{"id":17133,"date":"2006-09-12T10:24:15","date_gmt":"2006-09-12T10:24:15","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/09\/friedrich-ani-idylle-der-hyaenen-teil-eins\/"},"modified":"2022-06-07T14:59:08","modified_gmt":"2022-06-07T12:59:08","slug":"friedrich-ani-idylle-der-hyaenen-teil-eins","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/09\/friedrich-ani-idylle-der-hyaenen-teil-eins\/","title":{"rendered":"Friedrich Ani: Idylle der Hy\u00e4nen. Teil eins"},"content":{"rendered":"\n<p><em>[Es muss sein. Zu ausf\u00fchrlich ger\u00e4t mir die Rezension von Friedrich Anis neuem &#8222;Kriminalroman&#8220;, und schon die G\u00e4nsf\u00fc\u00dfchen markieren einen der Pferdef\u00fc\u00dfe. Deshalb nicht die Gesamtrezension am Donnerstag, sondern in drei H\u00e4ppchen bis Donnerstag. Teil eins: hier.]<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Seien wir f\u00fcr einen tr\u00fcgerischen Moment davon \u00fcberzeugt, bei Friedrich Anis \u201eIdylle der Hy\u00e4nen\u201c handele es sich um einen epochalen Kriminalroman, um die geniale Umwertung aller Werte oder doch wenigstens um ein in seiner Radikalit\u00e4t irritierendes Produkt der Spannungsliteratur. F\u00e4nden sich daf\u00fcr Beweise? Und welche Schlussfolgerungen lie\u00dfen sie zu?<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz kurz zur Story: Ein Mann ermordet eine Frau, weil die ihr Kind vernachl\u00e4ssigt. Er f\u00e4hrt dann mit diesem Kind ans Meer, l\u00e4sst sich Vater nennen, bringt das Kind schlie\u00dflich zur\u00fcck zum leiblichen Vater. Ein zweiter Mann ger\u00e4t im Zuge der Ermittlungen in den Verdacht, die Frau ermordet zu haben. Er hat jedoch eine andere Frau get\u00f6tet, weil sie es von ihm verlangte. Aufgekl\u00e4rt wird dies alles von Apolonius Fischer, einem ehemaligen M\u00f6nch und jetzigen Kommissar, sowie seinen Mitstreitern, die man auch \u201eDie zw\u00f6lf Apostel\u201c nennt.<\/p>\n\n\n\n<p>Fischer, der das Kloster verlassen hat, steht mit seiner Gottverlorenheit, die nat\u00fcrlich immer zugleich Gottsuche ist, nicht allein. Auch die auf eigenen Wunsch get\u00f6tete Frau ist einem Kloster entsprungen, der Mann, der sie t\u00f6tet, hasst Gott, was nat\u00fcrlich auch immer bedeutet, dass er ihn sucht. Selbst der andere Mann, der ein Menschenleben auf dem Gewissen hat, handelt aus religi\u00f6sen Motiven. Gott ist also allgegenw\u00e4rtig. Da sagt Polizist Fischer schon mal eine Runde Bibelspr\u00fcche auf, bevor er sich mit den Angeh\u00f6rigen des Opfers unterh\u00e4lt, auch seine \u201eZw\u00f6lf Apostel\u201c kommen in den Genuss tiefsinniger Lesungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist also alles vorhanden f\u00fcr einen Kriminalroman der nachdenklichen, gar philosophischen Sorte. Wo ist Gott, warum ist er nicht mehr da, warum tut er, was er tut, darf man sich selbst t\u00f6ten, ist Suizid erblich? Eine Studie \u00fcber Gottesverlust und \u2013gottessuche, die Ani nun in seiner bekannt tr\u00fcbsinnigen, aber doch atmosph\u00e4risch durchaus dichten Art erz\u00e4hlen k\u00f6nnte. Nur: Er tut es nicht. Er weigert sich. Was wir \u00fcber 350 Seiten lesen m\u00fcssen, ist keine Geschichte, sondern eine Abfolge uns\u00e4glicher Banalit\u00e4ten, von einer Horde exaltierter, ja, v\u00f6llig hysterischer Textaufsager auf den knarrenden Brettern eines windschiefen Krimis amateurhaft deklamiert.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201e\u2019Auch die Feigheit ist Teil der menschlichen Natur\u2019, sagte Fischer. \u201aUnd die L\u00fcge und die Dummheit und der Selbstbetrug.\u2019\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Jede Person des Romans steht kurz vor dem Kollaps, kurz vor der Explosion, eine Folge notorischen Schwerdenkens \u00fcber die letzten Dinge, die, sobald sie zu W\u00f6rtern werden, auch zu Schrott werden. Nein, das hier ist keine Geschichte, in der Menschen agieren. Die Figuren werden auf ihr Tiefgr\u00fcndeln reduziert, sie funktionieren als Nummernboys und Nummerngirls, intellektuell leichtbekleidete Heulsusen, die ihr Elend stolz vor sich her tragen und eine neue Runde im ewigen R\u00e4sonnieren \u00fcber die Kinkerlitzchen des Seins einl\u00e4uten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das hat nat\u00fcrlich was. Das ist, liebe Mitrezensenten, keine Philosophie, und wer jetzt \u201eD\u00fcrrenmatt!\u201c raunt, dem spendieren wir einen Schnellkursus \u201eDie Literatur und ich. Ein Missverst\u00e4ndnis\u201c. Es ist Anti-Philosophie, Anti-D\u00fcrrenmatt, ja, Anti-Literatur, denn nicht nur die Geschichte wird verweigert, sondern alles, alles, was Literatur zur Literatur macht, versinkt im Obsoleten.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Form. Ein Kriminalroman n\u00e4mlich ist \u201eIdylle der Hy\u00e4nen\u201c nicht. Wer einen Spannungsbogen findet, der darf ihn behalten, keine Spannung, keine \u00dcberraschung, es ist, als weigere sich das Genre, dieses Sammelsurium von Bl\u00f6dsinn in eine Ordnung zu bringen. Dort wo der Kriminalroman den Zutritt zu Abgr\u00fcnden erm\u00f6glicht, ist er bei Ani nichts weiter als ein unter lustloser Vergeudung von Schwei\u00df gegrabenes Loch, in das man das scheinbar Abgr\u00fcndige wirft, um es endg\u00fcltig zu begraben.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum also \u201eKrimi\u201c? Warum nicht tats\u00e4chlich Theater, Personal, das sich monologisch das Leid aus dem Leib krakeelt, ein \u201eErz\u00e4hler\u201c am B\u00fchnenrand, der das, was da gebr\u00fcllt wird, sogleich erkl\u00e4rt. Binsigstes W\u00fchlen nach den letzten Dingen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>(Fortsetzung folgt)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[Es muss sein. 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