{"id":17175,"date":"2006-10-02T07:50:14","date_gmt":"2006-10-02T07:50:14","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/10\/der-it-mord\/"},"modified":"2022-06-09T21:35:17","modified_gmt":"2022-06-09T19:35:17","slug":"der-it-mord","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/10\/der-it-mord\/","title":{"rendered":"Der IT-Mord"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/cover\/wickius.GIF\" alt=\"wickius.GIF\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>(Auch wir haben jetzt endlich unseren Serienhelden. Kommissar Wickius: erfahren, helle, vor allem aber: belesen. Er kennt die Verbrechens- und Kriminalliteratur der letzten ca. 2500 Jahre in- und auswendig, er l\u00f6st jeden Fall, indem er das literarische Muster daf\u00fcr sucht. Und Sie? Wissen auch Sie, welche klassischen F\u00e4lle den hier in loser Folge geschilderten Mordtaten zu Grunde liegen? Dann nichts wie ran an die Kommentarfunktion! F\u00fcr alle Unbelesenen gibt es die Aufl\u00f6sung immer ein paar Tage nach der Ver\u00f6ffentlichung der Geschichte.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Netzstr\u00fcmpfe. Am Montagmorgen. Kommissar Wickius begann die Woche nur ungern mit erotischen Phantasien und schwenkte seine nat\u00fcrliche Kamera abrupt zur holzget\u00e4felten Decke. Kollege Oberschiller (Kriminalassistent, jung, ehrgeizig, sinnenfroh und schwer von Begriff) nahm die Beine der Frau S\u00fcritz zum Basislager einer kurzen Expedition in das so reizend verpackte terra incognita, wanderte \u00fcber sanfte Erhebungen hoch zu den Gebirgen der Br\u00fcste, g\u00f6nnte auch dem aparten Gesicht einen kleinen Abstecher, einem erstaunlich neutralen Gesicht, denn im Nebenzimmer lag Frau S\u00fcritzens Chef, Generaldirektor Kresenbronn, mit eingeschlagenem Sch\u00e4del in Blut und Hirn.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie haben den Toten gefunden?\u201c begann Wickius die Befragung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die S\u00fcritzen versuchte sich ohne Erfolg an einem Seufzer. \u201eJa \u2013 ich bin \u2013 ich war doch seine Sekret\u00e4rin. Jeden Morgen um 7 brachte ich ihm die Post \u2013 er kam ja immer schon fr\u00fcher, sp\u00e4testens um 6.\u201c Sie hielt inne und \u00fcberlegte, ob ein zweiter Versuch zum Seufzer angebracht sei, verwarf den Gedanken aber sofort. \u201eUnd da lag er. Schrecklich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wickius l\u00f6ste seine Augen von der Decke und richtete sie auf Frau S\u00fcritz, die ihren f\u00fcnfundzwanzigj\u00e4hrigen Sekret\u00e4rinnenk\u00f6rper auf dem B\u00fcrostuhl langsam von links nach rechts, rechts nach links pendeln lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHatten Sie ein Verh\u00e4ltnis mit Ihrem Chef?\u201c fragte Wickius brutal.<\/p>\n\n\n\n<p>Die S\u00fcritzen schaute ihn verst\u00e4ndnislos an. \u201eNat\u00fcrlich! Oder glauben Sie etwa, man besch\u00e4ftigt MICH zum Briefetippen? Ich habe die Post gebracht. Ihm Kaffee gekocht. Die Besucher empfangen. Und mich in der Mittagspause f\u00fcr f\u00fcnf Minuten auf seinen Schreibtisch gelegt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Oberschillers Unterkiefer klappte auf die Brust. Wickius, der das Leben kannte, blieb unbeeindruckt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd wie war er als Arbeitgeber? Ein angenehmer Chef oder eher&#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt lachte die S\u00fcritzen spitz, verfiel jedoch sogleich wieder in die Neutralit\u00e4t einer schockierten und trauernden Angestellten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAngenehm? Nichts weniger! Er verlangte von seinen Mitarbeitern ALLES. Er g\u00f6nnte Ihnen kein Privatleben! Wer pers\u00f6nliche Dinge, gleich welcher Art, \u00fcber das Unternehmen stellte, der flog hochkant! Sofort! Ausnahmslos! Sie hatten f\u00fcr die Firma zu leben. Schlie\u00dflich sind wir in der IT-Branche t\u00e4tig.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sprach das Wort in einem merkw\u00fcrdigen Sprachmix, \u201eEi-Tee-Brangsche\u201c, und das erinnerte Wickius schmerzlich an das heutige Fr\u00fchst\u00fcck, ohne Ei, ohne Tee, daf\u00fcr mit keifender Hausfrau, die ihn zum Verzehr eines Marmeladenbrotes n\u00f6tigte, wie sie es nun schon seit 30 Jahren jeden Morgen tat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die S\u00fcritzen war in Fahrt geraten. \u201eFragen Sie meinetwegen alle! Wird jeder best\u00e4tigen. Oder l\u00fcgen! Er war \u2013 er war \u2013\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wickius schnitt ihr das Wort ab. \u201eBefinden sich die weiteren Mitglieder der Vorstandsetage im Konferenzraum?\u201c fragte er Oberschiller. Der brachte den Unterkiefer wieder in seine Gewalt und antwortete: \u201eDenk schon. Ja. Muss wohl so sein. Alle drei. Doch. Glaub ich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDann wollen wir mal.