{"id":17144,"date":"2011-09-05T12:02:16","date_gmt":"2011-09-05T12:02:16","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/09\/es-geht-voran\/"},"modified":"2022-06-11T04:02:20","modified_gmt":"2022-06-11T02:02:20","slug":"es-geht-voran","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/09\/es-geht-voran\/","title":{"rendered":"Es geht voran"},"content":{"rendered":"\n<p>\u00dcber das literarische Experiment sagte Hans Magnus Enzensberger einmal sinngem\u00e4\u00df, es habe im Labor stattzufinden und nicht in aller \u00d6ffentlichkeit. Mit anderen Worten: Was den Lesern vor die Augen kommt, ist das <em>Ergebnis<\/em> von Experimenten, das Endprodukt einer Versuchsreihe, im besten Fall eine Novit\u00e4t, die ihre Marktnische sucht oder, weg von den Chiffren der \u00d6konomie, die optimale Verpackung f\u00fcr einen neuen Inhalt. So h\u00e4lt es die Literatur seit jeher, auch die Kriminalliteratur brachte solche neuen Inhalte und suchte ihre Formen, fand sie, stellte sie infrage, lie\u00df sich von allgemeinen literarischen Weiterentwicklungen inspirieren \u2013 oder auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Den Lesern fiel das zumeist nicht gro\u00df auf, aus zwei Gr\u00fcnden: Zum einen finden Ver\u00e4nderungen selten radikal statt, es sind eher kleine Schritte, die man geht. Zum anderen korrespondieren Neuerungen in der Form logischerweise mit den Inhalten, mit dem, was man &#8222;Wirklichkeit&#8220; nennt und was man als bekannt voraussetzen kann. Das Neue ersetzt nicht das Alte, sondern erg\u00e4nzt es. Dennoch wirken neue Bearbeitungsformen zumeist als Provokation, sie ersch\u00fcttern das Insteingehauene gerade dort, wo sich Literatur als Genre definiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Belassen wir es bei dieser kleinen theoretischen Hinf\u00fchrung und kommen zu einigen Beispielen, wie sich die Auffassung von Kriminalliteratur schrittweise ver\u00e4ndert, weil sie sich an einer ebenso sich ver\u00e4ndernden Wirklichkeit orientiert. Kein &#8222;Trend&#8220;, aber auch keine Einzelf\u00e4lle. Das erste Beispiel pr\u00e4sentiert keine Neuerung, es verweist vielmehr auf die Notwendigkeit zu einer solchen. Der vom Krieg traumatisierte Held fehlt in der deutschen Kriminalliteratur v\u00f6llig, weil es ihn mangels Krieg mit deutscher Beteiligung nicht geben konnte. Im Gegensatz etwa zu den USA, wo er uns in vielf\u00e4ltiger Form begegnet. Lee Childs &#8222;Jack Reacher&#8220; zum Beispiel, diese perfekte Kampfmaschine, zehrt vom Nimbus des Kriegers, seine traumatischen Br\u00fcche mag er kaschieren, sie lassen sich dennoch decodieren. Als <em>&#8222;witterndes, zur Kampfmaschine trainiertes Tier&#8220;<\/em>, eine <em>&#8222;Verk\u00f6rperung des Rationalen&#8220; <\/em>hat ihn Ekkehard Kn\u00f6rer ausgemacht (&#8222;Der Held, der krumme Linien gerade macht. Zu Lee Childs &#8218;Reacher&#8216;-Romanen&#8220; in Krimijahrbuch 2007, S. 185-190, hier: S.190), ohne seine <em>&#8222;mythischen Z\u00fcge&#8220;<\/em> zu \u00fcbersehen. Das Trauma des Kriegers zeigt sich hier als Ordnungsprinzip, Reacher ist \u2013 noch einmal Kn\u00f6rer \u2013 <em>&#8222;ein ungebrochener Held, der krumme Linien gerade macht&#8220;<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>V\u00f6llig anders und der &#8222;Reacher&#8220;-Figur doch verbl\u00fcffend \u00e4hnlich agiert Rex Millers titelgebender &#8222;Fettsack&#8220;, eine in den Zeiten des Vietnamkrieges zum T\u00f6tungsapparat hochgez\u00fcchtete monstr\u00f6se Figur, die das Tr\u00e4uma des Krieges als schiere Gewalt und Verk\u00f6rperung des Irrational-B\u00f6sen abbildet. Beide, Reacher wie der &#8222;Fettsack&#8220;, verarbeiten ihre Deformierungen in vergleichbarer Weise. Der eine auf Seiten der &#8222;Guten&#8220;, der andere auf der des &#8222;B\u00f6sen&#8220;, zwei Seiten eines Helden.<\/p>\n\n\n\n<p>Den es bis zu den Kampfeins\u00e4tzen der Bundeswehr hierzulande nicht geben konnte, jetzt aber schon, etwa in Gregor Webers &#8222;Feindber\u00fchrung&#8220;. Nur agiert er dort nicht als &#8222;Held&#8220;. Allgegenw\u00e4rtig sind die Traumata des Krieges dennoch, als &#8222;posttraumatische Belastungsst\u00f6rungen&#8220; (PTBS) in die wissenschaftliche Terminologie gepresst und sowohl in der Person des Opfers, des T\u00e4ters und ihrer Bezugsgruppe Soldat evident. Die Form indes bleibt der biedere Polizei-\/Ermittlerroman mit seinen Stereotypen, die Story verheddert sich ebenfalls im Gestr\u00fcpp des Altbekannten (Rocker, Rauschgift etc.). Herauskommt eine Art Mogelpackung, die das &#8222;das Neue&#8220; verspricht und doch das Alte liefert (eine Rezension folgt).