{"id":17205,"date":"2006-10-18T07:59:52","date_gmt":"2006-10-18T05:59:52","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/10\/richard-laymon-die-insel\/"},"modified":"2022-06-12T04:08:24","modified_gmt":"2022-06-12T02:08:24","slug":"richard-laymon-die-insel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/10\/richard-laymon-die-insel\/","title":{"rendered":"Richard Laymon: Die Insel"},"content":{"rendered":"\n<p>Eine Gruppe Schiffbr\u00fcchiger strandet auf einer einsamen Insel, wird im weiteren Verlauf dezimiert, w\u00e4hrend die \u00dcberlebenden herauszufinden versuchen, was Ihnen widerf\u00e4hrt und wie sie den Kampf gegen einen unbekannten Gegner aufnehmen und gewinnen k\u00f6nnen. Klingt klassisch? H\u00f6rt sich nach Abenteuer, Thrill und S\u00fcdsee(alp)tr\u00e4umen an? K\u00f6nnte sein \u2013 ist es aber nicht.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Es funktioniert in der Fernsehserie \u201eLost\u201c auf der Abenteuerebene mit mystischen Untert\u00f6nen recht gut, es hat bei William Golding als zynische Zivilisationskritik getaugt, wurde bei Gilligans Insel zur Kom\u00f6die und hat alle diese Anlagen seit Defoes \u201eRobinson Crusoe\u201c in sich getragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwie findet es sich auch bei Laymon wieder. Und doch ist es anders: brutaler, billiger, bl\u00f6der; sozusagen das \u201eAll-inclusive-Paket\u201c des Inselthrillers. Inszeniert von einem nicht untalentierten, aber sensationsl\u00fcsternen Alleinunterhalter.<\/p>\n\n\n\n<p>Der fiktive Erz\u00e4hler: ein notgeiler, schm\u00e4chtiger, nicht sonderlich attraktiver Achtzehnj\u00e4hriger, der selbst dann noch ausschlie\u00dflich an Sex denkt, wenn schon die ersten \u00fcbel zugerichteten Leichen zu Grabe getragen werden.<br \/>Der Killer: ein l\u00e4cherlicher Fettsack mit ziemlich abseitigen Fantasien.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Komplize: ein l\u00e4cherlicher, h\u00f6riger Fettsack mit ziemlich abseitigen Fantasien.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Opfer: einem Playboy\/ Playgirl Kalender entsprungen. Laymon l\u00e4sst seinen Erz\u00e4hler seitenweise \u00fcber die k\u00f6rperlichen Vor- und Nachteile seiner Favoritinnen r\u00e4sonieren. Wobei die Vorz\u00fcge bei ALLEN \u00fcberwiegen.<br \/>Das k\u00f6nnte eine bittere Satire \u00fcber den Aufstand der Unterprivilegierten gegen die Scheinwelt der Sch\u00f6nen und Reichen sein. Zu Beginn b\u00fcrstet die schnodderige Sprache des jugendlichen Tagebuchschreibers die hochdramatischen und brutalen Erlebnisse durchaus gegen den Strich, dann pl\u00e4tschert es in Elogen auf jeden erdenklichen Quadratzentimeter weiblicher Nacktheit dahin, einem \u00c4sthetizismus huldigend, der seine Verfilmungsrechte bei Leni Riefenstahls mentalen Erben sieht, und wiederholt sich und wiederholt sich, um zum Ende hin unvermittelt widerw\u00e4rtig zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist immer unangenehm als Leser zum Mitt\u00e4ter zu werden, aber es gibt Autoren und B\u00fccher, die lassen diesen voyeuristischen Akt notwendig erscheinen, nehmen einen an die Hand und f\u00fchren den Leser in den siebten Kreis der H\u00f6lle. Losgelassen kann man dann Erkenntnissen entgegen taumeln, oder dort bleiben wo man vorher schon war. Richard Laymon geh\u00f6rt NICHT zu diesen Autoren. Die ausf\u00fchrlich beschriebene und vom Erz\u00e4hler mit Wonne beobachtete Vergewaltigung einer Vierzehnj\u00e4hrigen ist inhaltlich absolut sinnlos. Da die T\u00e4ter kein gro\u00dfartiges Motiv haben (\u201eSexsklavinnen halten\u201c halt) f\u00fchrt die Szene zu keinem Einblick in deren Psyche, und dass der beobachtende Erz\u00e4hler schwanzgesteuert ist, war auch schon 300 Seiten vorher klar. Dass die Opfer kaum traumatische Folgen (und wenn ist das eh nur nervig, und genervt hat die jeweilige Person auch vorher schon) erleiden, selbst schwere k\u00f6rperliche Misshandlungen nur minimalsten Schaden anrichten, ist allen Folteropfern h\u00f6hnisch ins Gesicht gespuckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass der Erz\u00e4hler am Ende zum sadistischen Folterknecht wird, und das Buch wie der Bravo-Fotoroman eines Jungredakteurs im Allmachtswahn ausgeblendet wird, mag zwar auf den ersten Blick konsequent erscheinen &#8211; doch wie lautet wohl eine Folgerung aus solcher Konsequenz: \u201eEs ist geil gefangene Frauen zu ficken; vor allem wenn sie Playmate des Jahres sein k\u00f6nnten\u2026\u201c???<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Insel\u201c ist vor allem zwei: verlogen und austauschbar. Denn eigentlich h\u00e4tte Laymon seine weiblichen Protagonisten, die T\u00e4ter und den Chronisten in einen Raum sperren k\u00f6nnen, sie ein bisschen im Kreis laufen lassen, um anschlie\u00dfend in ausschweifende S\/M Fantasien einzutauchen. Aber das hat er sich wohl nicht getraut. Und was das Ausloten der Grenzen des Menschseins angeht, war der Marquis de Sade schon vor rund 200 Jahren weit voraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Jack Ketchum, der mit \u201eEvil\u201c all das geschafft hat, was Laymon nicht ansatzweise gelingt, diesen Roman lobt \u2013 parbleu, es f\u00e4llt mir schwer zu glauben.<br \/>Dean Koontz und Stephen King sind ja die \u00fcblichen Buchdeckel-Verd\u00e4chtigen, um irgendwelchen Schrott zu vergolden. Aber Jack Ketchum? Sorry, wrong number\u2026.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Richard Laymon: Die Insel. <br \/>Heyne 2006. 559 Seiten. 9,95 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Gruppe Schiffbr\u00fcchiger strandet auf einer einsamen Insel, wird im weiteren Verlauf dezimiert, w\u00e4hrend die \u00dcberlebenden herauszufinden versuchen, was Ihnen widerf\u00e4hrt und wie sie den Kampf gegen einen unbekannten Gegner aufnehmen und gewinnen k\u00f6nnen. Klingt klassisch? H\u00f6rt sich nach Abenteuer, Thrill und S\u00fcdsee(alp)tr\u00e4umen an? K\u00f6nnte sein \u2013 ist es aber nicht.<\/p>\n","protected":false},"author":58,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-17205","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"Jochen K\u00f6nig","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/jochen-koenig\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17205","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/58"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17205"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17205\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17205"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17205"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17205"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}