{"id":17134,"date":"2006-09-13T07:56:48","date_gmt":"2006-09-13T07:56:48","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/09\/friedrich-ani-idylle-der-hyaenen-teil-zwei\/"},"modified":"2022-06-07T01:25:04","modified_gmt":"2022-06-06T23:25:04","slug":"friedrich-ani-idylle-der-hyaenen-teil-zwei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/09\/friedrich-ani-idylle-der-hyaenen-teil-zwei\/","title":{"rendered":"Friedrich Ani: Idylle der Hy\u00e4nen. Teil zwei"},"content":{"rendered":"\n<p><em>[Und es geht weiter. Nach \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/09\/friedrich-ani-idylle-der-hyaenen-teil-eins.php\">Teil eins<\/a> nun die Fortsetzung der Rezension von Friedrich Anis &#8222;Idylle der Hy\u00e4nen&#8220;]<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In Ordnung. Wir wiegen uns noch immer in der tr\u00fcgerischen Illusion, hinter alledem st\u00fcnde ein souver\u00e4ner Sch\u00f6pfer, ein Autor=Gott gewisserma\u00dfen, der sowohl die Ansicht, Romane m\u00fcssten Geschichten erz\u00e4hlen, negiert als auch dem Genre, das ihn \u00fcber Jahre gut gen\u00e4hrt hat, ein Armutszeugnis ausstellt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Diese Absicht w\u00e4re nicht ohne Parallelen in der, nicht nur Krimi-, Literaturgeschichte. Wir finden sie etwa dort, wo aus \u201eKrimi\u201c \u201eKriminalliteratur\u201c wird, wie \u2192<a href=\"http:\/\/www.kaliber38.de\/woertche\/einzelteile\/jahrhundert.htm\">Thomas W\u00f6rtche<\/a> schreibt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Nach Hammett und Simenon driften Krimi und Kriminalliteratur zunehmend auseinander &#8211; die Verbindlichkeit der Form ist au\u00dfer Kraft gesetzt, und das schafft Freir\u00e4ume.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Au\u00dfer Kraft gesetzt wird hier das Tradierte, aber auch die Erwartung von Kritik und Publikum. Dass unter der Decke einer Geschichte weitere Geschichten stecken (analog: unter einer Krimistory die Geschichten einer Gesellschaft, eine Gruppe von Menschen), ist nun eine alte Erkenntnis. Wir finden sie bei Laurence Sterne oder Lewis Carroll schon sehr fr\u00fch, bei James Joyce schlie\u00dflich in ihrer markantesten Auspr\u00e4gung. Dessen \u201eUlysses\u201c ist ein oberfl\u00e4chlich gelesen recht unspektakul\u00e4res Werk, nach den Maximen traditioneller Romantheorie gar ein misslungenes, und nur dann mit Gewinn zu lesen, wenn man die Form \u201eGeschichten erz\u00e4hlen\u201c erweitert, sie vielleicht gar, wie in der experimentellen Prosa eines William S. Burroughs, ganz aufgibt beziehungsweise den Zufall entscheiden l\u00e4sst, in welche Richtungen die narrative Logik voranschreiten soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Belassen wir es bei diesen Gedankensplittern, die nur deshalb hier gezeigt seien, weil solches Erweitern oder Zerst\u00f6ren von Form stets zu Irritationen bei den Lesern f\u00fchrt, dann zumal, wenn sie sich in einem abgesteckten Genre zu bewegen glauben und auf den Autor, der sie so irritiert hat, eigentlich gro\u00dfe St\u00fccke halten. Will sagen: Meine Emp\u00f6rung \u00fcber Anis Roman mag nichts weiter sein als die Emp\u00f6rung des d\u00fcpierten Lesers, der liebgewordene Parameter in \u201eIdylle der Hy\u00e4nen\u201c nicht mehr wiederfindet. Hier also lohnt es sich \u2013 und ist eine Frage von Fairness \u2013 wenigstens zu versuchen, hinter all dieser lieblos in fl\u00fcchtiger und teilweise erb\u00e4rmlicher Prosa heruntergerissenen Polizeistory, hinter dieser exzessiven und doch wohlfeilen Seelenqual so etwas wie eine ABSICHT zu vermuten.<\/p>\n\n\n\n<p>Werden wir also Zeugen eines erneuten Paradigmenwechsels? Beweist uns Friedrich Ani, dass selbst die KriminalLITERATUR all diese Uns\u00e4glichkeiten des Rumorens von Verlieren und Suchen formal nicht mehr zu fassen versteht, wo man doch annimmt, gerade diese Kriminalliteratur eigne sich daf\u00fcr wie nichts Zweites? Ist \u201eIdylle der Hy\u00e4nen\u201c also der Grenzstein, an dem die Verbindlichkeit der Krimiform aufgehoben wird?