakter: nach au\u00dfen hin weitgehend beherrscht, nicht selten servil, in sich selbst emotional verkantet, \u201eim Fluss\u201c. Ganz anders Wyatt: unnahbar, berechnend, eine Maske, auch f\u00fcr sich selbst, ein unverr\u00fcckbarer Monolith in einer Welt, die moralisch l\u00e4ngst aus allen Fugen geraten ist.<\/p>\n\n\n\n<p>In \u201eSchnappschuss\u201c leuchtet diese generelle Fragilit\u00e4t der Charaktere den Text aus. Alle haben ihre P\u00e4ckchen zu tragen, sind hin und her gerissen, die Guten wie die B\u00f6sen. Was in anderen Romanen st\u00f6rend wirkt, das st\u00e4ndige Reflektieren \u00fcber den \u00dcbelstand, in dem sich der oder die Einzelne befindet, wird hier zum Gestaltungsmittel. Alle leiden unter dem Zwang wissen und akzeptieren zu m\u00fcssen, was gut und b\u00f6se, richtig und falsch ist. Dagegen wirkt \u201ePort Vila Blues\u201c wie ein Spaziergang durch eine in Grund und Boden definierte Gef\u00fchlswelt, in der f\u00fcr Zweifel und Ungewissheiten kein Platz mehr ist, und in der sich nur zurechtfindet, wer seine Nichtidentit\u00e4t verinnerlicht hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Konzepte also, die sich dort \u00fcberschneiden, wo sie sich unterscheiden. Das Chaos in der Schablone (\u201eSchnappschuss\u201c), die Erstarrung im Entmoralisierten (\u201ePort Vila Blues\u201c). Dass beide Krimis als solche pr\u00e4chtig funktionieren und die Lesebed\u00fcrfnisse auf ihre Art unbedingt befriedigen, sei der Form halber erw\u00e4hnt. &#8222;Schnappschuss&#8220; bedient sich der klassischen Elemente des Detektivkrimis und Whodunit und n\u00e4hert sich der Aufl\u00f6sung aus verschiedenen Perspektiven. &#8222;Port Vila Blues&#8220; ist eine rasante Mischung aus Reisen und Jagen, Agieren und Bedrohtsein. Also: Nicht Challis ODER Wyatt \u2013 beide, bitte.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Garry Disher: Schnappschuss. Ein Inspector-Challis-Roman. <br \/>Unionsverlag 2006. 380 Seiten. 19,90 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Garry Disher: Port Vila Blues. <br \/>Pulp Master 2006. 280 Seiten. 12,80 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Garrydisherland scheint aufgeteilt. Der Z\u00fcrcher Unionsverlag kultiviert in seiner metro-Reihe die Entwicklung des Polizisten Hal Challis, Pulp Master widmet sich dem Ganoven Wyatt. Mit \u201eSchnappschuss\u201c und \u201ePort Vila Blues\u201c ist nun der neue Doppelpack erschienen, Gelegenheit, beide Terrains zu erkunden.Unwegsames Gel\u00e4nde sind beide F\u00e4lle nicht. 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