{"id":17125,"date":"2006-09-10T18:30:06","date_gmt":"2006-09-10T18:30:06","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/09\/fuer-die-gebildeten-staende\/"},"modified":"2022-06-14T02:53:07","modified_gmt":"2022-06-14T00:53:07","slug":"fuer-die-gebildeten-staende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/09\/fuer-die-gebildeten-staende\/","title":{"rendered":"F\u00fcr die gebildeten St\u00e4nde"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich wende mich heute an diejenigen, denen Krimi nicht genug ist, diejenigen, die sich in Metaphern suhlen, in Weisheiten w\u00e4lzen wollen, bei denen sich der H\u00f6henrausch der Dichtung erst im Tiefsinn der Gedanken einstellt, diejenigen, die selbst einem umgefallenen Fahrrad die philosophische Zuwendung nicht versagen wollen. Kurz: All diejenigen, die notorisch nachdenken, sobald man ihnen etwas vordenkt, erhalten von mir, ganz exklusiv, nun ein Geschenk. Krimis\u00e4tze f\u00fcr die gebildeten St\u00e4nde.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>\u201eVor allem musste er sich vor diesem Mantel aus Mitleid h\u00fcten, den er manchmal \u2013 entgegen aller Vernunft, seiner Erfahrung zum Trotz und mit einer fast h\u00e4mischen Theatralik \u2013 hervorkramte und der ihm schon w\u00e4hrend seiner Jahre in der Zelle niemals Linderung oder Geborgenheit verschafft, sondern ihn mit Selbstha\u00df erf\u00fcllt hatte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Lauschen wir ihm nach, diesem Satz. Sehen wir den Mantel aus Mitleid vor uns, einem besonderen Kleidungsst\u00fcck, das nicht nur Geborgenheit bringt und Linderung, nein, es erf\u00fcllt seinen Tr\u00e4ger auch. Das ist wirklich sch\u00f6n gesagt. Gleich morgen schlurfen wir zum Herrenausstatter und bestellen uns so ein Teil.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSebastian Flies hatte vielleicht get\u00f6tet, weil er sein Leben lang einen M\u00f6rder in sich beherbergt und, unbewu\u00dft und angstvoll, auf eine einmalige Gelegenheit zum Morden gewartet hatte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>So wird es sein. Wir schenken uns etwas Tee nach und dann erschaudern wir bei dem Gedanken, wie einer einen M\u00f6rder beherbergt, und dann kommt die einmalige Gelegenheit zum Morden und dann mordet nicht etwa der M\u00f6rder, den man beherbergt hat, wie es ja logisch w\u00e4re, sondern dann mordet man selber, der doch den M\u00f6rder nur beherbergt hat. Ganz sch\u00f6n verwirrend. Das muss Psychologie sein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJe l\u00e4nger sein Furor ihn mitri\u00df, desto leidender wirkte sein Gesichtsausdruck, seine Gesten verwandelten sich in dramatisches Gefuchtel, und seine sachlich klingenden Aussagen, seine scheinbar intimen Bekenntnisse und seine monologischen Beschw\u00f6rungen trieben ihn in einen Zustand, den Polonius Fischer von vielen Zeugen und Verd\u00e4chtigen kannte, die in diesem Raum vor ihm gesessen und mit gro\u00dfem inneren Aufwand versucht hatten, den verhunzten Dingen ihres Lebens im nachhinein eine gef\u00e4llige, entschuldbare Gestalt zu verleihen. Das war der Zustand des Selbstmitleids.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ach, wie sich das liest! Welch ein Satz! Der h\u00f6rt ja gar nicht mehr auf, da reiht sich Wahrheit an Wahrheit, ein Satz von einer gef\u00e4lligen und entschuldbaren Gestalt, denn er auch geh\u00f6rt zu den verhunzten Dingen des Lebens. Wir bauen einen sch\u00f6nen J\u00e4gerzaun darum, h\u00e4ngen ein Schild dran \u201eNicht dr\u00fcber nachdenken, dieser Satz ist bereits die Quintessenz versch\u00e4rften Nachdenkens.\u201c \u2013 und dann kommen die gebildeten St\u00e4nde busweise und gucken sich den Satz an, nicken sich wissend zu und fahren, wieder um ein Milligramm Wahrhaftigkeit schwerer, froh in die Stadt zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e\u2019Auch die Feigheit ist Teil der menschlichen Natur\u2019, sagte Fischer. \u201aUnd die L\u00fcge und die Dummheit und der Selbstbetrug.\u2019\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich! Wir mussten so lange auf diese ersch\u00fctternde Erkenntnis warten, kein Philosoph hat sie uns hingeworfen, dicke B\u00fccher ham\u2019s dr\u00fcber geschrieben, aber wer eine Bildung will, der hat keine Zeit zum Studieren dicker B\u00fccher, nein, was f\u00fcr eine Erkenntnis, da steht uns das Maul offen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e\u2019Und nehmen Sie Ihr Leben nicht allzu pers\u00f6nlich, Herr Flies.\u2019\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ja! Wieder einen Satz f\u00fcr das n\u00e4chste kultivierte Beisammensein! Es gibt Firmen, die stellen so etwas serienweise her und liefern es dann im Dutzend f\u00fcr ein paar Euro frei Haus: \u201eMan muss im Kleinen suchen, um das Gro\u00dfe zu finden.\u201c oder, was f\u00e4llt mir noch so spontan ein, \u201eWer die Liebe zu sehr liebt, der hasst sie.\u201c oder, noch einen kostenlos obendrauf, \u201eUnd glauben Sie nicht, dass Ihre Nase Ihre Nase ist, Herr Flies, vielleicht ist es Ihr Mund.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich wende mich heute an diejenigen, denen Krimi nicht genug ist, diejenigen, die sich in Metaphern suhlen, in Weisheiten w\u00e4lzen wollen, bei denen sich der H\u00f6henrausch der Dichtung erst im Tiefsinn der Gedanken einstellt, diejenigen, die selbst einem umgefallenen Fahrrad die philosophische Zuwendung nicht versagen wollen. Kurz: All diejenigen, die notorisch nachdenken, sobald man ihnen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-17125","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17125","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17125"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17125\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17125"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17125"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17125"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}