<\/p>\n\n\n\n<p>K\u00f6nnte sein. K\u00f6nnte, weil auch die Dokumentation eines Scheiterns den souver\u00e4nen Autor verlangt. Auch wer das Erz\u00e4hlen aufgibt, wer sein Personal zu blo\u00dfen Abbetern von f\u00fcrchterlichster Rollen- und Ideenprosa degradiert, muss dies bewusst tun, mit Bedacht, mit K\u00f6nnen, einem Konzept, kurz: einer Idee.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch in \u201eIdylle der Hy\u00e4nen\u201c ist auch der Autor kein souver\u00e4ner Autor mehr. Er sammelt dummes Denken, dumme Gef\u00fchle und dumme S\u00e4tze, er geht so in seiner Arbeit auf, dass er selbst nicht mehr auf den Gedanken kommen kann, etwas anderes zu produzieren als dummes Denken, das in dummen Gef\u00fchlen d\u00fcmpelt und in dumme S\u00e4tze gewickelt werden muss. Diesen etwa:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Sebastian Flies hatte vielleicht get\u00f6tet, weil er sein Leben lang einen M\u00f6rder in sich beherbergt und, unbewu\u00dft und angstvoll, auf eine einmalige Gelegenheit zum Morden gewartet hatte.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Man h\u00e4lt bei der Zurkenntnisnahme solch gestelzter und auf den schieren Flachsinn reduzierter Gemeinpl\u00e4tze den Atem an. Hier f\u00fcgt sich der Autor Ani entweder willig in seine neue Rolle als Nichtliterat (was ich nicht glaube; so weit geht mein illusion\u00e4res Denken nun doch nicht) oder erweist sich als in die scheinbare Klarheit seiner Bilder verliebter Pfuscher. Noch ein Beispiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Perspektivisches Schreiben etwa, eine nicht zu untersch\u00e4tzende Kunst, wird bei Ani zum rein routinem\u00e4\u00dfig inszenierten Vorzeigen der blanken Instrumente, die aber nicht zum EInsatz kommen. Wohl wechselt er die Sichtweisen, aber reden h\u00f6ren wir immer nur den Autor. Ob Mann A die Gedanken A herausbr\u00fcllt oder die Gedanken B des Mannes A, der seinerseits die Gedanken von Frau C in die Welt heult: Es ist eine einzige So\u00dfe, ein einziges stilistisches \u00c4rmelaufkrempeln, um denn doch nur ungest\u00e4hlte Muskeln zu zeigen. Hier wird nicht, wozu perspektivisches Schreiben eigentlich dient, die Wirklichkeit durch mehrere verschiedene Augen betrachtet und damit zu WirklichkeitEN, nein, es ist blo\u00dfes Talmi, Reflex eines Literaturautomaten, der eben auch &#8222;perspektivisch schreiben&#8220; m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<p>Woran erinnert uns das? Ich gebe zu, dass ich w\u00e4hrend der Lekt\u00fcre gelegentlich an Herbert Reinecker denken musste, den Sch\u00f6pfer solch legend\u00e4rer TV-Ereignisse wie \u201eDer Kommissar\u201c und besonders \u201eDerrick\u201c, Fernsehkrimis also, in denen sich Bedeutung tonnenschwer auf die H\u00e4upter der Ermittler legte, wo ein Mord nicht einfach nur ein Mord sein durfte, sondern gleich Einstieg in philosophische Diskurse und Ausschnitte aus einer Wirklichkeit, die einen eher zum Lachen denn zum \u201eNachdenken\u201c bringen konnten. Aber nein; Reinecker versuchte tats\u00e4chlich, \u201eanspruchsvolle Krimiunterhaltung\u201c zu schaffen, seine kruden Gr\u00fcbeleien, seine so leichtgewichtige Gedankenschwere immerhin in das Korsett biederer Whodunits zu packen. Es war zwar letztlich egal, wer nun eigentlich warum, aber es war zugleich eine zuverl\u00e4ssig erf\u00fcllte Pflicht gegen\u00fcber den Konsumenten folgenloser Freitagabendunterhaltung. Anis Personal ist nun Derrick on dope. Hol schon mal den Koks, Harry.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n\n\n\n<p>(abschlie\u00dfender Teil folgt)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[Und es geht weiter. Nach \u2192Teil eins nun die Fortsetzung der Rezension von Friedrich Anis &#8222;Idylle der Hy\u00e4nen&#8220;] In Ordnung. 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