{"id":17124,"date":"2006-09-11T07:45:58","date_gmt":"2006-09-11T07:45:58","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/09\/regula-venske-mord-im-lustspielhaus\/"},"modified":"2022-06-16T20:45:40","modified_gmt":"2022-06-16T18:45:40","slug":"regula-venske-mord-im-lustspielhaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/09\/regula-venske-mord-im-lustspielhaus\/","title":{"rendered":"Regula Venske: Mord im Lustspielhaus"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/cover\/eisenbahn2.jpg\" alt=\"eisenbahn2.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Beginn unserer Eisenbahnlekt\u00fcre der neuen Kaliber .64 \u2013 Krimis steht unter einem schlechten Stern. Okay: der Sommer ist zur\u00fcck und mit ihm das fr\u00f6hliche Geschnatter luftig bekleideter junger Damen, die wahrzunehmen nat\u00fcrlich nichts mit Eros zu tun hat, sondern nur mit \u00c4sthetik und schierem Erg\u00f6tzen an bunten Stoffen. Nicht okay: kurzhemds\u00e4rmlig schwitzende Mittelalterm\u00e4nner, die sich gegenseitig aus der BILD-Zeitung vorlesen und die Kommentare zuwerfen wie ploppende Tennisb\u00e4lle: \u201eSchumi h\u00f6rt auf! Wei\u00dfte schon?\u201c \u201eIn echt? Find ich nicht gut.\u201c \u201eNee, obwohl. Und jetzt wolln\u2019se auch noch die Tabaksteuer erh\u00f6hen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Also Flucht in die innere Emigration, schnell zu Regula Venskes \u201eMord im Lustspielhaus\u201c gegriffen, was ganz automatisch einen netten Krimi assoziiert, Mord, \u00fcberschaubarer Tat- und Handlungsort, eine Gruppe von Verd\u00e4chtigen, aus denen dann sp\u00e4testens auf Seite 63 das M\u00f6rderlein herausgewunken wird. Doch ach, ach, ach: Schon gleich auf Seite 1 werden wir Zeugen, wie eine Frau, deren Namen wir nicht erfahren, Musik h\u00f6rt. Nein, Korrektur: Nicht Musik, sondern Wolf Biermann. Das ist derjenige, den man fr\u00fcher mal wegen fortgesetzten und schweren Gitarrensch\u00e4ndens hatte anzeigen wollen, aber, da das weder in der DDR noch der BRD ein Straftatbestand war, nicht anzeigen konnte, was wieder einmal zeigt, wie l\u00f6chrig die Gesetzgebung ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Andererseits: es passt. BILD von au\u00dfen, die Biermannsche Mischung aus BILD und Brecht von innen. Es geht um Stasi-Vergangenheiten, so viel ist uns bald klar, ein Kabarettist namens Lutz Anklam gastiert in Hamburg, Stasi-Gesch\u00e4digter ist er, einstmals verraten worden, und jetzt l\u00e4dt er all jene ein, die es sich nicht leisten k\u00f6nnen, an ihre Vergangenheit erinnert zu werden. Die Schauspielerin Susanne Depta zum Beispiel, von der Lutz glaubt, sie habe ihn damals bei den Beh\u00f6rden verpfiffen. Heute ist sie eine v\u00f6llig heruntergekommene Frau, nicht mal mehr sch\u00f6n, daf\u00fcr aber bettelarm.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist schwerer Stoff, eigentlich, aber bei Venske macht sich bezahlt, was wir den nat\u00fcrlichen Charme der Beschr\u00e4nktheit nennen wollen. Sie hat eben nur 64 Seiten, mithin gar nicht die M\u00f6glichkeit, uns lange mit deutsch-deutschem R\u00e4sonnieren zu langweilen. Stasi ist hier schlicht eine Abk\u00fcrzung f\u00fcr das Krimiessentielle: Ein Mann will Gewissheit, er fordert das Schicksal heraus, die Ratten kriechen aus ihren L\u00f6chern und versuchen, den Mann daran zu hindern, die Dinge offen zu legen. Am Ende gibt es T\u00e4ter und Opfer wie in der Wirklichkeit, aber jetzt sauber nach Krimikriterien geordnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Zweite H\u00e4lfte des Buches. Der Zug ist heute merkw\u00fcrdig leer, da wurde wahrscheinlich ob des zur\u00fcckgekehrten Sommers noch ein wenig Jahresurlaub spontan in Sonnenanbeterei investiert. Mir soll\u2019s recht sein, st\u00f6rt mich keiner.<\/p>\n\n\n\n<p>Um es gleich zu sagen: W\u00fcrde mich ein Kabarettist ennuyieren, dessen besonderer Gag es ist, \u201e\u00fc\u201c statt \u201eu\u201c zu sagen (D\u00fcnkel statt Dunkel etwa), ich k\u00e4me wohl auch auf den Gedanken, ihm irgend welche Lichter auszublasen. Das Szenario hat sich inzwischen dramatisch verdichtet, es werden Pl\u00e4ne geschmiedet, Frau Depta schafft es tats\u00e4chlich, Herrn Anklam zu einem Quickie in der Garderobe zu \u00fcberreden, ein Zahnarzt macht sich Sorgen und jene uns vom Anfang her bekannte Biermann-H\u00f6rerin beweist, dass schlechter musikalischer Geschmack auch f\u00fcr Sauereien der gehobenen strafrechtsrelevanten Sorte pr\u00e4destiniert. Am Ende sind zwei tot, ein kleiner Clou ist auch dabei. Ein angenehmer Krimi nach solidem Muster, kein Moralisieren nirgends. Mehr verlangen wir nicht f\u00fcr zwei kurze Fahrten im Sp\u00e4tsommer.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Regula Venske: Mord im Lustspielhaus. <br \/>Edition Nautilus 2006. 64 Seiten. 4,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Beginn unserer Eisenbahnlekt\u00fcre der neuen Kaliber .64 \u2013 Krimis steht unter einem schlechten Stern. Okay: der Sommer ist zur\u00fcck und mit ihm das fr\u00f6hliche Geschnatter luftig bekleideter junger Damen, die wahrzunehmen nat\u00fcrlich nichts mit Eros zu tun hat, sondern nur mit \u00c4sthetik und schierem Erg\u00f6tzen an bunten Stoffen. 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