{"id":17187,"date":"2006-10-09T08:09:38","date_gmt":"2006-10-09T08:09:38","guid":{"rendered":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/10\/krimis-menschen-sensationen\/"},"modified":"2022-06-05T22:48:22","modified_gmt":"2022-06-05T20:48:22","slug":"krimis-menschen-sensationen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/10\/krimis-menschen-sensationen\/","title":{"rendered":"Krimis, Menschen, Sensationen"},"content":{"rendered":"\n<p>Buchmesse! Donnerstag, nur f\u00fcr Fachbesucher. Fachbesucher ist jeder, der nachweisen kann, schon einmal ein Buch gelesen zu haben, wobei es gen\u00fcgt, die physische Existenz dieses Buches durch Vorzeigen am Ticketschalter zu best\u00e4tigen. Da der Transport dieses Buches indes von Stunde zu Stunde beschwerlicher f\u00e4llt, man es aber aus Kulturgr\u00fcnden nicht in eine der zahlreichen mit \u201ePapier\u201c beschrifteten Abfalltonnen werfen will, verwundert es nicht, dass die Regale an den St\u00e4nden immer voller werden. Diskret abgestellt in diesem Jahr vor allem: Eva Hermans \u201eDas Profitmaximierungsprinzip\u201c, die bekannte, durch s\u00e4mtliche Medien gejagte Anleitung, wie man sich trotz fortgeschrittener Denk- und Schreibschw\u00e4che als Bestsellerautorin etabliert, sofern man blond genug ist.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Aber kommen wir zu den Krimis. Wahrhaft Revolution\u00e4res verk\u00fcndet der Grafit-Verlag: den Mehrfachkrimi. \u201eMan muss ihn\u201c erl\u00e4utert Verleger Dr. Boo\u00df, \u201emindestens 10mal lesen, bevor man ihn verstanden hat. Er kostet aber nur 5mal so viel wie ein gew\u00f6hnlicher Einwegkrimi. Die Ersparnis betr\u00e4gt also 50%, zuz\u00fcglich 3% Mehrwertsteuererh\u00f6hung 53 %. Wir werden den ersten Titel im Januar platzieren, Autoren, die so etwas schreiben k\u00f6nnen, gibt es genug.\u201c Dann dr\u00fcckt er uns ein Exemplar des neuen Eifelkrimis in die Hand, \u201enehmen Sie, ich hab 80.000 davon, alles Hardcover mit Schutzumschlag, Sie k\u00f6nnen sich gar nicht vorstellen, wie es bei mir zu Hause aussieht, ich kann das Wohnzimmer nicht mehr betreten und komme kaum noch aufs Klo!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aufruhr am Stand des Unionsverlages. Leonardo Padura ist da! Live! Ein netter kleiner Mann in mexikanischer Landestracht: Poncho, Sporenstiefel, Sombrero, einen Tequila mit Schirmchen in der Linken, in der Rechten beziehungsweise im Mund einen 30-Cent-Stumpen. Pressegedr\u00e4nge, Mikrophone wackeln, Fragen kreuzen sich. \u201eWarum ist Mexiko nicht Fu\u00dfballweltmeister geworden? Stimmt es, dass Sie mit Hemingway zusammen zur Schule gegangen sind? Sind die Hotels im Acapulco immer noch so unhygienisch?\u201c Geduldig beantwortet Padura s\u00e4mtliche Fragen durch ausf\u00fchrliches Nicken.