{"id":17149,"date":"2006-09-20T07:47:57","date_gmt":"2006-09-20T07:47:57","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/09\/das-kriminalerbe\/"},"modified":"2022-06-08T01:01:45","modified_gmt":"2022-06-07T23:01:45","slug":"das-kriminalerbe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/09\/das-kriminalerbe\/","title":{"rendered":"Das Kriminalerbe"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/k_krimis.gif\" alt=\"k_krimis.gif\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Krimifreunde wissen es: Der Mensch ist ein sterbliches Wesen. Wen nicht einer der zahllosen Serienm\u00f6rder vom sch\u00f6nen Erdboden senst, der gibt unprosaisch den L\u00f6ffel ab, sehr zu Nutzen und Frommen der lachenden Erben. Zur\u00fcck n\u00e4mlich bleibt: das Materielle. Bargeld, Bankkonten, Immobilien und, vielleicht, eine wertvolle Bibliothek. Da winkt der Krimifreund resigniert ab: Was b\u00fccherm\u00e4\u00dfig von ihm bleiben wird, ist halt nur Altpapier, schnell gelesen, schnell vergessen, f\u00fcr die Nachfolgenden von allenfalls historischem Wert. Aber das muss nicht so sein.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Erinnern wir uns: An jenen Griechen etwa, der vor vielen Tausend Jahren eine Erstausgabe von Homers \u201eOdyssee\u201c erwarb, sich vom Autor signieren lie\u00df und getreulich vererbte. So lief das gute St\u00fcck durch die Generationen, bis schlie\u00dflich einer der Abk\u00f6mmlinge des cleveren Hellenen die wertvolle Erstausgabe versteigern lie\u00df. Sein Name war Aristoteles Onassis, und was er sich vom Erl\u00f6s anschaffte, ist Geschichte: eine Tankerflotte, eine ber\u00fchmte Operns\u00e4ngerin und sp\u00e4ter dann die Originalwitwe eines amerikanischen Pr\u00e4sidenten. Nicht schlecht.<\/p>\n\n\n\n<p>Voreilige Krimifreunde inspizieren jetzt ihre Best\u00e4nde und rechnen hoch. Einmal Dan Brown, wie neu, nur die ersten zwanzig Seiten gelesen, dann fluchend in die Tiefen der Regale gepfeffert. Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6 komplett, die Rowohlt-Zehnerausgabe damals. Drei laufende Meter Regionalkrimis, zwei Paduras, drei Bottinis und &#8230; aber lassen Sie ab, bester Krimifreund, beste Krimisfreundin, das ist vergebliche Liebesm\u00fch. Blanke Massenware ist das, vieltausendfach verkauft, damit wird man dereinst die Pl\u00e4tze vor den Antiquariaten pflastern.<\/p>\n\n\n\n<p>So, so, denken Sie jetzt. Also literarische Krimis. Hm, eine Erstausgabe von D\u00fcrrenmatts \u201eDer Richter und sein Henker\u201c w\u00e4re nicht schlecht, aber auch kaum die Grundlage einer Tessiner Villa, die sich ihr Urenkel stolz in die Landschaft setzen k\u00f6nnte. Besitzen Sie ein Exemplar, in das D\u00fcrrenmatt eigenh\u00e4ndig \u201eIch tats nur f\u00fcr die Kohle, Krimis sind Schei\u00dfe\u201c geschrieben hat, ist ein gebrauchter PKW durchaus drin; mehr aber auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, um eine anst\u00e4ndige Wertsteigerung \u00fcber die Jahrhunderte zu garantieren, muss ein Krimi zwei Bedingungen erf\u00fcllen: Er muss zu Lebzeiten seines Autors, seiner Autorin ein Misserfolg gewesen sein, nur in kleiner St\u00fcckzahl auf den Markt gestreut und, ganz wichtig: Er sollte sp\u00e4testens 100 Jahre nach dem Ableben seines Verfassers, seiner Verfasserin als Meilenstein des Genres anerkannt werden. F\u00fcr den gewieften Sammler stellt Punkt eins kein Problem dar, denn viele Krimis sind im marktwirtschaftlichen Sinne Misserfolge.<\/p>\n\n\n\n<p>Und etwas Krimispezifisches kommt hinzu: Selbst ein, sagen wir, in 5000er Auflage abgesetzter Krimi d\u00fcnnt im Laufe der Zeit quantitativ aus. Gelesene Exemplare wandern in den M\u00fcll, w\u00e4hrend die 24. Ausgabe der Gedichte Eduard M\u00f6rickes bildungsb\u00fcrgerlich fest im Regal verbleibt. Eine statistische Untersuchung hat etwa j\u00fcngst ergeben, dass vom Erstling Anne Chaplets inzwischen nur noch 794 Exemplare verf\u00fcgbar sind, w\u00e4hrend der stolze Rest l\u00e4ngst wieder in den Kreislauf eines \u00f6kologisch sinnvollen Recyclings gelangt ist. Dass dieses Buch indes die zweite Bedingung, ein Meilenstein des Genres zu sein, erf\u00fcllt, darf f\u00fcglich bezweifelt werden, da nicht absehbar ist, ob sich die Urteilskraft des menschlichen Gehirns in den n\u00e4chsten tausend Jahren evolutionsm\u00e4\u00dfig auf das Niveau der Jungsteinzeit zur\u00fcckentwickeln wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Was also ist zu raten? Die erfolgversprechendste, aber auch k\u00fchnste L\u00f6sung: Schreiben Sie selbst einen Krimi. Ver\u00f6ffentlichen Sie ihn in h\u00f6chstens 20 Exemplaren. Vererben Sie davon mindestens 15 weiter. Bem\u00fchen Sie sich, das Genre zu erneuern, das ist nicht so schwer, wie es sich jetzt anh\u00f6rt. Und eine Mahnung zum Schluss: Nat\u00fcrlich unterliegen alle Erl\u00f6se aus der Versteigerung Ihres so raren wie epochalen Werks der Steuerpflicht. Das darf ich als Finanzbeamter nicht verschweigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit besten Gr\u00fc\u00dfen und toitoitoi<br \/>Ihr K.<\/p>\n\n\n\n<p><em>(Herr K. arbeitet als Sachbearbeiter bei der Oberfinanzdirektion Oberursel. Seine aktuellen Lieblingskrimis haben aktuelle Wiederverkaufswerte von 235 \u20ac, 190 \u20ac und 120 \u20ac. Tendenz: steigend. Wenn es ihm die Zeit erlaubt, wird Herr K. seine Mittagspausen weiterhin dazu nutzen, den Krimi zu erkl\u00e4ren.)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Krimifreunde wissen es: Der Mensch ist ein sterbliches Wesen. 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