{"id":17119,"date":"2006-09-07T07:43:22","date_gmt":"2006-09-07T07:43:22","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/09\/michael-robotham-amnesie\/"},"modified":"2022-06-06T16:15:56","modified_gmt":"2022-06-06T14:15:56","slug":"michael-robotham-amnesie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/09\/michael-robotham-amnesie\/","title":{"rendered":"Michael Robotham: Amnesie"},"content":{"rendered":"\n<p>In einem Krankenbett erwachen, ahnen, dass etwas Furchtbares geschehen sein muss, aber nicht wissen was \u2013 das ist die ideale Ausgangssituation f\u00fcr einen Thriller. \u201eAmnesie\u201c von Michael Robotham verr\u00e4t sein Thema schon im Titel, aber der Text selbst ist nicht frei von \u00dcberraschungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Inspector Vincent Ruiz ist das Maleur widerfahren, eine dramatische Spanne Zeit einfach aus dem Ged\u00e4chtnis verloren zu haben. Also begibt er sich, von seinen k\u00f6rperlichen Blessuren noch nicht genesen, auf die Suche nach der verlorenen Zeit und ihren Geheimnissen. Alles h\u00e4ngt mit einem Fall zusammen, den Ruiz vor Jahren erfolglos bearbeitet hat: Die kleine Mickey verschwand spurlos, ein offensichtlich p\u00e4dophiler Nachbar wurde per Indizien \u00fcberf\u00fchrt und abgeurteilt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die allm\u00e4hliche Ausleuchtung des dunklen Ged\u00e4chtnisraumes wird von Robotham mit allen Kniffen des ge\u00fcbten Thrillerautors in Szene gesetzt. Mickeys Mutter ist die Tochter eines schwerreichen Mannes, Mickeys Vater ein nicht weniger betuchter Gangster russischer Herkunft. Beruflich ger\u00e4t Ruiz von Stunde zu Stunde mehr ins Abseits, am Ende wird er gar gegen die Polizei agieren m\u00fcssen, nur eine indischst\u00e4mmige Kollegin und ein befreundeter Psychiater verbleiben an seiner Seite. Es gibt Irrwege, Umwege, falsche oder doch falsch interpretierte Wahrheiten, der ganze gute Stoff eben, geschickt inszeniert und spannend erz\u00e4hlt. Thrillerfreunde machen hier keinen schlechten Griff.<\/p>\n\n\n\n<p>Der besondere Reiz von \u201eAmnesie\u201c liegt jedoch auf einer eher abstrakten Leseebene. Es geht um Identit\u00e4t, um Verdr\u00e4ngung und Vergewisserung. Ruiz, so erkl\u00e4rt ihm sein Psychiaterfreund, k\u00f6nne sich an die Geschehnisse wohl deshalb nicht mehr erinnern, weil er mit seiner eigenen Herkunft nicht im Reinen sei. Und die hat es in sich. Ruiz Mutter, eine Roma, war im KZ von deutschen Soldaten vergewaltigt worden, er selbst ist die Frucht dieses Verbrechens. Zudem belastet ihn der Tod des kleinen Bruders, an dem er mitschuldig war. Das daraus resultierende unbearbeitete Trauma liegt dem aktuellen zu Grunde, beide sind eins und k\u00f6nnen nur zusammen aufgel\u00f6st werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das klingt nun wie abfotografiertes Lehrbuch der Psychoanalyse, ist aber in der Praxis des Romans bei weitem nicht so schlimm wie in seiner theoretischen Umschreibung. Vor allem macht es diesen Ruiz zu einer interessanten, gebrochenen Figur mit einem Blick auf eine nicht weniger labile Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessant in diesem Zusammenhang: \u201eAmnesie\u201c ist ein weiteres Buch zum Thema Identit\u00e4tssuche \/ Wirklichkeit als Fiktion und Fiktion als Wirklichkeit. Wir erinnern uns an Leonardo Paduras \u201eAdi\u00f3s Hemingway\u201c und Robert Littells \u201eKalte Legende\u201c, beide auf ihre Art Meisterwerke, auch Jenny Silers \u201eTicket nach Tanger\u201c f\u00e4llt wohl in diese Kategorie. Eine auff\u00e4llige H\u00e4ufung thematischer Verwandtschaften durchaus, gewiss kein \u201eTrend\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>An Padura und Littell reicht \u201eAmnesie\u201c auf dieser Leseebene nicht heran; seinen Platz neben den genannten Titeln auf der Krimiwelt-Bestenliste September 2006 hat es aber verdient.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Michael Robotham: Amnesie. <br \/>Goldmann 2006. 448 Seiten. 19,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem Krankenbett erwachen, ahnen, dass etwas Furchtbares geschehen sein muss, aber nicht wissen was \u2013 das ist die ideale Ausgangssituation f\u00fcr einen Thriller. \u201eAmnesie\u201c von Michael Robotham verr\u00e4t sein Thema schon im Titel, aber der Text selbst ist nicht frei von \u00dcberraschungen. 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