<\/p>\n\n\n\n<p>Metro-Herausgeber W\u00f6rtche sitzt in einer Ecke und sinniert. Herr W\u00f6rtche? Hallo? K\u00f6nnten wir Sie zu einer Stellungnahme zum weiteren Programm Ihrer Reihe bewegen? Sofort h\u00f6rt W\u00f6rtche mit dem Sinnieren auf und beginnt mit einem einstudierten Monolog. \u201eIch habe, wie Sie wissen, Kriminalromane von s\u00e4mtlichen Kontinenten ver\u00f6ffentlicht. Wirklich von s\u00e4mtlichen? Nein! Einen habe ich vergessen! Den unbekanntesten, den faszinierendsten von allen: unsere Seele! Das muss nachgeholt werden! Wir starten daher in diesem Herbst mit einem Sechserpack Seelenkrimis vom Feinsten, Thriller aus den Tropen des Gef\u00fchls, Hardboiled Action aus den gem\u00e4\u00dfigten Zonen der sinnlichen Erregung, Noirs mitten aus dem antarktischen Seelenschwarz, Landhauskrimis vom terra incognita des Herzmuskels. Metro, die U-Bahn direkt unter Ihrer Haut!\u201c Sprichts und versinkt sogleich wieder in heftiges Sinnieren. Wir machen uns schleunigst aus dem Staub.<\/p>\n\n\n\n<p>Erquickend leer die Cafeteria, wo wir Frau Astrid Paprotta zu einem Hintergrundgespr\u00e4ch vorgeladen haben. Sie erscheint p\u00fcnktlich und bestellt einen Kaffee. Ja, gesteht sie, sie schreibe an einem neuen Krimi. Nein, er hei\u00dfe nicht \u201eIna Henkel wohnt hier nicht mehr\u201c, ja, Ina Henkel komme nicht mehr darin vor, nein, er hei\u00dfe trotzdem nicht \u201eIna Henkel wohnt hier nicht mehr\u201c, ja, sie nehme gerne noch ein Extrat\u00fctchen Zucker im Kaffee, nein, sie denke gar nicht daran, den Kaffee zu bezahlen, ja, sie sei schlie\u00dflich nicht freiwillig gekommen, nein, sie habe nicht geheiratet und hei\u00dfe jetzt Glauser-Paprotta, ja, sie besitze 5000 Euro in kleinen Scheinen, nein, Ina Henkel sei in ihrem neuen Krimi auch nicht \u201ein effigie\u201c anwesend, ja, sie wisse \u00fcberhaupt nicht, was das ist, nein, sie m\u00fcsse jetzt wieder gehen, ja, sie schreibe wohl n\u00e4chste Saison einen Seelenkrimi f\u00fcr W\u00f6rtches metro, nein, er spiele nicht in Frankfurt, ja, aber wieder mit Ina Henkel. Wir bedanken uns f\u00fcr dieses Hintergrundgespr\u00e4ch und entlassen Frau Paprotta, nachdem sie doch ihren Kaffee bezahlt hat. Sie wankt bedenklich zur\u00fcck in die sch\u00fctzende Masse der \u201eFachbesucher\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Und sonst? Die wichtigsten News in K\u00fcrze.<\/p>\n\n\n\n<p>Die charmanten jungen Damen, die an den St\u00e4nden herumsitzen und l\u00e4cheln, wenn man sie anschaut, tragen auch heuer wieder R\u00f6cke. Etwas l\u00e4nger als im Vorjahr, country-look dominiert, dazu schwarze Lederstiefel und bunte Strumpfhosen in gedeckten Herbstt\u00f6nen.<\/p>\n\n\n\n<p>Frau Christina Bacher, wohnhaft im Rheinland und Mitherausgeberin des \u201eKrimijahrbuchs 2007\u201c, ist geb\u00fcrtige Pf\u00e4lzerin. Mitherausgeber dpr hat nach diesem Gest\u00e4ndnis sofort die Vereinigten Nationen eingeschaltet und um Entsendung einer neutralen Schutztruppe gebeten. Ebenfalls-Mitherausgeber Noller hat den Mitherausgebern Bacher und dpr einen Sprudel respektive Kaffee ausgegeben. Lang lebe Mitherausgeber Noller!<\/p>\n\n\n\n<p>Die Diebstahlsquote ist dramatisch gesunken. Ebenfalls-Mitherausgeber Menke war dieses Jahr nicht auf der Messe.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchmesse! Donnerstag, nur f\u00fcr Fachbesucher. Fachbesucher ist jeder, der nachweisen kann, schon einmal ein Buch gelesen zu haben, wobei es gen\u00fcgt, die physische Existenz dieses Buches durch Vorzeigen am Ticketschalter zu best\u00e4tigen. 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