{"id":17142,"date":"2006-09-18T07:25:00","date_gmt":"2006-09-18T07:25:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/09\/charles-willeford-sperrstunde\/"},"modified":"2022-06-16T20:45:00","modified_gmt":"2022-06-16T18:45:00","slug":"charles-willeford-sperrstunde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/09\/charles-willeford-sperrstunde\/","title":{"rendered":"Charles Willeford: Sperrstunde"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/cover\/buchkiste_willeford.jpg\" alt=\"buchkiste_willeford.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>[Krimis out of print. Lesen kann man sie dennoch. Vorher antiquarisch erwerben. Diesmal auf besonderen Wunsch einer besonderen Autorin und wtd-Stammleserin: Charles Willefords &#8222;Sperrstunde&#8220;. Die Rezension wird \u00fcbrigens Grundlage eines kleinen Kapitels in einem kleinen Buch \u00fcber die besondere Autorin und wtd-Stammleserin sein. So wird bei Hinternet alles optimal und \u00f6kologisch sinnvoll wiederaufbereitet und verwertet.]<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ein Mann und eine Frau begegnen sich. Die Begegnung ist rein zuf\u00e4llig, der Ort ist es nicht. Eine Bar. Die beiden ziehen zusammen, sie sind alkoholabh\u00e4ngig, lebensm\u00fcde, sie inszenieren das gemeinsame Sterben, scheitern kl\u00e4glich, sie suchen professionelle Hilfe in einer psychiatrischen Klinik, auch hier ohne Erfolg. Dann t\u00f6tet der Mann die Frau, der anschlie\u00dfende Selbstmord scheitert abermals, er stellt sich der Polizei \u2013 und die Gerechtigkeit nimmt ihren Lauf. Mit einem f\u00fcr Kriminalromane \u00fcberraschenden Ende.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Geschichte erz\u00e4hlt uns Charles Willeford in \u201eSperrstunde\u201c (\u201ePick Up\u201c). Willeford erz\u00e4hlt, was er selbst von den Personen wei\u00df. Er beobachtet sie, er ist neugierig, er will nicht wissen, WARUM sie so sind, ihn interessiert es allein, wie sie sind. Das Ordnen und Katalogisieren \u00fcberl\u00e4sst er den Lesern. Harry Jordon ist ein gescheiterter Maler, Helen Meredith leidet ganz offensichtlich unter der erdr\u00fcckenden Dominanz der Mutter. Aber gibt es diese kausalen Zusammenh\u00e4nge, die man als Leser unwillk\u00fcrlich herstellt, tats\u00e4chlich?<\/p>\n\n\n\n<p>Willeford jedenfalls hilft uns nicht weiter. Der Leser mag beider Protagonisten Misere von den mitgeteilten Tatsachen ableiten. Harry s\u00e4uft und l\u00e4sst sich treiben, weil er als K\u00fcnstler versagt hat, Helen entkommt der Mutter, indem sie sich aus der Wirklichkeit trinkt. Ein Psychodrama, von Willeford mit \u00e4u\u00dferster Intensit\u00e4t aufgezeichnet. Szenen von ergreifender Wahrhaftigkeit, die man \u201egezeigte Psychologie\u201c nennen k\u00f6nnte und die diese Wahrhaftigkeit sofort verlieren, wenn man sie analysiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Psychodrama? Eben nicht. Oder eben nur, wenn man dem Autor misstraut, seine Arbeit als Leser gedanklich zu vollenden trachtet. Besser l\u00e4sst es sich kaum demonstrieren, warum \u201eZeigekrimis\u201c den \u201eErkl\u00e4rkrimis\u201c so unendlich \u00fcberlegen sind. Sie schreiben Wirklichkeit, sie bauen eine Kriminalstory, und wenn sie gut sind, wirklich gut sind, l\u00f6sen sie, wie bei Willeford, diese Kriminalstory am Ende wieder auf und lassen uns mit der blanken Wirklichkeit allein.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn das ist der Clou, der geniale Coup. In einer beil\u00e4ufigen Anmerkung am Ende der Erz\u00e4hlung hebelt Willeford s\u00e4mtliche Deutungskonstrukte aus. Die Nachdenk-Welt des Lesers kollabiert, scheinbare Nebens\u00e4chlichkeiten des Texten werden pl\u00f6tzlich essentiell. Warum etwa stellt der Psychiater Harry diese merkw\u00fcrdige Eingangsfrage? Warum reagieren manche Leute so aggressiv auf das P\u00e4rchen? Die so feinsinnig gerundete Psychoblase zerknallt an der schmutzigen Realit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Willeford hebt und senkt dazu nur die Schultern. Er will erz\u00e4hlen. Er wei\u00df, dass sich der Leser die Dinge zurechtr\u00fccken wird. Er bedeutet ihm, in diesem einzigen letzten Hinweis: tus nicht. Schau einfach hin. H\u00f6r zu. Beobachte. Du kannst in zwei Leben hineinschauen, und es wird dich vielleicht verwirren, aber wenn du deinen antrainierten Deutungszwang, deinen Wahn nach sinnf\u00e4lliger, objektiv zu konstruierender Wirklichkeit ablegst, wird es dich erhellen. Mehr kann dir Literatur nicht geben. Gro\u00dfe Literatur. \u201eSperrstunde\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Charles Willeford: Sperrstunde. <br \/>Ullstein 1992. 206 Seiten (Original: \"Pick Up\". 1967)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[Krimis out of print. Lesen kann man sie dennoch. Vorher antiquarisch erwerben. Diesmal auf besonderen Wunsch einer besonderen Autorin und wtd-Stammleserin: Charles Willefords &#8222;Sperrstunde&#8220;. Die Rezension wird \u00fcbrigens Grundlage eines kleinen Kapitels in einem kleinen Buch \u00fcber die besondere Autorin und wtd-Stammleserin sein. 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