{"id":17164,"date":"2006-09-27T06:52:36","date_gmt":"2006-09-27T06:52:36","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/09\/horst-eckert-der-absprung\/"},"modified":"2024-04-06T05:02:08","modified_gmt":"2024-04-06T03:02:08","slug":"horst-eckert-der-absprung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/09\/horst-eckert-der-absprung\/","title":{"rendered":"Horst Eckert: Der Absprung"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/cover\/eisenbahn_eckert.jpg\" alt=\"eisenbahn_eckert.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Eigentlich ist das Zugfahren ein sch\u00f6nes Bild, mit dem man das Lesen erkl\u00e4ren kann. Man sitzt in einem Wagen, der einen, mehr oder weniger gleichm\u00e4\u00dfig sich bewegend, von A \u00fcber B und C nach D transportiert, man schaut aus dem Fenster in eine Landschaft, man ist in dieser Landschaft und ist doch nicht drin. Man sieht, was man sehen kann. Ein noch sch\u00f6neres Bild w\u00e4re das: Man f\u00e4hrt, man sieht \u2013 und kann den Zug anhalten, sich etwas durch die Landschaft bewegen, sich manches angucken, das man durch die Fensterscheibe gar nicht sehen konnte \u2013 und dann nimmt man wieder im Abteil Platz und die Fahrt geht weiter.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Aber wir wollen es nicht \u00fcbertreiben und nicht zuviel verlangen, schon gar nicht von 64 Seiten Kriminalliteratur. Horst Eckerts \u201eDer Absprung\u201c also. Um es vorwegzunehmen: Dieser f\u00fcnfte \u201ekaliber .64\u201c-Krimi \u00fcberzeugt mich bisher von seiner Konzeption her am ehesten. Kein aufwendiges T\u00e4ter\/Opfer-Szenario mit dem \u00fcblichen Whodunit-Aufwand (Personen m\u00fcssen eingef\u00fchrt und als potentielle T\u00e4ter beschrieben werden), sondern das geradlinig erz\u00e4hlte Schicksal des SEK-Mannes Tom, der eines Tages erkennen muss, dass er sich im Fr\u00fchstadium der Parkinsonschen Krankheit befindet. F\u00fcr diese Erkenntnis zahlt er einen hohen Preis. W\u00e4hrend eines Einsatzes erschie\u00dft er, dessen rechte Hand zittert, einen Kollegen und wird in die Verwaltung versetzt. Private Probleme kommen hinzu. Tom ist geschieden, sieht seinen zehnj\u00e4hrigen Sohn Dany nur wenige Stunden im Monat.<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich erz\u00e4hlt Eckert so, wie ein Zug f\u00e4hrt. In gutem Tempo, dramaturgisch gleichm\u00e4\u00dfig ger\u00e4t die eh schon nicht ganz so stabile Welt eines Menschen ins Wanken und st\u00fcrzt schlie\u00dflich zusammen. Tom muss diesem Leben entfliehen, er plant \u2013 es ist kurz vor der Euro-Einf\u00fchrung \u2013 den \u00dcberfall auf einen Geldtransporter, um mit der Beute nach Schweden zu fl\u00fcchten, wo man die Krankheit vielleicht heilen kann. Sohn Dany soll nat\u00fcrlich mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Abends \u2013 es wird ja wieder fr\u00fch dunkel \u2013 ist das Zugfahren noch spannender. Man blickt in die Landschaft, aber man erkennt sie nicht mehr so genau. Die Dinge werden zwielichtig, interpetierbar. Wie ein guter Text. Wie Horst Eckerts \u201eAbsprung\u201c. Der Autor hat ja nach dieser Exposition nur zwei logische M\u00f6glichkeiten. Entweder gestattet er seinem Tom den perfekten Coup mit anschlie\u00dfendem Happyend \u2013 oder alles geht schief. Eckert hat sich f\u00fcr letzteres entschieden. Ein Mitwisser (dessen Rekrutierung vielleicht der einzige schwache Punkt der Geschichte ist) spielt falsch, auch Dany ist nicht so begeistert. Tom muss improvisieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende (das Eckert \u00fcbrigens schon effektvoll und klug ganz zu Beginn des Textes anrei\u00dft) schauen wir in die Geschichte wie in eine dunkle, schemenhafte Landschaft. Ist die Sache gut ausgegangen? Doch nicht? Die Antwort m\u00fcssen wir uns selbst geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: Die kleinere Form der Kriminalerz\u00e4hlung wird von Eckert optimal genutzt. Er hat keine Plotverpflichtungen, die ihn zum Ende hin zu \u00fcberhasteten Aktionen dr\u00e4ngen. Es muss nichts \u201eaufgel\u00f6st\u201c werden, die Geschichte beh\u00e4lt ihr Tempo und l\u00e4uft schlie\u00dflich in Ungewissheit aus. So soll es sein.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Horst Eckert: Der Absprung. <br \/>Edition Nautilus 2006. 61 Seiten. 4,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich ist das Zugfahren ein sch\u00f6nes Bild, mit dem man das Lesen erkl\u00e4ren kann. 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