{"id":17195,"date":"2006-10-12T08:14:56","date_gmt":"2006-10-12T08:14:56","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/10\/yasmina-khadra-die-algier-romane\/"},"modified":"2022-06-16T03:03:41","modified_gmt":"2022-06-16T01:03:41","slug":"yasmina-khadra-die-algier-romane","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/10\/yasmina-khadra-die-algier-romane\/","title":{"rendered":"Yasmina Khadra: Die Algier-Romane"},"content":{"rendered":"\n<p>Manchmal ist ein Mord nur der Lockvogel, um Leser von Kriminalromanen in die Abgr\u00fcnde der stillen und gro\u00dfen Verbrechen zu st\u00fcrzen. Nehmen wir die Energiemafia. Dass in diesem Winter m\u00f6glicherweise viele Wohnungen unbeheizt bleiben werden, hat etwas mit B\u00f6rsenspekulation und Monopolmissbrauch zu tun. Oder die munter weiter praktizierte Arbeitslosenhatz. Das schreiende Unrecht h\u00fcllt sich in Gesetzeskonformit\u00e4t und bleibt doch schreiendes Unrecht. Zwei Themen \u2013 ein Problem: Wie es dem Krimileser schmackhaft machen? Durch Morde vielleicht? Ein B\u00f6rsenspekulant treibt b\u00e4uchlings im Main, ein \u201eSozialpolitiker\u201c h\u00e4ngt am First seines Ferienh\u00e4uschens. Damit kriegt man Krimileser. In Algerien hat man so etwas nicht n\u00f6tig.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Mohamed Moulessehoul, der unter dem Namen seiner Ehefrau Yasmina Khadra Kriminalromane schreibt, ist, so gesehen, ein beneidenswerter Mensch. Die gro\u00dfen und stillen Verbrechen, durch die er seinen Kommissar Llob schickt, haben eine spektakul\u00e4re Seite, den Massenmord. Seit Ende der achtziger Jahre sorgt er f\u00fcr Schlagzeilen, vom S\u00e4ugling bis zur Greisin wird abgeschlachtet, was vor Messer, Gewehr und Bombe kommt. Das bestimmt den algerischen Alltag, inzwischen hat sich die Lage beruhigt \u2013 oder auch nicht, kann sein, dass das Grauen f\u00fcr die Schlagzeilengeilheit unserer Medien zu redundant geworden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Medien. Die algerische Trag\u00f6die und eine h\u00fcbsch einfache Erkl\u00e4rung, die das Tagesschau-Bier nicht schal werden l\u00e4sst: Islamisten sind es, die da im Kampf gegen die Regierung morden und brandschatzen, das \u00fcbliche Schema also. Wer Yasmina Khadras Algier-Romane gelesen hat, wei\u00df: Schlichte Wahrheiten sind meistens schlichter Unfug.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eBlut\u00fcberstr\u00f6mt liegt der Horizont da und bringt durch einen Kaiserschnitt einen Tag zur Welt, f\u00fcr den sich die M\u00fche letztlich nicht gelohnt haben wird.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Mit diesem Bild beginnt \u201eMorituri\u201c, der erste der drei Algier-Romane. Und es ist ein starkes Bild. L\u00e4se man es im Text eines deutschen, englischen, amerikanischen, franz\u00f6sischen, italienischen Autors, w\u00e4re es wohl hart am Kitsch und k\u00e4me in seiner Bedeutungschwangerschaft mit den \u00fcblichen Nichtigkeiten nieder. Bei Khadra verwandelt es Wirklichkeit in Imagination und Imagination zur\u00fcck in Wirklichkeit. Ein Tag mehr, an dem Kommissar Llob, einer der wenigen verbliebenen Gerechten, durch sein blut\u00fcberstr\u00f6mtes, stinkendes, moribundes Algier strauchelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, er ist Polizist und also f\u00fcr Verbrechen zust\u00e4ndig. In \u201eMorituri\u201c sucht er die verschwundene Tochter eines reichen Mannes, in \u201eDoppelwei\u00df\u201c nach einer Diskette mit brisantem Inhalt. Was er aber findet, ist etwas, das er l\u00e4ngst wei\u00df: Die schlichte Wahrheit, die man uns allen verkauft \u2013 b\u00f6se Islamisten terrorisieren die Bev\u00f6lkerung, der Staat h\u00e4lt wacker dagegen \u2013 ist eine gigantische L\u00fcge. Die Wirklichkeit n\u00e4mlich ist die: Eine Gruppe von Privilegierten, Gesch\u00e4ftemachern und korrupten Politikern entfacht, steuert das Inferno oder profitiert zumindest