<\/p>\n\n\n\n<p>Doch gerade der Polizeiroman, dieser Inbegriff der Aufarbeitung und Kl\u00e4rung von Sachverhalten, befindet sich momentan im Fluss. In seinen Konstantin-Kirchenberg-Romanen hat Norbert Horst die Objektivit\u00e4t der Polizeiarbeit mit der Subjektivit\u00e4t ihrer Wahrnehmung durch den Polizeiarbeiter verbunden und konterkariert, eine vor allem sprachliche Operation mit geh\u00f6rigen Auswirkungen auf das Resultat. Immer bleibt ein blinder Fleck, etwas nicht zu Kl\u00e4rendes. &#8222;Splitter im Auge&#8220;, Horsts aktueller Roman, geht scheinbar hinter diese Position zur\u00fcck, wirkt in seiner Erz\u00e4hlweise konventionell, ist es aber nicht (\u2192<a href=\"http:\/\/www.krimi-couch.de\/krimis\/norbert-horst-splitter-im-auge.html\">Rezension<\/a>). Auch hier steht am Ende eine Ungeheuerlichkeit, die sich jedweder Aufkl\u00e4rung entzieht. Ein Krimi ohne Happyend sozusagen, die Stra\u00dfe Wirklichkeit, die in der Kehrwoche b\u00fcrgerlicher Kriminalliteratur nicht mehr v\u00f6llig gefegt werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesem Ph\u00e4nomen begegnen wir auch in Monika Geiers &#8222;M\u00fcllers Morde&#8220; wieder. Es ist wie Horsts &#8222;Splitter im Auge&#8220; ein sogenannter Standalone. Geiers Serienheldin, die Kommissarin Bettina Boll, bleibt weitgehend au\u00dfen vor, hat eine Art Gastauftritt, f\u00fcr die L\u00f6sung des Falles ist sie aber nicht entscheidend. Eine &#8222;L\u00f6sung&#8220; gibt es auch gar nicht. &#8222;M\u00fcllers Morde&#8220; ist ein verhinderter Polizeiroman, der eigentlich ermittelnde Beamte eine vollst\u00e4ndige Niete in seinem Beruf, mit Vorurteilen behaftet, scheuklappig und jedwedem Neudenken abhold, sprich: das typische Politikerprofil. Wieder l\u00e4sst sich die Wirklichkeit nicht in die bew\u00e4hrte Schablone pressen, sie ist m\u00e4chtiger als ihre Ordnungsmittel. Eine angemessene Wahl von Geier, die nicht zuf\u00e4llig ein Verbrechen behandelt, das mit den Undurchsichtigkeiten globaler Finanztransaktionen zu tun hat und damit schon durch seine Form politisch wird. (Auch hier folgt die Rezension)<\/p>\n\n\n\n<p>Vollends obsolet wird &#8222;Ermittlung&#8220; in Sandro Veronesis &#8222;XY&#8220;, einem Roman, in der die Staatsgewalt von Anfang an kapituliert und mehr an Vertuschung denn an Aufkl\u00e4rung interessiert ist. In einem abgelegenen italienischen Bergdorf werden zehn (oder elf?) Menschen tot aufgefunden. Sie starben an Krebs oder wurden bestialisch vergewaltigt, gek\u00f6pft oder verschluckten sich an Brotrinden, eine Frau weist gar Verletzungen auf, wie sie nur der Angriff eines Hais erkl\u00e4rbar macht. Hier str\u00e4ubt sich also die Wirklichkeit der Indizien und ihrer Bewertung so sehr, dass an die Stelle der Beleuchtung die Verdunkelung tritt. Fortschritt bedeutet Kapitulation, die Gesetze der Kriminalliteratur werden aus den Angeln gehoben.<\/p>\n\n\n\n<p>Horst, Geier, Veronesi: die Auswahl ist willk\u00fcrlich, weil meiner ebenso willk\u00fcrlichen und naturgem\u00e4\u00df l\u00fcckenhaften Lekt\u00fcre geschuldet. Es sei auch gar nicht behauptet, hier vollziehe sich etwas v\u00f6llig Neues (Namen wie Charyn, Persson, Peace oder Carlo Emilio Gaddas &#8222;Die gr\u00e4ssliche Bescherung in der Via Merulana&#8220; fallen einem ein, von Hardboiled \/ Noir gar nicht zu reden), doch eines zeigt sich deutlich: Das seit der Mitte des 19. Jahrhunderts f\u00fcr die Kriminalliteratur bedeutsame Moment der Beherrschung von Welt ger\u00e4t angesichts der immer weniger zu ignorierenden Nichtbeherrschbarkeit derselben zunehmend ins Wanken. Gute Kriminalliteratur zieht daraus die Konsequenzen, schlechte bel\u00e4sst alles beim Alten. Das wiederum ist nichts Neues, sondern die Regel.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber das literarische Experiment sagte Hans Magnus Enzensberger einmal sinngem\u00e4\u00df, es habe im Labor stattzufinden und nicht in aller \u00d6ffentlichkeit. 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