\u201c Wickius stand auf, schaute noch einmal auf die Netzstr\u00fcmpfe und verlie\u00df stumm den Raum.<\/p>\n\n\n\n<p>***<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei M\u00e4nner und eine Frau hatten sich im Konferenzraum am gro\u00dfen Eichentisch niedergelassen und blickten dem eintretenden Duo stoisch entgegen. \u201eKommissar Wickius \u2013 mein Kollege Oberschiller. W\u00fcrden Sie sich bitte selbst vorstellen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eM\u00fcller-Hamm\u201c begann ein noch sehr junger Anzugtr\u00e4ger, \u201eAssistent der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung. Haben Sie schon eine Spur? Wer tut so etwas? Das ist ja alles so schrecklich, schrecklich!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eZiehen Sie hier keine Show ab.\u201c zischte ihn sein Nebenmann an; bedeutend \u00e4lter, bedeutend grauer. \u201eS\u00fctterlein hei\u00df ich \u00fcbrigens. Kaufm\u00e4nnischer Leiter. Und im Gegensatz zu M\u00fcller-Hamm nicht scharf auf den Chefposten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein,\u201c zischte M\u00fcller-Hamm zur\u00fcck, \u201eaber ein As in kreativer Buchf\u00fchrung. Na, die Revision findet ja jetzt wohl vorerst NICHT statt! Dieses Ungl\u00fcck ist ein Gl\u00fcck f\u00fcr Sie!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor sich S\u00fctterlein eine emp\u00f6rte Retourkutsche ausgedacht hatte, schlug die Frau energisch mit der Handfl\u00e4che auf den Tisch. Eine eigentlich sch\u00f6ne Frau, aber sehr blass und dazu noch ganz in Schwarz. Entweder neue Modefarbe oder Trauer, \u00fcberlegte Wickius.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas ist nur peinlich, was Sie hier abziehen, meine Herren! Der Chef ist tot und sie&#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie hei\u00dfen?\u201c fragte der Kommissar dazwischen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAntje Krone. Ich bin die PR-Managerin. Entschuldigen Sie bitte. Aber das ist \u2013\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSchon gut,\u201c sagte S\u00fctterlein. \u201eWir verstehen ja, dass dieser zweite schreckliche Todesfall in so kurzer Zeit&#8230;\u201c Er wandte sich erkl\u00e4rend an Wickius. \u201eDer Bruder von Frau Krone ist n\u00e4mlich vorgestern \u00fcberraschend gestorben und heute ist die Beerdigung.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch kann schon f\u00fcr mich selbst reden, S\u00fctterlein!\u201c fuhr ihn die Krone an. \u201eSie kriegen das ja eh raus, Herr Kommissar. Mein Bruder ist leider \u2013 auf die schiefe Bahn geraten. Er war Mitglied einer Rockerbande und wurde von einer konkurrierenden Gruppe kaltbl\u00fctig ermordet.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wickius nickte. \u201eJa, ich habe davon geh\u00f6rt. Das war also Ihr Bruder, so, so. Und heute ist die Beerdigung?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHeute Mittag\u201c antwortete Antje Krone.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHat jemand von Ihnen ein Alibi f\u00fcr die Tatzeit zwischen halb sechs und sieben Uhr?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die drei Angesprochenen sch\u00fcttelten die K\u00f6pfe.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSo direkt nicht, Herr Kommissar\u201c, sagte M\u00fcller-Hamm. \u201eWir haben heute Mittag eine wichtige Konferenz und mussten uns darauf in unseren B\u00fcros vorbereiten. Wir sind seit f\u00fcnf Uhr im Betrieb. Naja, Frau Krone musste sich ja aus naheliegenden Gr\u00fcnden entschuldigen und w\u00e4re der Konferenz ferngeblieben&#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wickius nickte. \u201eGut. Dann gehen Sie jetzt bitte an Ihre Arbeitspl\u00e4tze zur\u00fcck. Wir melden uns dann.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Chefetage stand auf und ging langsam hinaus. Wickius sa\u00df sinnierend am Tisch, Oberschiller gespannt neben ihm.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir sollten das Privatleben des Toten fokussieren, Chef.\u201c schlug der Kriminalassistent vor. \u201eScheint ja\u2019n ziemlicher Schlawiner gewesen zu sein. Vielleicht wollte er seine Sekret\u00e4rin abservieren? Vielleicht ist sie schwanger von ihm und hat ihn erpresst? Und was ist mit diesem S\u00fctterlein? Unterschlagung? Oder der junge Pimpf da. Vielleicht ehrgeizig genug, sich den Weg nach ganz oben freizumorden. Und die \u2013 \u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAch, Oberschiller,\u201c seufzte Wickius und erhob sich. \u201eDer Fall ist doch klar. Lesen Sie eigentlich keine Krimis? So. Und jetzt nehmen wir den T\u00e4ter ins Kreuzverh\u00f6r und in zehn Minuten ist der Fall gel\u00f6st. Wetten?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Auch wir haben jetzt endlich unseren Serienhelden. Kommissar Wickius: erfahren, helle, vor allem aber: belesen. 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