davon. Die Gottesgl\u00e4ubigen sind hirn- und gewissenlose Schl\u00e4chter, kleine Ganoven und etwas gr\u00f6\u00dfere Sadisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen sie zu k\u00e4mpfen, ist letztlich aussichtslos, das wei\u00df Llob \u2013 und k\u00e4mpft. Er ist ein klarsichtiger, verzweifelter, zynischer Mensch, der so viel Angst hat, dass er keine Angst mehr zu haben braucht. Polizist und Schriftsteller. Im letzten der drei Romane, \u201eHerbst der Chim\u00e4ren\u201c, wird er seines Amtes enthoben, weil er einen Krimi geschrieben hat: \u201eMorituri\u201c. So schlie\u00dft sich der Kreis.<\/p>\n\n\n\n<p>Llob alias Khadra alias Moulessehoul erz\u00e4hlt uns den Schrecken in Bildern:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eIn der Ferne spielt ein Frachter mit den Wogen Bockspringen. Am Himmel, der unsere Felder boykottiert und unsere Gebete ignoriert, steigen wie wei\u00dfe Spruchb\u00e4nder die M\u00f6wen empor.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Bilder nicht selten von expressionistisch w\u00fctender Kraft, poetisch und entlarvend zugleich, anders l\u00e4sst sich kaum ertragen, was an prosaischem Dreck Algier zu verschlingen droht. Zerfetzte Leiber von Intellektuellen und opulente Gelage der M\u00e4chtigen, Skrupellosen und Sch\u00f6nen; die Angst, die im Akkord R\u00fcckgrate kr\u00fcmmt; die Dreistigkeit, mit der finstere L\u00fcgen leuchtende Wahrheit werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Romane lang k\u00e4mpft Llob gegen die kleinen, die \u00fcblichen Verbrechen und bringt kleine, \u00fcbliche T\u00e4ter zur Strecke. W\u00e4hrend die gro\u00dfen Verbrechen weiter wuchern. Im dritten Roman verweigert er sich dem. Er l\u00e4sst sich treiben, kehrt an den Ort seiner Kindheit zur\u00fcck, der l\u00e4ngst ein Schlacht- und Totenhaus geworden ist, das kleine, \u00fcbliche Verbrechen versucht ihn zu locken, ein Mord hier, ein merkw\u00fcrdiges Ereignis da, Erz\u00e4hlf\u00e4den werden aufgerollt \u2013 und wieder eingerollt. Am Ende liegt Llobs zerplatzter K\u00f6rper auf der Stra\u00dfe, ein weiteres Opfer, Vorhang.<\/p>\n\n\n\n<p>Vorhang. Die drei Algier-Romane brauchen ganze 421 Seiten, das ist nicht viel. 421 Seiten \u2013 das gen\u00fcgt den westlichen Gark\u00f6chen von Serienmord mit Psychoso\u00dfe gerade mal so f\u00fcr die Abspeisung des Lesevolkes mit dem fast food aus Thrill und Raterei. Khadra schreibt auf 421 Seiten eine ganze Welt. Er kl\u00e4rt uns auf \u00fcber die Dinge, von denen wir aus den Medien bisher nur die offiziell maltr\u00e4tierte Wahrheit erfahren haben. Er liefert uns gleichzeitig ein Lehrst\u00fcck \u00fcber die Schandtaten im Verborgenen, die in Algerien nach au\u00dfen detonieren und sichtbar werden, die aber auch, durchaus, in unserer Welt zu finden sind. Sehr viel distinguierter, versteht sich, ohne gr\u00f6\u00dferen Blutzoll, die Durchtriebenen leben gut von der Verdummung anderer, intellektuelles Nullniveau vernichtet mehr Intelligenz als eine algerische Bombe.<\/p>\n\n\n\n<p>Das k\u00f6nnen Kriminalromane leisten. Ganz ehrlich. Man nehme einen gew\u00f6hnlichen Mord, wenn es denn sein muss, und scheuche mit ihm die schmutzige Wirklichkeit aus ihrem kultivierten Loch.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Yasmina Khadra: Morituri \/ Doppelwei\u00df \/ Herbst der Chim\u00e4ren. \nDie Romane mit Kommissar Llob aus Algier. \nUnionsverlag 2006. 439 Seiten. 12 \u20ac (Sonderausgabe)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal ist ein Mord nur der Lockvogel, um Leser von Kriminalromanen in die Abgr\u00fcnde der stillen und gro\u00dfen Verbrechen zu st\u00fcrzen. Nehmen wir die Energiemafia. Dass in diesem Winter m\u00f6glicherweise viele Wohnungen unbeheizt bleiben werden, hat etwas mit B\u00f6rsenspekulation und Monopolmissbrauch zu tun. Oder die munter weiter praktizierte Arbeitslosenhatz. 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